Einauge im Zweikampf

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Einauge im Zweikampf

In den Tiefen der ehemaligen »Königlichen Bibliothek« zu Dresden entdeckte der ehemalige preußische Gesandte am Hof von Istambul, Heinrich Friedrich von Diez, im Jahr 1814 eine orientalische Handschrift aus dem 16. Jahrhundert. Im zweiten Buch seiner "Denkwürdigkeiten von Asien" berichtete Diez von seinem kostbaren Bibliotheksfund. Der Titel wies es als »Buch des Dedé Korkud in der Sprache des Volks der Oghuzier« aus. Der Orientalist übersetzte die achte von den zwölf darin überlieferten Erzählungen, in der beschrieben wird, "wie Bissat den Depé Ghöz getödtet hat". Dort ist von einem ungeheuren Riesen mit einem "Auge am Scheitel" die Rede.

Depé Ghöz oder, in heutiger Umschrift, Tepegöz – Was war das für ein Fabelwesen, von dem die Handschrift berichtet? Diez fasst die Sage in seinen Notizen zusammen: ein oghusischer Hirte habe einst eine Quellnymphe "mit Gewalt beschlafen". Die Nymphe gebar einen einäugigen Knaben, der zu ungeheurer Größe heranwuchs und, zu einer Amme gegeben, seinen Geschwistern Nasen und Ohren abfraß, woraufhin er verstoßen wurde. Der Heranwachsende briet sich täglich "zwey Menschen und fünfhundert Schafe", die ihm die Oghusen opfern mussten. Als die wiederkehrende Reihe jedoch an eine Mutter kam, deren erster Sohn bereits von Tepegöz verspeist worden war, fasste sein ehemaliger "Milchbruder" Bissat (oder Bassat) den Entschluss, den Zyklopen zu töten. Mit einem glühenden Messer blendet er das schlafende Einauge und enthauptet den Tepegöz mit dessen eigenem Säbel.

Täglich "zwey Menschen und fünfhundert Schafe" als Mittagssnack? Dagegen mussten die Oghusen etwas unternehmen.

Diez war überzeugt, mit der Sage von Depé Ghöz auf die Ursprünge des Zyklopenmythos' gestoßen zu sein, "wovon in Europa noch niemals etwas verlautet hat". Er glaubte, dass "der oghuzische Cyklop nicht vom griechischen, sondern vielmehr dieser von jenem nachgeahmt worden" – oder wenigstens, "dass bey beyderley Erzählungen ein und derselbe Stoff zum Grund liegt". Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) hat die kostbare Handschrift, die zur Zeit im Buchmuseum des Hauses zu bewundern ist, vor fünfzehn Jahren im Zuge des »Dede-Korkut-Jahres« der UNESCO in Gänze digitalisiert und ins Internet gestellt.

 

Alle Fotos: Markus Rindt

Auf den Spuren von Dede Korkut

Besagter Stoff bildet auch die Grundlage für ein Musiktheaterprojekt, dessen Uraufführung heute Abend ansteht. 2010 hatten die Dresdner Sinfoniker zu einer »Anatolischen Reise« eingeladen. „Wunderbar“, sagte der Intendant des Festspielhauses Hellerau damals zum Sinfoniker-Intendanten Markus Rindt. „Und wie geht’s weiter?“ Es dauerte keine drei Monate, und Dieter Jaenicke rumpelte mit einem Jeep durch Usbekistan. Markus Rindt und Marc Sinan, der Komponist der "Anatolischen Reise", hatten ihn kurzerhand auf die neue Recherche- und Musik-Sammel-Reise eingeladen, die dort ansetzte, wo das Projekt „Hasretim“ aufhört: im Osten der Türkei.

Marc Sinan baute die "Klangvitrinen" (Helmut Mauró) um die zentralasiatische Musik herum

Auf den Spuren von Dede Korkut bereisten die drei Musikfreunde die Landstriche, in denen die Nachfahren des alttürkischen Urvolks, den Oghusen, leben. Sie filmten Schafhirten beim Gesang, Dorfschullehrerinnen beim Lautenspiel. Marc Sinan transkribierte die Musikschnipsel und schuf daraus eine Rahmenkomposition, die die achte Sage des Dede Korkut, „Die Kunde von Tepegöz“, zum Inhalt hat. Aber damit nicht genug. „Unser neues Projekt ist extrem komplex angelegt und die Organisation dafür völliges Neuland“, erklärt Rindt. „Wir planen ja nicht nur ein Musikstück, sondern ein großes Musiktheater mit Bühne, Kostümen, Regisseur, Dramaturgen, Choreografen. Für die Dresdner Sinfoniker ist das eine große Herausforderung.“ Vier der Musiker, die Rindt und Sinan in Kasachstan, Aserbaidschan und Usbekistan trafen, werden heute Abend „leibhaftig“ mitwirken; einige mehr werden über Filmprojektionen einbezogen. Überdies hat sich die türkische Choreografin Aydin Teker im Herbst vier Dresdner Sinfoniker aus dem Orchester herausgepickt und arbeitet seitdem mit ihnen an musikalisch-tänzerischen Bewegungsabläufen, die in die Sagenerzählung einfließen werden.

Eine gekürzte Textfassung des Artikels ist in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen. 

08.02.2014Features