Ein denkwürdiger Abend

Kolumnen

Ein denkwürdiger Abend

Zunächst unter »W« Erinnerungen an zwei Sänger, ein Bariton, ein Bass, beide in ihrer Art außergewöhnlich, der eine mit großer internationaler Karriere als Bariton und Wagnersänger, der andere auch, bei weitem Spektrum unterschiedlicher Stile, in meiner Erinnerung, ein Sänger in einer Partie Wagners, in der Dresdner Semperoper, unverwechselbar. Beide sind in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Der Bassist Ekkehard Wlaschia kommt aus Pirna, studierte in Weimar, debütierte in Gera, kam an die Landesbühnen Sachsen, nach Radebeul und gehörte dann von 1966 bis 1970 zum Opernensemble des deutschen Nationaltheaters in Weimar. Er war Gast der Staatsoper in Dresden und dann ging es in die weite Opernwelt, dramatische Partien waren seine Spezialität, zwischen 1984 und 1998 sang er in Bayreuth, oftmals den Alberich, er war Friedrich von Telramund, Biterolf, Kurwenal und zuletzt Klingsor. Meine ersten Erinnerungen an Ekkehard Wlaschia gehen zurück in die Weimarer Zeit. Sicher habe ich ihn in Wagnerinszenierungen erlebt, aber am eindrücklichsten ist mir sein Pizarro in Harry Kupfer Inszenierung »Fidelio« geblieben, die er dann später auch auf die Bühne des Großen Hauses in Dresden übertrug. Wlaschia war markant, er konnte in dieser Partie den Ton zynisch machen, und dennoch wurde er kein lächerlicher Bilderbuchbösewicht dessen Übertreibung die Rolle klein gemacht hätte. In Dresden, in der Semperoper habe ich ihn zuletzt 1995 erlebt, einmal als Holländer, den hatte er schon in der mehrfach erwähnten Premiere 1988 gesungen, nach wie vor diese getriebene Ruhelosigkeit, diese kräftige Stimme, mit aller Kraft konnte er die gebrochene Seele dieses unglücklichen Menschen zum Singen bringen. Ähnlich sein Friedrich von Telramund, dieser Mann im Schatten dieser wahnsinnigen Frau, beide auf verlorenem Posten, beide Opfer eines politischen, religiösen und kulturellen Paradigmenwechsels, diese letzten Begegnungen mit dem Sänger haben tiefe Eindrücke hinterlassen.

Auch die Erinnerungen an den anderen Sänger, an den Bass Rolf Wollrad gehen zurück bis in die Siebziger Jahre, als ich noch nicht in Dresden wohnte, aber zu den Premieren und besonderen Aufführungen anreiste. Wollrad kam aus Döbeln, studierte in Leipzig und Sofia, begann nach dem Opernstudio in Dresden seine Laufbahn auch an den Landesbühnen in Radebeul. 1970 kam er an die Staatsoper und war später in der Intendanz von Christoph Albrecht für etliche Jahre eine geschätzter Operndirektor. Ich erinnere mich an die erste Begegnung, Ende der Siebziger Jahre, Harry Kupfer hatte seinen grandiosen »Fidelio« auf die Bühne des Großen Hauses übertragen. Rolf Wollrad als Rocco – man mochte ihm ob seiner lavierenden Haltung nicht böse sein, er hat sich eingerichtet in seiner kleinbürgerlichen Welt hinter Mauern und schafft es auch unter neuer Herrschaft, den Mantel rechtzeitig richtig wehen zu lassen. Er war nicht der orgelnde Bass, der Stimmprotz, da war immer etwas Leichtigkeit, vor allem die Musikalität des Spielerischen. Der kleine Mann, der seine Haut retten und etwas abhaben will vom großen Kuchen.

Manchmal wurde er zum Schwejk in der Oper. Das hat er ausgekostet und das Publikum kam auf seine Kosten, wenn er zum Beispiel als Leporello, als Bartolo, als Don Pasquale oder Dulcamara auf den Opernbühnen stand. Er stand ja nicht, bei ihm gingen Spiel und Gesang immer ineinander über. Und da hatte er auch die größere Dimension, als Pimen in »Boris Godunow« oder auch als schon gefährlicherer Typ, wenn er der Daland in »Der Fliegende Holländer« war. Verschmitzt und etwas jovial machte Wollrad als Daland sein Geschäft mit dem Holländer, dass er dabei seine Tochter verkaufte, nahm man bei diesem gemütlichen Kleinbürger mit um so größerem Erschrecken wahr. Der Tenor Spas Wenkoff wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Gut einen Monat vor seinem Geburtstag, am 12. August, ist er in seiner Wahlheimat, in Bad Ischl, gestorben, 20 Jahre zuvor hatte er sich von der Bühne verabschiedet. Er war 1985 in die DDR gekommen. In Bulgarien hatte er sich schon einen Namen als Operettentenor gemacht. Er war zunächst in Döbeln am Theater engagiert, damals noch eigenständig, mit Musiktheater, Schauspiel und Ballett. Von Döbeln ging Wenkoff nach Magdeburg, und langsam bekam der Name einen Klang. Da sei doch ein Tenor, den kenne noch keiner, aber das könnte sich bald ändern, so hieß es schon in der so munteren wie reisefreudigen Operngemeinde der DDR, innerhalb der Grenzen, versteht sich. Zu Beginn der Siebziger Jahre habe ich dann Spas Wenkoff auch in Magdeburg erstmals erlebt. Er sang den Tannhäuser. Gut zehn Jahre später, da hatte er schon auf dem Grünen Hügel von Bayreuth gesungen, da wurde er schon an der MET in New York gefeiert, sorgt er ebenfalls als Tannhäuser für einen Opernabend der besonderen Art in Wien. Das war am 16. Oktober 1982. Reiner Goldberg singt an diesem Abend die Titelpartie, Wenkoff sitzt im Publikum, schon bald, im ersten Aufzug, sind bei Goldberg Probleme nicht zu überhören, der Sänger ist indisponiert, er kann nicht weiter singen. Wenkoff springt ein, mitten im ersten Akt, »Tannhäuser« ist gerettet, die Wiener jubeln. Sie werden ihren »Einspringer« noch einmal feiern, im November, drei Jahre später, vormittags wird in Berlin probiert, ganz vorbildlich und pünktlich, »Tristan und Isolde«, dann auf nach Wien, am Nachmittag rettet Spas Wenkoff die Aufführung von Wagners »Die Walküre«, er springt für Gerd Brenneis als Siegmund ein.

Und eigentlich, aller guten Dinge sind drei, begann die Weltkarriere des Sängers auch mit einem »Einspringen«. Harry Kupfer wollte in Dresden, an der Staatsoper, im Großen Haus, »Tristan und Isolde« inszenieren. Tenöre waren Mangelware in der DDR, Tenöre, die einen Tristan singen uns spielen können, erst recht. Zum Vorsingen meldet sich Spas Wenkoff, damals schon an der Oper in Halle engagiert, bis dahin aber weder dem Dirigenten Marek Janowski noch dem Regisseur bekannt. Das Vorsingen klappt, Kupfer hat seinen Tristan gefunden, die Premiere, am 12. Oktober 1975, wird ein bejubelter Erfolg, und Spas Wenkoff wird künftig diese Partie weit öfter als 400 Mal singen, in Berlin, Ost und West, in München, in Bayreuth, in Wien oder in Köln. Unter Carlos Kleiber gibt es eine Gesamtaufnahme mit ihm in dieser Rolle.

Ich erinnere mich gut an dieses Debüt. Das war einer dieser denkwürdigen Dresdner Opernabende. Kupfers großes Spiel vom Tod, eigentlich von Beginn an ein Liebestod, optischer und musikalischer Höhepunkt das Liebesduett im zweiten Aufzug, ein Totengarten, die Liebenden wie in Stein gemeißelt, als Grabsteine ihrer selbst, Wagners Wahn in wahnsinnig schönen Bildern, die der Musik und dem Gesang dieses Abends – obwohl eigentlich allen damaligen »Tristan«-Erwartungen widersprechend – so eindrücklich entsprachen. Fast 40 Jahre später in lebendiger Erinnerung.

Man kann sich auf etlichen CDs von der ungewöhnlichen Strahlkraft des Sängers überzeugen. Selbst seine erste Platte, damals bei Eterna erschienen, »Ein Opernabend mit Spas Wenkoff« von 1977, wurde wieder aufgelegt. Oder man kann die Biografie lesen, zum 80. Geburtstag erschienen, »Alles war Zufall".

21.12.2013Kolumnen