Eine Provinienz, drei Handschriften

Rezensionen

Eine Provinienz, drei Handschriften

Es ist tatsächlich reiner Zufall, dass der neue Ballettabend der Semperoper „Nordic Lights“ ausgerechnet drei schwedische Arbeiten auf die Bühne stellt. Die Kombination der drei Choreografien von Pontus Lidberg, Johan Inger und Alexander Ekman bildet aber keineswegs ein homogenes Bild.

Dafür sind die individuellen Handschriften zu stark ausgeprägt. In Skandinavien sind die Einflüsse vor allem von Mats Ek zwar gegenwärtig, stellen für die Choreografen dieses Abends aber kein kreatives Korsett dar.

Fotos: Ian Whalen

Die Uraufführung Lidbergs „Im anderen Raum“ nimmt sich die Schriften des persischen Mystikers Rumi (13. Jahrhundert) zur Grundlage. Deren philosophische Allgemeingültigkeit übersetzt Lidberg in eine introspektive Reflexion über Raum/Traum: Zu Musik von Max Richter (»Waltz with Bashir«), die mit Windgeräuschen beginnt, wird das Ensemble wie Herbstlaub auf die Bühne geweht. Die Formensprache ist verschlossen, in sich gekehrt. Viele Bewegungsabläufe werden über die Schultern zentriert. Die Musik retardiert den Ablauf der Zeit derart, dass es sich um nur einen einzigen Augenblick zu handeln scheint. Und doch ist es ein unterwegs Sein, eine Form der tatsächlichen Trans-Zendenz. Dabei rutscht das Stück aber nicht ins Ätherische oder gar Betuliche ab. Und das ist seine Stärke.

In Ingers »Walking Mad« zeigen sich die Einflüsse Mats Eks wohl am deutlichsten. Ähnlich wie in dessen Arbeit »She was black«, die ebenfalls im Repertoire des Semperoper Balletts zu sehen war, meint man hier einer Handlung zu folgen, die so aber keine ist. Und dahinein bricht immer wieder diese unbekümmerte Form des skandinavischen Humors. Was mit der trügerischen Idylle einer bukolischen Geräuschkulisse beginnt, wird durch Ravels Bolero systematisch in die Dramatik getrieben, der sich Inger auch keineswegs verschließt. Wer meint, den Bolero bereits rückwärts mitsingen zu können, wird hier erstaunt sein, wie widersprüchlich illustrativ diese Musik daherkommen kann. Inger kontrastiert die rätselhaften Vorgänge um eine flexible Wand herum im Anschluss der Getriebenheit von Ravels Komposition mit einem kurzen Stück von Arvo Pärt, dem wohl am häufigsten für Ballettchoreografien verwendeten Komponisten. Da liegt im Prinzip auf der Hand, dass es sich um ein sanftes, stilles Klavierstück handelt.

»Cacti«, die Arbeit des hemmungslosen Rebellen Alexander Ekman ist ein Schmankerl für jeden Kritiker. Genau für jene ist dieses Stück entstanden. Aus dem Motiv heraus, Interpretationsmechanismen durch äußere Kritik nicht kontrollieren zu können, dreht Ekman jedem, der es besser weiß, eine lange Nase. Er macht, was er will. Er setzt das Ensemble als Percussiongruppe ein, die sich im Zusammenspiel mit einem Streicherquartett zu erstaunlicher Ausdrucksstärke aufschwingt. Man braucht nicht lange, um zu sehen, warum diese Arbeit 2010 ein Überraschungserfolg war. Ekman benutzt die Tänzer wie kleine, geschäftige Männchen. Auf ihren weißen Podesten wirken sie wie Preziosen in Glasvitrinen. Sie sind ausgestellt auf einer Metaebene. Völlig unbekümmert verweigert sich diese Arbeit explizit jeglichen Bedeutungszuschreibungen. Die dem Titel entstammenden Kakteen erleben ihren grandiosen wie irrwitzigen Auftritt. Nein, das hat nichts zu bedeuten. 

Die gesamte Arbeit will sich verschließen, sich selbst nicht hergeben. Es geht darum, dass der Zuschauer das Geschehen nicht verstehen können soll. Das wirkt gelungen amüsant, wie stellenweise auch mit einem Hauch von Bitterkeit überzogen. Man spürt deutlich die jugendliche Rebellion des Choreografen. Unbekümmert und vor Kraft strotzend. Bei aller Konzepthaftigkeit vergisst Ekman aber nicht, zu choreografieren. Und das kann er. Erstaunlich gut.

Die nächsten Vorstellungen von „Nordic Light“ in der Semperoper: 30.10., 1. und 7.11.2013

28.10.2013Rezensionen