Auf der Flucht

Rezensionen

Auf der Flucht

Fotos: Hagen König

Hier illustriert satter Barockklang die Archaik der Menschheitsgeschichte. Griechische Mythologie trifft auf französische Barockoper. Die heutigen Flüchtlingsdramen begegnen den Ur-Instinkten (un-)menschlicher Macht. Liebesverrat führt zum Wahn und Mutterliebe endet im Kindsmord. Alles gleichzeitig? Ja, mehr noch, nicht nur die Zeitachsen von Handlungsgrundlage, künstlerischer Reflexion und aktueller Bezugnahme sind ineinander verflochten, obendrein führt auch noch ein Dirigent Regie bzw. verantwortet ein vielseitiger Künstler die Musikalische Leitung, die Inszenierung sowie deutsche Übertitel und zusätzliche Sprechtexte in Personalunion.

Mit der Tragédie lyrique „Médée“ von Mark-Antoine Charpentier haben sich die Landesbühnen Radebeul ganz schön was getraut. Die erste Quittung für dieses Wagnis: Zur Premiere am Wochenende blieben zahlreiche Plätze im ohnehin kleinen Theater frei. Solch eine Rarität – das 1693 in Paris uraufgeführte Werk wurde neuerdings erst vor dreißig Jahren wieder von William Christie und Robert Wilson populär gemacht – lässt man sich doch nicht entgehen! Man kann sich mit Raritäten verheben, gewiss, doch solch ein Ausnahmewerk des Musiktheaters zu heben, verdient erst einmal Respekt. Die nächste Quittung, schon überzeugender, war der zustimmende Schlussapplaus.

Dazwischen lagen drei lange, aber keineswegs langweilige Stunden. Schon vor dem musikalischen Auftakt drängten sich einige Menschen an steinernen (Papp-)Wänden. Frauen mit Kopftüchern, verängstigte Kinder. Bilder aus dem Alltagsgeschehen. So auch das Bühnenbild, ein Warteraum wie aus dem BGS-Abschiebeknast. Die Schwingtür und das Schalterfenster dürften Siebziger sein. Die Situation hingegen ist heutig. Ein Stimmengewirr aus Arabisch und Russisch, kurz vor der ersten Musik mengt sich Englisch mit rein. Menschen ohne Zuhause. Nicht erst seit Medea ein Thema. Dann aber geht es mit sattem Barockklang weit in die Archaik der Menschheitsgeschichte zurück. Flucht und Vertreibung gab es eben schon damals. Das eigens gegründete Ensemble Charpentier, bestehend aus Musikern der mit politischem Druck zwecks Stellenabbau zwangsfusionierten Elbland Philharmonie Sachsen, musiziert auf historischen Instrumenten. Und zwar ausnehmend gut.

Das Kleinstorchester sowie das Gros des Bühnenpersonals bewältigen die durchaus heftigen Anforderungen dieser Oper recht beeindruckend. Da muss man nicht einmal wissen, dass die Landesbühnen zeitgleich noch ihre Karl-May-Saison in der Felsenbühne Rathen eröffnet und obendrein eine weitere Premiere in Riesa absolviert haben. Es genügt, sich die Personalunion von Jan Michael Horstmann als Dirigent und Regisseur vor Augen zu halten. Als wäre das nicht genug, zeichnet der umtriebige Künstler, der „Médée“ bereits 2007 im nahgelegenen Freiberg wieder ausgegraben hatte, auch noch für Übertitel und bedeutungsträchtige Sprechtexte verantwortlich. Letztere wären verzichtbar gewesen, die Übersetzungen aufgrund des teils abenteuerlichen Französisch allerdings nicht.

Horstmann bewältigt seine Jobs überzeugend. Die Klangdichte des Ensembles ist reich an Kontrast, zumeist stimmig und spannend. Auch der Zusammenhalt zwischen hochgefahrenem Graben und der effizient gestalteten Bühne funktioniert bis auf ganz wenige Pannen ganz gut. In der Regie allerdings finden sich einige Schwachstellen. Sie gerät mahnend bedeutungsvoll, stellt sich von Anfang an auf die Seite Medeas und will unablässig den Bogen ins Heute spannen. Wenn humanistischer Anspruch und psychologische Feinheit allerdings mehr behauptet sind als wirklich dargestellt werden, verhebt sich mitunter die beste Absicht. Die Positionierung schiebt Schwarz gegen Weiß: Jason, Kreon und alle anderen Chromosom-Y-Träger sind stets „mehr Mann als Mensch“. Heißt kriegerisch, machtgeil und selbstverliebt. Manchmal auch kriecherisch.

Wie die wartenden Weiber vorm Vorstellungsbeginn sind auch Medea und ihre Vertraute Nérine viel stärker als all die Mannen, die sich mit Macht und Mumpitz zu behaupten suchen. Enorm präsent ist Silke Richter in der Titelpartie sowohl gesanglich als auch darstellerisch. Ihr gelingt ein überzeugend entwickeltes Charakterbild, das haushoch über den schwächelnden Jason steht. Dessen Part wird von Peter Diebschlag verkörpert, der tonal wie mimisch an seine Grenzen stößt. Ergreifend auch Miriam Sabba als Königstochter Créuse, die mit jungem, beweglichem Sporan situationsgerecht schöne Nuancen vorweist und vor allem in der Sterbeszene berührt. Mehrere Gesangsnummern, vor allem Chorpassagen und Ballettmusik, mit mit einer Gruppenchoreografie von Ute Raab bedacht worden, die gestenreich darüber hinwegtäuschen soll, dass diese Inszenierung zwar keinen Stillstand duldet, aber innerlich auch nicht viel bewegt. Horstmann hat sich auf barockes Theater bezogen, dem er eine Brücke ins unbestimmte Heute verlieh.

Ähnlich vage auch die Kostüme von Berit Mohr. Reichlich gesteppte Uniformität, nur die Fremden aus Kolchis sind mit Andeutungen von Folklore naturbelassen gekleidet. Sehr stimmig wirkt das Einheitsbühnenbild von Stefan Wiel, das aus dem Natursteinambiente eine Palasttreppe hervorfahren lässt und mit mehreren Schiebetüren weitere Aktionsräume schafft. Das sorgt für rasche Verwandlungen und hält Schritt mit der inspirierend vorgetragenen Musik. Allein die Entdeckung des Werkes lohnt einen Ausflug nach Radebeul. Bilanz für das Wagnis wird jedoch erst nach den Folgevorstellungen gezogen werden können.

Nächste Aufführung: 3. Juni 2014

19.05.2014Rezensionen