Aufstieg und Fall einer Boyband

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Aufstieg und Fall einer Boyband

Foto: PR

Dass das tjg. Theater Junge Generation großartig musikintensives Theater spielt, ist bekannt. Während der letzten Jahre sind die Inszenierungen am Haus an der Meißner Landstraße zunehmend songlastiger geworden. Gipfeln konnte diese Entwicklung nur in einer Musical-Produktion, wie sie nun mit »I WILL BE FAMOUS« in der Regie von Dominik Günther dasteht. Nein, besser wäre vielleicht wirklich der leicht entlehnte Begriff des Musiktheaters hierbei zu wählen. Denn was die SchauspielerInnen gemeinsam mit den zwei Musikern der Band TESTSIEGER (Jan S. Beyer und Jens Wockenfuß) auf der Bühne zeigen, ist herrlich lautes, herzlich lustiges und ehrlich ergreifendes Drama.

Wir begleiten die fiktive – und dabei schon stereotyp gewordene – Boyband THE BOYS WITH WHITE SHOES ON A BLACK FLOOR, kurz TBWWSOABF. Wie auf dem Reißbrett eines szenekundigen Musikproduzenten castet Regisseur Dominik Günther die fünf Jungs zusammen: ein Schwuler, ein Schwarzer, ein blonder Bad Boy, ein spanischer Träumer und der Alte. Doch der Älteste wird alsbald abgekanzelt, »Boybands nur zu viert, oder gar nicht.« Obschon die erfolgreichsten Formationen ja durchaus immer zu fünft agierten…

Je nun, was passieren wird ist vorhersagbar in dem Moment, da die Jungs zum ersten Mal vor eben jenem großen Musikproduzenten vorsingen: sie werden in Rollenmuster gesteckt, damit jedes kleine Mädchen was von dem Einen oder Anderen hat. Jeder erhält seine Geschichte und sein Image. Schwul darfste natürlich nicht sein! Du bist schwarz? Okay, dann biste natürlich der Clown der Truppe! Und du: du trinkst zu viel und nimmst Drogen. Bad Boy also! Als Südländer kommste natürlich echt soft rüber, du bistn Träumer und echt süß! Wie sollen das diese 16jährigen Jungs überhaupt aushalten? In Formate gepresst zu werden, die ihren Persönlichkeiten total widersprechen, wo sie doch eigentlich nur Musik machen wollten?

Alle kommen sie aus dem kleinsten Dorf der Welt, sind vermutlich seit Jahren Schulfreunde und haben in der Garage oder im Keller angefangen gemeinsam zu musizieren. Erstmal Coversongs, das kommt an. Diesen Gedanken zieht die Inszenierung leider bis zum Ende der über zwei Stunden langen Show durch. Dass keine originären Songs für die Produktion komponiert wurden, sondern lediglich auf gleichwohl sehr gute Arrangements von heutigen und gestrigen Hits zurückgegriffen wurde, mag allein mich stören, der ich die Hits zwar kenne, aber kaum mit ihnen etwas verbinde. Es geht durch den Stilmix der gewählten Lieder, die ja immer auf die jeweilige Szene Bezug nehmen und sie kommentieren müssen, einiges an Stringenz in der musikalischen Ausrichtung der Band verloren. Ein einheitliches ästhetisches Bild von TBWWSOABF kann somit nicht entstehen, tut der Performance jedoch kaum einen Abbruch.

Die musikalische Darbietung sämtlicher Darsteller ist überzeugend und bewegend zugleich. Wo findet man schon vier Schauspieler, die allesamt singen und gleichzeitig noch die Lead- oder auch mal Bassgitarre rocken können? Nur am tjg! Die eigentlichen Profis, nämlich das Duo TESTSIEGER, sitzt verhalten im oberen Hintergrund des discokugelhaften Bühnenbildes bzw. der main stage – wir befinden uns ja auf einem Konzert. Heike Vollmer greift in ihrer Bühnenkonstruktion auf zahlreiche drehbare Spiegel zurück, die einerseits das Glitzern eben jener Discokugel imaginieren und andererseits den Darstellern die Möglichkeit zur Selbstreflexion liefern: nicht immer der süße Träumer sein zu wollen. Arschloch musste sein, dass isses doch, was die Mädchen wolln, oder?! Sex, Drugs and Rock'n'Roll ist nun mal das einzig wahre Leben. Und an dem darf man auch zugrundegehen. Dass die Jungs irgendwann scheitern, ist absehbar. Und hier zeigen sich dann wieder die grandiosen Marketingstrukturen des inhumanen Musikbusiness: Aus dem Tod eines Bandmitglieds kann man doch super was machen! Ein Gedenkkonzert, nochmal eine Reunion! Das realistisch überzeichnete Finale von I WILL BE FAMOUS zeigt nur zu gut die Unfähigkeit der Jungs, sich den Machtgefügen der Branche zu widersetzen. Ganz in schwarz gekleidet treten sie zum jemals letzten Song an. »We could be heroes just for one day!« gerät zur tragischen Abschlusshymne dieses Konzertabends, macht den Toten, der zuvor noch überlebensgroß an die Rückwand projiziert wurde, vergessen und feiert das Leben und die Musik. Das tjg. Theater Junge Generation feiert sich selbst und das zahlreiche Fanpublikum grölt gelassen mit. Natürlich durfte Pharrell Williams' aktueller Hit »Happy« im zehnminütigen Zugabeprogramm auch nicht fehlen…

Mit I WILL BE FAMOUS legen Dominik Günther und das tjg eine Show vor, die es allemal wert wäre, auf Tournee zu gehen. Diese überintensive Darbietung ist absolut sehens- und hörenswert: Everbody rock your body right!

Peter Motzkus

I WILL BE FAMOUS (ab 12 Jahren)
Nächste Termine: 13.-16.05.2014

13.05.2014Rezensionen