Europa, hymnisch

Kolumnen

Europa, hymnisch

Das Neue Jahr ist nun wohl endgültig ausgebrochen. Eine große Menge an Freigängern aus dem sächsischen Justizministerium sowie (dank freien Eintritts) Menschen wie Sie und ich füllten am 9. Januar den Konzertsaal der Dresdner Musikhochschule bis auf den letzten Platz und lauschten zunächst einem Werk, das laut Programmzettel dem Komponisten Ludwig van Beethoven zugeschrieben wurde, der „Europa-Hymne“. Hat der Bonner Titan je so einen Titel vergeben? Das wäre, nach der ewig offenen Frage, ob denn nun Schillers „Ode an die Freude“ in Dresden oder in Leipzig verfasst worden ist, ein neues Streitthema. Aber wir wollen es lieber gleich ignorieren.

Ebenso die protokollarischen Grußworte: Hochbürden und Durchfaucht, Merkwürden und Vertreter von …, meine Damen und Herren. Sie und ich also, schon wieder. Hochschulrektor Ekkehard Klemm meinte es dann aber sehr ernst mit den schon traditionell betont weltoffenen Aspekten seiner Institution, an der heute etwa 15 Prozent der Lehrkräfte sowie rund 40 Prozent der Studentenschaft aus den Ausland stammen. Mit einer Replik auf die Vergangenheit, als sächsische Musiker quer durch Europa unterwegs waren und fremde Einflüsse an die Elbe brachten, wo zudem auch zahlreiche namhafte Künstler jener Epochen gastierten, machte er deutlich, wie prägend so ein Austausch schon immer gewesen ist. Auch vor den Zeiten permanenter Erreichbarkeit und des grenzenlosen Informationsaustauschs.

Die sich daran anschließenden Worte des sächsischen Europa-Ministers Jürgen Martens, der im Freistaat ja auch dem Justizministerium vorsteht, waren für eine Politikerrede, eine Neujahrsansprache zumal, erstaunlich hörenswert, weil inhaltsreich. Erinnerungen an das Jahr 1914, als die europäischen Fürsten- und Königshäuser „ihre“ Völker aufeinanderhetzten und die tumben Massen sich fahnentreu verheizen ließen, auf dass sie so jämmerlich wie sinnlos hingemetzelt wurden. Die Folgen dieses Schlachtens, auch daran erinnerte Martens, wirken noch heute nach. Sie haben das 20. Jahrhundert wesentlich geprägt und sollten auch heute nicht vergessen werden, wenn an der Europa-Politik mal wieder was zu mäkeln sei. In der Tat, diese Selbstverständlichkeiten sollten uns zu denken geben.

Auch im dann folgenden Konzert wurde der Gedanke an ein weltoffenes Europa fortgeführt. Allein der Blick ins Hochschulsinfonieorchester mit den jungen Musikerinnen und Musikern von überallher verdeutlicht dies. Geleitet wurde das internationale Ensemble von Alexander Chernushenko, dem Chef der Petersburger Staatskapelle. Zum Auftakt erklang das einzige Violinkonzert seines Landsmannes Peter Tschaikowsky, das er – der vor allem in frühen Jahren auch Gedichte verfasste – nicht in der russischen Heimat, sondern am Genfer See komponiert hat.

Die überaus famose Geigerin Elina Rubio Pentcheva – die Mutter von Sachsens jüngster Studentin ist Bulgarin, der Vater Spanier – hat den Solopart interpretiert und wurde daraufhin so vom Publikum gefeiert, dass man sie nicht ohne Zugabe von der Bühne lassen wollte. Auf Tschaikowsky folgte ein weiterer Ohrwurm, die von Heinrich Wilhelm Ernst geradezu schikanös mit rasant auszuführenden Doppelgriffen versehene Bearbeitung der Schubert-Ballade vom „Erlkönig“. Eine mährisch-französische Adaption deutscher Romantik, hier in modernem Vortrag zu hören.
Dem folgte als brachialer Schlusspunkt die 2. Sinfonie von Jean Sibelius, die mit ihrer kompositorischen Verbindung von italienischer Riviera und finnischem Meerbusen ein weiteres Stück altes Europa ins Heute zu setzen vermochte.

Nach so gelungem Auftakt klingen die weiteren Aussichten auf 2014 sehr hoffnungsvoll, geradezu hymnisch. Bis, ja bis man sich die Libretti der kommenden drei Dresdner Premieren vergegenwärtigt hat: nächsten Freitag "Der kleine Horrorladen", tags drauf "Annie get your gun" und am Sonntag schließlich "Elektra", diese mit dem bekannten Hackebeilchen.

In banger Erwartung also bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

10.01.2014Kolumnen