Das Spitzentuch des Dirigenten

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Das Spitzentuch des Dirigenten

Gruppenfoto mit dem Inszenierungsteam des »Rosenkavaliers«: Intendant, Komponist, Textdichter und Dirigent. Fotograf: Martin Herzfeld. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Was wäre Richard Strauss ohne Ernst von Schuch? Der 1846 in Graz geborene Dirigent hat immerhin vier der insgesamt neun Dresdner Opern-Uraufführungen von Straussens 15 Bühnenwerken musikalisch geleitet. Er hat die damalige Hofkapelle in der Neuzeit zu dem gemacht, wovon die Sächsische Staatskapelle heute noch zehrt. In unglaublichen 42 Jahren hat Schuch erst als Kapellmeister, dann als Generalmusikdirektor unermüdlich, wie es scheint, den Glanz des Orchesters poliert und die Qualität aus ein international gültiges Maß gehoben, hinter dem es kein Zurück mehr geben durfte.

Ernst von Schuch als gern so apostrophierter „Leibdirigent“ von Richard Strauss hat das Potential des seinerzeit in Berlin wirkenden Kollegen und Komponisten beizeiten erkannt und sicherte sich – auch dank der erfolglosen Aufführung des Opernerstlings „Guntram“ 1894 in Weimar – 1905 die „Feuersnot“ für Dresden. Es folgten die aufsehenerregenden Uraufführungen von „Salome“ (1905), „Elektra“ (1909) und „Der Rosenkavalier“ (1911). Aber natürlich war Schuch nicht nur Strauss-Dirigent, er hatte schon in den 1870er und 80er Jahren zahlreiche Erstaufführungen seiner Zeitgenossen nach Dresden gebracht, von Verdi („Rigoletto“, „La Traviata“, „Requiem“) bis Wagner („Tristan und Isolde“ sowie „Der Ring des Nibelungen“). Schuch hat zudem die Kapelle vorausschauend erweitert und so das Opern- und Konzertorchester mitgeschaffen, das heute zu den führenden Klangkörpern weltweit gezählt wird.

Als der anerkannte Maestro, der diversen honorigen Abwerbungsversuchen widerstand, 1914 mit nicht mal 68 Jahren im damaligen Niederlößnitz verstarb, kümmerte sich die Familie in aller Ehrfurcht um den Nachlass. Offenbar ging auch in späteren Jahrzehnten kaum etwas verloren, obwohl sich die kommenden Generationen in diverse Richtungen verstreuten. Da sowohl die Gattin des Dirigenten, Clementine von Schuch-Proska (eigentlich Procháska), als auch zwei Töchter und eine Enkelin als Sängerinnen tätig gewesen sind, dürfte das Verständnis für das Wirken des Meisters ohnehin unumstritten geblieben sein.

Die Schuchs mit zwei Töchtern (Quelle: Stadtmuseum)

Den Nachkommen ist es nun zu verdanken, dass eine stattliche Auswahl von Zeugnissen aus Schuchs Leben der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. Eine Sonderausstellung im Stadtmuseum Dresden (einschließlich interessantem Rahmenprogramm noch bis 28. September) widmet sich der Künstlerfamilie und reflektiert in origineller Aufmachung die sogenannte Ära Schuch. Mit Klangbeispielen, Fotografien, Möbelstücken und Geschirr, mit Plakaten, Ehrengaben und Geschenken, aber auch spannungsvollen Einblicken in das Künstlerleben jener Zeit, wird auf knappen Raum eine nahezu vergessene Epoche wieder zum Leben erweckt.

Die besonderen Bezüge Schuchs zum Radebeul, wo Ernst von Schuch ganz in der Nähe der heutigen Landesbühnen in der – auf sein Betreiben hin so benannten – Schuchstraße residierte, macht eine kleine Schau eben im Theaterbau des Lößnitz-Städtchens deutlich. Auch hier geht es sowohl um Privates als auch um die künstlerische Würdigung des wohl berühmtesten Bürgers dieser Stadt. Auch in kleinen Kabinetten der Semperoper haben die Besucher während der Vorstellungszeiten Gelegenheit, sich mit Schuch und Strauss zu beschäftigen – und wer einen kleinen Ausflug in Richtung Sächsische Schweiz unternimmt, findet im Robert-Sterl-Haus Naundorf die Sonderausstellung „Alles stark faszinierend“ als entdeckenswerte Reflexion des bildenden Künstlers Sterl, der sich sowohl Schuch als auch Strauss gewidmet hat.

Wie eng die beiden Musiker mit ihrem Wirken tatsächlich einander verwoben waren, macht ein Zitat von Strauss an Schuch deutlich: „Wenn Sie (!!!) nicht wären, könnte mir das ganze Dräsden gestohlen werden. Ärger von Anfang bis Ende.“

03.06.2014Features