Vom Sohn zum Musiker

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Vom Sohn zum Musiker

Michael Sanderling, Mariss Jansons, Kristijan und Paavo Järvi, sie alle können ein Lied davon singen: immer wieder werden sie auf ihre berühmten Dirigentenväter angesprochen. Das Publikum vergleicht den persönlichen musikalischen Stil des Sohnes genüsslich mit dem des alten Herrn. Und freut sich, wenn die Familienbande gar auf gemeinsamen Plattenaufnahmen zu erleben ist. Anstrengend ist das oft für den Nachwuchs, eine ganz schöne Bürde.

Der Geiger Valery Oistrach indes, 1961 geboren, trägt die Aura des ewigen Sprösslings mit Fassung. "Das Musizieren mit ihm erinnert mich ganz stark an den Ton und die Spielweise seines Großvaters David", soll Yehudi Menuhin einst gesagt haben. Wer in Valerys Fotoalbum blättert, findet viele Schnappschüsse; Valery mit dem prominenten Opa; Vater Igor, wie er dem Sohn die Geigenstütze zurechtrückt oder die Bogenhand korrigiert. Sein Europa-Debüt gab er an der Seite des Vaters, auf Aufnahmen ist er mit dem betagten Menuhin und Igor Oistrach in Bachs Tripelkonzert zu hören. So ist die Ankündigung im Konzertkalender der Kreuzkirche, "Oistrach in Dresden", ohne Nennung des Vornamens, natürlich ein augenzwinkernder PR-Schachzug des Veranstalters.

Foto: PR

Auch beim Nachnamen des Dirigenten dieses Konzertes – Wolfgang Rögner – dürfte bei musikinteressierten Dresdnern sofort ein Erinnerungslämpchen angehen. War doch der Dirigent Heinz Rögner oft in Dresden zu Gast, und dirigierte sowohl die Staatskapelle als auch die Philharmonie; Rögners Interpretationen sind noch heute über zahlreiche Plattenaufnahmen von der leichten Operette bis zur schweren Bruckner-Symphonie nachhörbar. Wolfgang Rögner nun, 1951 in Thüringen geboren, hat den etwas bekannteren Namensvetter verschiedentlich getroffen; der Stammbaum zeigt immerhin eine gemeinsame Linie. In Weimar, wo Heinz Rögner einst als Kapellmeister begonnen hatte, studierte Wolfgang von 1970-74, und wurde danach gleich Kapellmeister in Plauen und Zwickau. Und durfte Anfang der Achtziger für ein Zusatzstudium zum alten Arvid Jansons nach Leningrad fahren. Der sagte: Wolfgang, du musst jetzt ein, zwei Wettbewerbe gewinnen. Rögner meldete sich für den Dirigentenwettbewerb in Budapest an, die Runden gingen über fünf Wochen, von über hundert Teilnehmern, die acht Opern, und sechsunddreißig sinfonische Werke studiert haben mussten, würden am Ende die besten übrigbleiben. Kurt Masur half Wolfgang Rögner bei der Vorbereitung, der junge Dirigent fuhr nach Budapest, teilte sich mit dem jungen Holländer Hans Rotman ein Zimmer. Der eine studierte im Zimmer, der andere im Bad; am Ende gehörte Rögner zu den Preisträgern des Jahrgangs 1983. Und fuhr mit einer Einladung Rotmans zurück in die DDR: "Komm doch mal nach Amsterdam!", hatte der gesagt. Nach zwei Jahren Wartens durfte Rögner tatsächlich fahren, und wurde für die folgenden Jahre als Erster Gastdirigent an das berühmte Nederlands Dans Theater verpflichtet, wo gerade der Tscheche Jiří Kylián reüssierte. "Manchmal ist es eben so", lacht Rögner: "dass man zur rechten Zeit am rechten Ort sein muss!"

Vorruheständler auf Abruf

Zuhause in der DDR führte Rögners Weg als Chefdirigent ans Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen. Bis zur Wende blieb er, wechselte dann als Generalmusikdirektor an das Theater Erfurt. Elf Jahre blieb er dort; mit der Berufung des neuen Intendanten Guy Montavon allerdings ging diese Zeit, "auf alle Fälle die schönste meines Lebens", vorbei. Erfolgreich als Chefdirigent und GMD an einem größeren Mehrsparten-Haus – jetzt wäre die nächste Stufe der üblichen Tippeltappeltour drangewesen. "Aber irgendwie war es nicht die Zeit", zuckt Rögner die Schultern; er fand keine geeignete Stelle, "jeder klebte an seinem Stuhl". Der Dirigent gastierte einige Male an der Semperoper, ging schließlich zurück nach Bautzen und nahm die Stelle als Intendant und Geschäftsführer beim Sorbischen National-Ensemble an, wo er jedes Jahr ein Stück schrieb– vom Musical für Kinder bis zur Ballett-Oper. Nach acht Jahren wurde er dort 2010 beurlaubt; die Zeitungen spekulierten verschiedentlich über die Gründe. Schließlich einigte man sich außergerichtlich.

Vor gut einem Jahr ist Wolfgang Rögner nun nach Coswig gezogen, sieht sich "quasi als Vorruheständler auf Abruf". Nach wie vor stehen viele Termine in seinem Kalender: mit "Puellarum Pragensis", dessen ausschließlich weibliche Mitglieder in führenden Positionen verschiedener Prager Orchester sitzen, und mit der "Dvořák-Philharmonie". Nebenbei ist der Dirigent im Gespräch mit weiteren Orchestern, leitete etwa vor Kurzem die Camerata Busan in Südkorea oder war zu Gast bei der Vogtland-Philharmonie. Aufs Altenteil will er sich jedenfalls noch nicht setzen. Und Dresden?An die großen Projekte ist kaum ein Herankommen. Warum also nicht ein eigenes Orchester gründen? Gesagt, getan: das "Neue Kammerorchester Dresden" war geboren! Der stellvertretende 1. Konzertmeister der Staatskapelle, Jörg Faßmann, sitzt am ersten Pult, weitere Kapell-Kollegen besetzen die Stimmführerpositionen. Eines ist Rögner wichtig: "Die Solisten müssen dem eigenen künstlerischen Anspruch entsprechen." Zuletzt war Yuki Manuela Janke zu Gast; dieses Mal nun heißt der Solist Oistrach. Der Kartenvorverkauf, lächelt Rögner, läuft gut.

"Oistrach in Dresden" – 18.5., 17 Uhr, Kreuzkirche Dresden. Karten: konzertkasse@kreuzkirche-dresden.de, Tel. 0351 4965807 oder über die Verkaufsstellen der SZ

Eine Textfassung des Artikels ist in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

18.05.2014Features, Interviews