„Die Hofkapelle musizierte in einer muschelförmigen Gondel…“

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„Die Hofkapelle musizierte in einer muschelförmigen Gondel…“

Als August der Starke seinen Sohn mit der Kaiserstochter Maria-Josepha vermählte, gab es ein türkisches Fest, die Tafel des Hochzeitsmahles war halbmondförmig, es spielten Janitscharenkapellen… Das Dresdner Barockorchester spürt der damaligen Türken-Begeisterung nun in einem neuen musikalischen Programm nach.

Ulrike Titze, schon einmal waren Sie dabei, als Orient und Okzident musikalisch zueinanderfanden…

Die Konzertmeisterin des Dresdner Barockorchesters, Ulrike Titze (Foto: PR)

Ja, das war, als wir einmal Georg Friedrich Händels Oper »Agrippina« in der türkischen Stadt İzmir aufführten. Der Dirigent Wolfgang Riedelbauch, der eingeladen war, das Projekt zu leiten, lud mich als Konzertmeisterin dazu. Die Spitzenpositionen des Orchesters waren mit deutschen Musikern besetzt; die restlichen Mitglieder spielten im lokalen Opernorchester. Sie hatten sich Barockbögen und Darmsaiten besorgt und waren zum großen Teil sehr aufgeschlossen. Für einen Großteil der Musiker war das eine völlig neue Welt.

Und wie reagierte das Publikum auf die Musik?

Ach, die Musikwelt von İzmir ist schon sehr vielfältig. Am Vorabend unserer Aufführung hatte ich mir Mikis Theodorakis’ »Alexis Sorbas« angesehen. Wo wird das in Europa denn im Augenblick gespielt? Unser Publikum schien sehr neugierig auf die Barock-Oper zu sein. Und für die Musiker, die das einfach mal ausprobiert haben, war es ein Gewinn, sich dieser Musik auf andere Weise zu nähern. Sie haben mich spontan zu kleineren Projekten wiedereingeladen. Bedrückt haben mich eher die Begleitumstände, die wir hier gar nicht mehr kennen. Zum Beispiel gab es nur ein ganz schreckliches Cembalo, das klang wie eine Drahtkommode.

Haben auch Sie künstlerisch etwas von der Musikerbegegnung mitgenommen?

Auf alle Fälle! Ich lerne auch selbst viel von Reisen wie dieser. In einem ungarisch besiedelten Gebiet von Rumänien beispielsweise habe ich mich mit Volksmusiktradition beschäftigt. Da sind mir geigentechnisch Dinge aufgegangen, etwa was Haltung oder Lagenwechsel angeht. Und die Musiker sind viel näher an der italienischen Musik als wir! Ich hörte, wie ein Ensemble eine Vivaldi-Chaconne mit Volksmusik mixte – total klasse. Ein andermal wurde ein transsilvanischer Codex aus dem 17. Jahrhundert auf die Bühne gebracht: Kuriere aus Italien überbrachten dem geigenden Mönch eine schlichte Melodie. Dieser, ein Kollege aus Bukarest, spielte sie ab, tat überrascht und lieferte dann ein wahres Feuerwerk, eine Caprice mit allen technischen Rafinessen. Alles, was auf der Geige technisch möglich ist, spielte er, ohne eine Note aufgeschrieben zu haben. Toll! Ich hörte auch ein rumänisches Ensemble mit orientalisch beeinflusster Musik. Solche grenzenlosen Weitblicke inspirieren mich.

Welche Schnittmengen zwischen den Welten gibt es eigentlich instrumentell gesehen?

Das ist ein spannendes Thema für mich. Man weiß ja, dass Instrumente, die über das arabische Andalusien nach Europa gelangten, zu Anregern wurden für die Instrumente, die wir heute hier kennen. Die Kamancheh, eine gestrichene Laute, kam als „Fidel“ nach Europa, letztlich entwickelten sich daraus die europäischen Streichinstrumente mit. Das war übrigens sehr früh: die Kamancheh gibt es schon seit dem 10. Jahrhundert. „Keman“ ist heute der türkische Ausdruck für Geige. Und kannte eigentlich Pantaleon Hebenstreit, der„Kammermusikus“ Augusts, das türkische Kanun, als er das nach ihm benannte "Pantalon", eine Art großes Hackbrett, entwickelte?  

Das Pera Ensemble wird die europäischen Klänge des Barockorchesters mit osmanischen anreichern… (Foto: PR)


»Diana unterm Halbmond« heißt nun ein Programm, das das Dresdner Barockorchester gemeinsam mit dem Pera Ensemble im Rahmen des Musikfests Erzgebirge spielen wird. Diana, die Jagdgöttin?

Jagd- und Mondgöttin! Indem August der Starke Dianas Mondsichel mit dem türkischen Halbmond gleichsetzte, konnte er sein »Divertissement alla turca« in ein geplantes Planetenfest integrieren, das anlässlich der Vermählung seines Sohnes mit der Kaiserstochter Maria-Josepha stattfinden sollte. Das war übrigens der eigentliche Auslöser für unser musikalisches Programm. Johann David Heinichen hat seine Serenade »Diana sul' Elba« für diesen Anlass geschrieben. Die Hofkapelle musizierte sie damals in einer muschelförmigen Gondel auf der Elbe. Die Braut wurde am Elbufer in türkischen Zelten empfangen. Mehrere Tage lang wurde die Hochzeit gefeiert. Am Vortag des Diana-Festtages gab es ein türkisches Fest mit Janitscharenkapellen, halbmondförmiger Tafel beim Hochzeitsmahl, die Bediensteten waren orientalisch gekleidet, das Palais war mit einem Halbmond bekrönt…

Als kleine Bemerkung am Rande: Die Braut wurde bei Ihrer Ankunft mit einer Prunkgondel von Pirna nach Dresden gefahren. Auf dem Schiff spielten für sie der Soloflötist der Hofkapelle Buffardin, der Hoflautenist Silvius Leopold Weiss und Pantaleon Hebenstreit. Buffardin weilte 1713 in Konstantinopel, wo er Johann Jakob Bach, den drei Jahre älteren Bruder Johann Sebastian, im Flötenspiel unterrichtete… Mich fasziniert dieser künstlerische Austausch hin und her, das ist ja keine Erfindung unserer Zeit. Es geht uns nicht um das Nachspielen der Hochzeitsmusiken, sondern vorrangig um das In-Austausch-Treten. Wir wollen dem barocken Geist nachfühlen, aus der Situation etwas Musikalisches neu erwachsen lassen.

Erwähnung fanden bereits die Planetenfeste, die künstlerisch wie philosophisch sicherlich ganz unterschiedliche Blickerweiterungen ermöglichten…

Diese Feste waren ja im Prinzip eine Öffnung zum Überirdischen, Kosmischen. Das Leben wurde in Beziehung gesetzt zu dieser weiten Sicht… Wenn man die Erfahrungen von Gottsuchenden vergleicht, jenseits von Ritualen, Schriften und Bekenntnissen ihrer Religionen, dann sind diese Erfahrungen im Grunde dieselben! Wenn wir uns das bewusst machen, brauchen wir uns eigentlich nicht um Gepflogenheiten zu streiten. Ein Projekt wie das mit dem Pera Ensemble hat für mich daher auch einen großen geistigen Wert.

 

»Diana unterm Halbmond«.
Türkische Kultur am Dresdner Hof
Mittwoch, 17. September 2014 | 20 Uhr, Lößnitz, Johanniskirche
Werke von Vivaldi, Heinichen, Händel und Musik aus dem Osmanischen Reich

Francesca Lombardi (Sopran)
Pera Ensemble
Dresdner Barockorchester
Mehmet Yeşilçay, Leitung

Künstlergespräch 18:45 Uhr
Aufstieg zum Kirchturm 17 Uhr | Stadtrundgang 15 Uhr
Tickets 5–25 €
In Kooperation mit Deutschlandfunk, Grundton D

02.09.2014Interviews