Unverstellte Innigkeit

Kolumnen

Unverstellte Innigkeit

Elfride Trötschel (* 22. Dezember 1913 in Dresden; † 20. Juni 1958 in Berlin)

Beim Buchstaben „T“ gibt es für mich eine Sängerin, die ich zunächst gar nicht mit Wagner in Zusammenhang bringe, obwohl sie etliche Partien seiner Opern, gerade in Dresden, gesungen hat. Dafür wurde sie vom Publikum geliebt. Denke ich an sie, ist Antonin Dvořák der Komponist, der für mich sofort präsent ist.

Im Dezember 1948 nahm der Radiosender Dresden dessen Oper »Rusalka« auf. Die Titelpartie singt Elfride Trötschel, Joseph Keilberth dirigiert die Sächsische Staatskapelle. Für mich bis heute, nach etlichen Aufführungen dieser Oper, nach etlichen Aufnahmen und Mitschnitten, die ich gesehen und gehört habe, gerade wegen Elfride Trötschel, und ihrer Interpretation dieser Partie, die Aufnahme, die mich am stärksten berührt. Natürlich habe ich diese Sängerin nicht erleben können. Sie wurde vor 100 Jahren in Dresden geboren, sie starb vor 55 Jahren in Berlin. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie vor 80 Jahren, in einem Liederabend, den sie im Lingnerschloss gab.

Mit einem Liederabend nahm sie auch 1956 im Kurhaus Bühlau Abschied von ihrem Dresdner Publikum. Zwei Jahre später starb die Sängerin in Berlin, ihr Grab befindet sich auf dem Cottaer Friedhof in Dresden. Was die so liebenswürdige und unverstellte Innigkeit ihres Gesanges betrifft, gibt es nach meiner Kenntnis keine gegensätzlichen Meinungen oder Berichte. Etliche Aufnahmen mit ihr, wie die erwähnte Einspielung der Oper »Rusalka«, bestätigen dies. Diese Partie hat sie auch in der Interimsspielstätte der Sächsischen Staatsoper in Bühlau gesungen. In der Zeit zwischen 1933 und 1944 sang Elfriede Trötschel In Dresden insgesamt an 152 Abenden Partien in Opern von Wagner, 26 mal war sie die Elisabeth in „Tannhäuser“, als Gast der Staatsoper, sang sie letztmals die Partie der Eva in „Die Meistersinger von Nürnberg“ 1953, wie in der Premiere, am 9. April 1950, im Großen Haus, der Dirigent war Rudolf Kempe. Diese Partie hatte sie auch 1950 und 1951 mehrmals mit dem Ensemble der Berliner Staatsoper in deren Ausweichquartier, dem Berliner Admairalspalast, dem späteren Metropoltheater, heute wieder Admiralspalast, gesungen.

Auf den Besetzungszetteln von damals Theo Adam, noch als „kleiner“ Meistersinger, als Seifensieder Hermann Ortel, wie schon 1950 in der Dresdner Premiere. Der Übergang zum nächsten Buchstaben fällt nicht schwer, denn die Partie des Lehrbuben David sang damals Gerhard Unger. Aber zuvor noch ein paar Anmerkungen zu Margarete Teschemacher, die ich natürlich auch nicht mehr erleben konnte: sie wurde 1903 in Köln geboren und starb 1959 in Bad Wiessee. Auch sie gehörte dem Ensemble der Staatsoper in Dresden an, sie war die Daphne in der Uraufführung der gleichnamigen Oper von Richard Strauss 1938. Noch 1944 entstand unter der Leitung von Karl Elmendorf in Dresden eine Aufnahme von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“, die Sopranistinnen dieser Einspielung mit der Staatskapelle sind Elfride Trötschel und Margarete Teschemacher. Es gibt eine Aufnahme des ersten Aufzuges „Die Walküre“ mit Margarete Teschemacher als Siglinde, es gibt eine Gesamtaufnahme „Der Fliegende Holländer“. Eine besondere Herausforderung bedeuten für Sängerinnen Wagners fünf Lieder nach Gedichten von Mathilde Wesendonck mit der Vorwegnahme der Tristanmusik und natürlich der Thematik. Dennoch reicht Opernerfahrung allein nicht aus, um der sensiblen Spezifik dieser Lieder gerecht zu werden. Die Aufnahme mit Margarete Teschemacher von 1934 setzt da noch immer Maßstäbe.

Nach diesen Erinnerungsausflügen per Tonträger in die Vergangenheit jetzt wieder Erinnerungen an Sängerinnen und Sänger, die ich erleben konnte, in Berlin, Dresden und Leipzig, Altenburg und Cottbus. Zunächst zwei Bässe: Fred Teschler und Rolf Tomaschewski. Beeindruckend beide. Etwas milder vielleicht im Klang Fred Teschler, etwas kerniger Rolf Tomaschewski. Im Dresdner „Lohengrin“, inszeniert von Christine Mielitz, Premiere 1983 im Großen Haus, die Semperoper übernommen und derzeit noch immer im Repertoire, konnte man vergleichen, beide sangen die Partie des König Heinrich. Beide sangen auch den König Marke. Zur Premiere dieser Inszenierung 1975 von Harry Kupfer war es ja Theo Adam. Fred Teschler habe ich auch mehrmals als Hunding in Dresden erlebt. Überhaupt, das waren große Abende im Großen Haus mit eigentlich immer guten Ensembles, vor allem der Staatskapelle unter der Leitung von Rudolf Neuhaus, der alle 11 Aufführungen zwischen 1969 und 1974 dirigiert hat. Rolf Tomaschewski war auch glänzend als Pogner in der mehrfach zitierten Meistersinger-Aufführung, seit 1985 für lange Zeit im Repertoire der Staatsoper. Für diese Partie hatte Harry Kupfer den Sänger auch schon 1981 nach Berlin, an die Komische Oper, geholt. Er war es dann in Dresden schon gewöhnt, dass zu diesem Werk ein Baum gehört. Meine erste und eindrückliche Erinnerung an Rolf Tomaschewski führt nach Altenburg, zweite Hälfte der 60er Jahre, »Die Meistersinger von Nürnberg«; hingefahren war ich wegen Klaus Buron als Hans Sachs, den Sänger kannte ich noch aus Frankfurt an der Oder, und wegen Wilfriede Günschel, sie sang die Eva, aber Tomaschewski ist ja sicher nicht der erste Bass, der als Nachtwächter nach fünf Opernstunden Eindrücke mit Langzeitwirkung hinterlässt.

Manchmal lohnte die Fahrt nach Cottbus. Das Jugendstiltheater, in seiner Art einzig in der DDR, hatte in musikalischer Hinsicht einen guten Ruf. 1984 erlebte ich dort eine Aufführung von „Tannhäuser“, der Cottbusser Haustenor, Christo Todorow, sang die Titelpartie, der große Held des kleinen Hauses, kraftvoll und rampenorientiert. Ich hatte ihn dann noch einmal als Baccus in „Ariadne auf Naxos“ gehört, passte wunderbar ins Ambiente des Theaters, und seine auftrumpfenden Rufe „Circe, Circe..“ die sind präsent, bis heute. Helga Thiede kam 1984 nach Dresden ins Ensemble der Staatsoper. Ein Jahr zuvor war sie noch in Dessau die Eva in den „Meistersingern“. Gastweise hatte sie schon Wagnerpartien in Berlin gesungen, in Plauen, und natürlich in Dessau. In Dresden war sei eigentlich auch vorgesehen als Eva, 1985, in der wieder eröffneten Semperoper, aber Wolfgang Wagner wünschte sich Lucia Popp zur Premiere, danach sang Helga Thiede auch in Dresden die Eva und da es mehr als fünf Besetzungen für den Stolzing gab, und sicher ebenso viele für den Hans Sachs, ging man eben mehrmals in diese Aufführung, auf Chor und Orchester war ja immer Verlass. Drei mal Ute Trekel-Burkhardt in drei Opern von Richard Wagner, unvergesslich, immer in der Berliner Staatsoper. Wirklich eine rasende Ortrud in „Lohengrin“, eine resolute Fricka in „Das Rheingold“ und eine sinnlich erregte und erregende Venus in „Tannhäuser“. Als Kundry habe ich sie leider nicht erlebt. Sie hat auch in Dresden gesungen, habe ich verpasst, schade, ihren Octavian mit der Staatskapelle hätte ich gerne in den Erinnerungen. Ute Trekel-Burkhardt kommt aus Pirna, inzwischen gibt sie ihre Erfahrungen weiter, aber wenn sich Partien finden, wie die Gräfin in Tschaikowskys „Pique Dame“, dann kehrt die jetzt fast 75jährige Sängerin schon noch mal zurück auf die Bühne. Die Welt hatte sie bereist; schon vor 1989 hatte sie Gastverträge an ersten Häusern im „nichtsozialistischen Ausland“…

08.11.2013Kolumnen