„Das geht physisch eigentlich gar nicht“

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„Das geht physisch eigentlich gar nicht“

Foto: Matthias Creutziger

Evelyn Herlitzius, »Elektra« im Strauss-Jubiläumsjahr 2014, Christian Thielemann am Pult, am Ort der Uraufführung… Das hört sich nach einem künstlerischen Kulminationspunkt an!

Gedacht ist es sicherlich so. Es ist schon eine einmalige Gelegenheit, dieses Stück ausgerechnet hier und jetzt in Dresden singen zu dürfen, mit diesem Orchester, mit den Kollegen Waltraud Meier, Anne Schwanewilms und René Pape… Das kommt nicht alle Tage vor.

2010 haben Sie die Elektra das erste Mal in Brüssel gesungen, dieses Jahr in Aix-en-Provence. Und nun erarbeiten Sie sich die Rolle noch einmal in der Neuinszenierung von Barbara Frey. Was erwartet uns?

Mit Barbara Frey habe ich mich vor ein paar Monaten getroffen; sie wollte mich schon einmal kennenlernen. Es ist die Tendenz bei großen Produktionen, dass die Regisseure den Kontakt mit ihren Hauptdarstellern im Vorfeld suchen, auch um für sich selbst eine Sicherheit zu gewinnen. Für mich als Sängerin ist das angenehm: man kann ja nicht einfach abreisen, wenn einem irgendetwas nicht gefällt. Wenn man an einer Produktion beteiligt ist, die aus einer ungewöhnlichen Idee geboren ist, kann man sich schon mal vorab damit befassen, diese Idee mittragen oder durchaus auch ein Gegengewicht setzen.

Das wichtigste Augenmerk der neuen Dresdner »Elektra«, sofern sich das zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt schon sagen lässt, ist das Verhältnis der Körper zueinander im Raum, zu diesem Raum und in der Interaktion mit den Partnern. Und die Frage: was steckt hinter dieser unglaublichen Gewalt, was gibt es da noch?

Was ist an »Elektra« eigentlich krasser – das Libretto oder die Musik?

Ich glaube, das lässt sich gar nicht trennen. Beide zusammen bilden eine vollkommene Einheit, ja, sie scheinen einander nachgerade zu bedingen. Da sind diese enorme Düsternis und Grausamkeit. Jeder der Protagonisten befindet sich in einer vollkommen ausweglosen Situation. Ich stelle mir die Frage, wie schaffe ich es, die Rachefantasien der Elektra, diesen inneren Gewaltmodus, der die Seele so zerstört, so lange aufrechtzuerhalten, und wie stelle ich das dar? Und wie kann ich dazu eben diese zerstörte Seele zeigen, ihre Verletztheit und Verletzlichkeit, ihre Kindhaftigkeit

​Die Musik findet ja auch – bei aller gewaltigen Expressivität – zu sehr innigen, lyrischen Passagen. Das macht das Faszinierende dieses Stückes aus – diese scheinbaren Gegensätze. Eine andere Erzählschiene zu finden, finde ich reizvoll. Wir sind ja auch „nackt“ – es ist ein vollkommen nackter Raum, Holz bis oben hin. Da sind wir als Menschlein auf einmal ganz schön klein. Innerhalb eines solchen Raumes ist die Körpersprache enorm wichtig.

Was interessiert Sie persönlich an dieser Figur?

Mich interessiert schon lange diese Starre der Figur, die Unfähigkeit zu jeglicher Aktion. Elektra redet ja immer nur, sie tut ja nichts, sie vergisst sogar im entscheidenden Moment, ihrem Bruder das Beil zu geben. Dazu kommt eine unglaubliche Erschöpfung: Elektra ist ständig kurz vorm Kollaps. Ich versuche, die Diskrepanz zu zeigen zwischen diesem Fast-Einfrieren, dieser Starre, und ihrem eruptiven Sich-Aufbäumen. Keiner in ihrer Umgebung kann damit umgehen. Ich finde es spannend, an ein und derselben Rolle immer neue Aspekte zu finden.

Unter Christian Thielemann haben Sie bereits in Salzburg in der »Frau ohne Schatten« gesungen, dazu gemeinsam Konzerte gegeben. Man sagt, er sei ein „Sängerdirigent“…

Christian Thielemann hat mir in einem schwierigen Moment schon einmal fast das Leben gerettet bei einem Konzert, und wusste es gar nicht! Er ist ein Dirigent, der einem Sänger die Töne, die Phrasen sozusagen in den Mund dirigiert, denn er hat einen enormen Instinkt für Phrasierungen, für das richtige Tempo im richtigen Moment. »Die Frau ohne Schatten« – diese Zusammenarbeit werde ich nie vergessen. Was er aus dem Stück musikalisch gemacht, wie er uns Sänger über diese Fährnisse, diese extrem schweren Partien ​hinübergetragen hat! Diese Oper ohne Striche zu singen, das geht physisch eigentlich gar nicht. Bei ihm weiß ich, dass er das Stück trägt, und ich würde es nie mit einem anderen Dirigenten machen. Das waren faszinierende, beglückende Erlebnisse.

Die letzten Jahre haben Ihnen viel Richard Strauss, viel Richard Wagner gebracht. Wird das auf absehbare Zeit so bleiben?

Es kommen durchaus ein paar neue Partien dazu, aus dem slawischen Repertoire übrigens: Die Titelrollen in Schostakowitschs »Lady Macbeth von Mzensk«, Sergej Prokofjews »Der Feurige Engel« und Leoš Janáčeks »Die Sache Makropulos«. Darüber hinaus versuche ich gerade, mein Repertoire in das italienische Fach auszudehnen, die Turandot etwa singe ich nächstes Jahr in der Arena di Verona. An der Semperoper singe ich aber auch wieder die Leonore, und freue mich zudem auf den neuen »Lohengrin« in zwei Jahren, dann wieder unter Christian Thielemann.

16.01.2014Interviews