Bipolare Störung

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Bipolare Störung

Foto: Yvonne Zemke

Wumms, haute Martin Stadtfeld am Samstag ein fettes, nach unten oktaviertes C in den Palais-Saal im Großen Garten. Was folgte, war ein Klavier, das nur selten wohltemperiert klang, stattdessen nervös von einem Extrem ins andere taumelte. Bunt-quirlige Fugen, bei denen man sich unwillkürlich die Watte aus dem Ohr zupfen wollte; der Pianist ließ schlicht den Fuß auf dem Dämpfungspedal liegen. Adrett gegen den Strich gebürstete Präludien, die sich vor dem Spiegel drehten, von Ton zu Ton walzten, sich am Ende pomadig verlangsamten. Dieser Knäckebrotphilister Glenn Gould war gestern, schien der Pianist dem still lauschenden Publikum einreden zu wollen. Aber wieviel Pedal, wieviel manieristisch ineinanderlappende Töne, wieviel "Bauch" verträgt Bach, bis die Masche der Oktavierungen und extremen Registerwechsel überreizt ist? Die Vorlieben ändern sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Generation zu Generation. Wo ist der wohlwollend strenge, kluge Bach geblieben, mit dem Stadtfeld debütierte, für dessen Interpretation man ihm 2002 den Ersten Preis beim Bachwettbewerb zuerkannte, den er in einer weithin gepriesenen ersten CD verewigte? Vielleicht ist das ja die Zukunft, Bach auf dem Steinway grollen und schnauben zu lassen wie einen verschwitzten Gladiator und den Damen überkreuz ein rechtsaußen getupftes Kokosflockenparfait zu servieren. Leopold Stokowski, Ferruccio Busoni haben so gedacht und Bach eine mystische Aura, eine pathetische Süße, eine düstere Wucht aufzwingen wollen. Stadtfeld fügt diesem überkandidelten Karacho-Bach eine selbstverliebt säuselnde, bisweilen fast weinerlich introvertierte Seite hinzu, nach der Pause mehren sich zudem kleine Fehlgriffe. Eine Nebensächlichkeit, aber vielleicht bezeichnend: Stadtfeld hat sich eigens die bekannte Bachsche Jacke mit den glänzenden Silberknöpfen anfertigen lassen. Am Ende muss konstatiert werden: trotz aller Eskapaden und Kapriolen füllt er sie nicht annähernd aus.

Eine Textfassung des Artikels ist am 10. Juni in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

11.06.2014Rezensionen