Annie get your Bärenfett

Rezensionen

Annie get your Bärenfett

Vor über einhundert Jahren gastierte Buffalo Bill mit seiner Truppe in Dresden (Quelle: Deutsche Fotothek)

Rothäute! Cowboys! Hinterwäldler! Mexikanische Rinderhirten! Lassowerfer! Scharfschützen! Gewehr- und Pistolenvirtuosen und -virtuosinnen! Das ist nicht der Besetzungszettel zu Radebeuls Neuinszenierung von »Annie get your gun« – obwohl hier an gutmütigem Naturalismus a la „Villa Bärenfett“ wirklich wenig gefehlt hätte, und man hätte noch Pferde und Büffel auf die Bühne geholt. Nein: mit diesem üppigen Aufgebot gastierte Buffalo Bill nach gefeierten Gastspielen seiner Wildwest-Truppe in London, Paris, Barcelona und Neapel 1889 erstmals auch in Dresden, an der Herkulesallee. Die Show seiner Truppe, jeden Nachmittag für das Entrée von einer Mark zu sehen, dürfte die Elbstädter elektrisiert haben.

Ebenfalls in der Deutschen Fotothek erhalten ist ein Plakat mit der Ankündigung des Dresdner Gastspiels der Truppe (zur Vergrößerung bitte Klicken…)

Ob sich damals auch Karl May im Publikum befand, ist unklar; aber die Bühne und Kostüme der neuen »Annie« hätten ihm sicher gefallen. Intendanten-Regisseur Manuel Schöbel und Tilo Staudte, bis 2012 Ausstattungsleiter in Schöbels Freiberger Team, spendieren allen Karl-May-Pilgern, die sich tagsüber in der Villa Shatterhand vergnügt haben, die perfekte Abendshow. Ausufernde Schießwettbewerbe mit Puffpuff und Blitz, sonor moderiert von Buffalo Bill (Marko Bräutigam), dessen Aussprache von „Sioux“ sich auf „Red Socks“ reimt. Wild tanzende Irokesen, umschwärmt von anmutigen Squaws im Trippelschritt, die nur kurz den Vitrinen auf der anderen Straßenseite entstiegen zu sein scheinen. Für eine Akrobatiknummer mitten im Wigwam hängt gar Wencke Kriemer de Matos im fleischfarbenen Ganzkörperkostüm von der Decke. Die Musik von Irving Berlin und die an historischen Begebenheiten orientierte Handlung des Stücks um die Kunstschützin Annie Oakley werden von diesem optisch überbordenden Völkershowspektakel sanft an die Seite gedrängt. Augenzwinkernde Reverenzen etwa an die verfahrene Situation zweier defizitärer Unterhaltungsensembles, deren Fusion ein finanzielles Desaster wird, bleiben aus, und Buffalo Bills Dresden-Besuch in einer kurzen Zwischenakt-Videosequenz mit Originalplakaten und Filmausschnitten der damaligen Rodeoshow gänzlich unerwähnt.

Alles, was er kann, das kann sie viel besser – Singen eingeschlossen… (Foto: Hagen König)

Das Radebeuler Ensemble hat noch hörbar Mühe mit den Anschlüssen. Vorhang hoch, Auftritt, Musik geht an, ein paar Tanzschritte, die Dialoge auf deutsch, die gesungenen Parts in einem publikumsnahen Sprach-Denglisch gehalten; aber alles hübsch nacheinander, bitte. Susanne Engelhardt könnte zwar noch an ihrer Stepnummer feilen (die am Sonntag leider das Orchester unter GMD Voss etwas verstolperte), aber gesanglich steckt sie ihren Widerpart Michael König in der Rolle des alternden Galans Frank Butler locker in die Tasche. Zwar spricht das Programmheft von „sexuellen Winkelzügen“, die das Musical angeblich thematisiere; sehen und spüren können wir das allerdings im Radebeuler Haus nicht. »Annie get your gun« – das ist eine brave Nummer für die ganze Familie geworden, an Humor so arm wie die Great Plains nach einer von Buffalo Bills orgiastischen Abschussräuschen. Freundlich klatschte das Publikum, aber jetzt huschhusch raus, wir müssen ja noch zurück nach Zwickau!

Nächste Vorstellungen: 26. Januar Schloss Großenhain, 8. März Neustadthalle, 16. und 23. März Landesbühnen

Eine Textfassung des Artikels ist in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

23.01.2014Rezensionen