Im Opernzug

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Im Opernzug

von Artur Fürst (Journalist und Technik-Publizist 1880-1926) in „Berliner Tagblatt“ vom 6.3.1911

Der »Rosenkavalier« von Richard Strauss ist bisher in Berlin noch nicht aufgeführt worden und dürfte auch sobald auf keine unserer Bühnen gelangen. Aber in Dresden, das bei den heutigen Verkehrsverhältnissen vor den Toren unserer Stadt liegt, wird er in einer trefflichen Aufführung gespielt, und so lag es nahe, den neugierigen Berlinern Gelegenheit zu geben, unter Sonderbedingungen extra und ausschließlich zu einer Darstellung des »Rosenkavaliers« nach Elbflorenz hinüberzufahren. Am Sonnabend Mittag ging denn auch der erste »Rosenkavalier«-Sonderzug vom Anhalter Bahnhof ab. Es war der Zug, der in seiner Länge – Richard Strauss möge diese Wagnerreminiszenz entschuldigen – an »Götterdämmerung« erinnerte. Er hatte vierzig Achsen und war bis auf den allerletzten Platz gefüllt Eine Stunde vor der Abfahrt gab er dem Anhalter Bahnhof ein Sondergepräge. Da sah man in der zweiten Mittagsstunde Damen in großen Abendtoiletten auf den Bahnsteig eilen, erblickte Herren, die die blütenweiße Blöße ihres Frackausschnitts nur mit Mühe durch den Kragenschoner bedeckten, und beschaute mit Erstaunen inmitten des hartrealistischen Eisenbahnbetriebs eine Schar jener transzendental frisierten Jünglinge und Jungfrauen, die sonst nur in gedämpftem künstlichen Licht der Berliner Konzertsäle in größeren Massen aufzutauchen pflegen. Auch die fliegenden Verkäufer auf dem Bahnsteig hatten sich der Besonderheit des Augenblicks angepasst, und sie verkauften neben den üblichen Tageszeitungen und den warmen Würstchen, die der Mensch ja auch in den erhabeneren Momenten des Daseins nicht entbehren kann, Textbücher zum »Rosenkavalier« und prachtvolle Theatersträuße aus Veilchen und Schneeglöckchen. Der Zug bestand nicht, wie es sonst bei Schnellzügen auf dieser Strecke üblich ist, aus D-Wagen, sondern war aus Fahrzeugen einer schon recht bejahrten Gattung zusammengesetzt, die mit den zahlreichen seltsamen Winkeln und überall bizarr hereinbrechenden Ecken ihrer Einzelcoupes von ohngefähr schon an die Eigentümlichkeiten einer Straussischen Partitur erinnerten.

In der ersten Stunde nach der Abfahrt ging es wohl in allen Abteilungen, ebenso wie in dem meinen, recht still zu. Die Insassen lasen in dem dickleibigen Textbuch des »Rosenkavalier«, überlegten sich, wie wohl die Dresdener Hofoper die zahlreichen, recht ungewöhnlichen Regievorschriften Hofmannsthals ausgeführt haben möge, oder studierten den Führer durch die musikalische Welt des Werks. Die Damen besonders saßen ganz steif da, um ihre köstlich aufgebauten Frisuren nicht zu zerstören. Dann aber begann man in der vorsichtigen, zurückhaltenden Art des Norddeutschen ein wenig Konversation zu machen, für die ja in diesem Sonderzug sehr leicht eine Anknüpfung zu finden war, da alle Reisenden ein Ziel, eine Neugierde vereinte. Man schaute auch hinaus, wunderte sich wohl darüber, dass so viele Felder der südlichen Mark jetzt in weiten Flächen überschwemmt sind, sah beim Vorüberfliegen mit Interesse einen Bauer hinter seinem Pflug gehen, den ein Ochs zog, und belächelte ein wenig diesen vorweggenommenen Hinweis auf die Hauptrolle in dem Werk, dem man entgegenfuhr, auf den Ochs von Lerchenau.

Dann gab es in der zweiten Fahrtstunde einen sechs Minuten währenden Aufenthalt auf der preußisch-sächsischen Grenzstation Röderau. Der primitive Wartesaal verwandelte sich rasch in ein Theaterfoyer. Die Säume der seidenen Roben hakten an den rauhen Brettern des Fußbodens fest, wenn die Damen stolz daherrauschend dem Tisch mit den dampfenden Kaffeetassen zustrebten, und die Herren, die die Mäntel in den Coupes gelassen hatten, stellten, indessen sie ihre Zigarette rauchten, ihre weißbrüstige Abendtoilette hier ruhig dem hellen Tageslicht zur Schau. Sie dachten wohl, dass es ihrer Reputation nichts schaden könne, wenn man sie in Röderau schon am Nachmittag in dem nur für die Abendstunden erlaubten Frack sähe. Nur die Fahrgäste der ersten Klasse hielten sich exklusiv in ihren Coupes zurück. Diesen Kapitalkräftigen war es hier offenbar nicht vornehm genug; ja, wenn die Station Bleichröderau geheißen hätte! Nach der Ankunft in Dresden blieb genau eine Stunde Zeit bis zum Beginn der Vorstellung. Bei der nicht sehr großen Entfernung zwischen Hauptbahnhof und Opernhaus genügte dieser Zwischenraum immerhin, um den äußeren und inneren Menschen ein wenig zu restaurieren. Dann sah man im Theater all seine Coup6genossen wieder. Und obgleich man darauf vorbereitet sein musste, wirkte das doch ein wenig verstimmend. Denn die Kunst verlangt nun einmal, dass man, um sie vollkommen zu genießen, seine Gedanken völlig auf das dargebotene Werk richtet und alle Verbindungen vergisst, die zu dem lauten Leben dort draußen führen. Und da man vor Beginn der Ouvertüre nun schon einmal nicht gar so heilig gestimmt war, konnte es einem auch nicht entgehen, dass selbst der Theaterzettel noch eine Hindeutung auf die Eisenbahn enthielt: die Rolle des Ochs von Lerchenau wurde nämlich von Herrn Perron gesungen, der sich nach den Regeln des Deutschen Sprachvereins eigentlich Bahnsteig nennen müsste. Dann aber, als der vortreffliche Schuch auf seinem bescheidenen, altmodischen Dirigentenstühlchen Platz nahm und das Straussische Tongemälde sich zu entrollen begann, vergaß man doch bald Sonderzug und Umgebung. Man mühte sich, in diese seltsame musikalische Welt einzudringen, und fühlte rasch, auch wenn man sich gar nicht berechtigt und imstande glaubte, ein Urteil abzugeben, dass hier ein großer Künstler in seiner Weise sich äußerte. Die Aufführung fand in der Premierenbesetzung statt mit Eva v. d. Osten, Margarete Siems, Karl Scheidemantel und dem schon erwähnten Perron in den Hauptpartien, nur an Stelle der beurlaubten Minnie Nast sang Marie Keldorfer die Rolle der Sofie Faninal, Der Beifall hatte nach jedem Akt Berlinische Heftigkeit und Nachdrücklichkeit Und doch konnte man nicht sagen, dass die etwa vierhundert Berliner Sonderzügler dem Hause das Gepräge gegeben hätten. Der weite mit seinen vier Rängen hoch emporsteigende Zuschauerraum des Dresdener Opernhauses, der voll besetzt war, fasst doch soviel Personen, dass er selbst eine Berliner Invasion vollständig einzuschlucken vermag.

Eine Stunde nach Schluss der Vorstellung saß man dann wieder im Zug. Nicht wenige Berliner ließen den für die Rückfahrt geltenden Teil der Sonderzugkarte verfallen und blieben über Nacht in Dresden. Sechs Stunden Eisenbahn und drei Stunden Strauss an einem Tag schien ihnen doch etwas zu viel. Die Rückkehrenden aber saßen recht ermattet auf ihren Plätzen, und nur Fanatiker rafften sich noch zu einer eifrigen Nachkritik des »Rosenkavalier« im Gespräch mit dem Nachbar auf. Um drei Uhr nachts waren wir wieder auf dem Anhalter Bahnhof, der nur unsertwegen zu so später Stunde noch erleuchtet war. Dann flogen die Nachtdroschken in alle Stadtteile, und nach fünf Minuten war von der Berliner »Rosenkavalier«-Gemeinde nichts mehr beieinander geblieben, als ein paar Gummischuhe, die eine Dame im Coupe vergessen hatte.

07.01.2014Allgemein