Ein verhängnisvolles Zugeständnis

Rezensionen

Ein verhängnisvolles Zugeständnis

Die Staatsoperette Dresden hat sich als erste gewagt, und am Freitag im feierlichen Rahmen das Musical "The Firebrand of Florence" von Kurt Weill in Europa erstaufgeführt. Schauspiel und Gesang, Requisite und Kostüme boten kurzweilige Unterhaltung. Die Entscheidung allerdings, das Broadwaystück auf deutsch zu bringen, wirft Fragen auf. 

Der "Feuerbrand" zeigt Florenz durch die amerikanische Brille. Ist das Werk nicht eigentlich auch als Parabel über gefährliche Machtspiele, ja: über Deutschland gemeint? (Christian Grygas als Cellini, im Hintergrund: Bryan Rothfuss als Herzog, Elke Kottmair als Herzogin; Fotos: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

Man nehme eine Prise italienische Renaissance; Machtspiele, die scheinbar willkürlich ihren Lauf nehmen; politische Schandtaten, auf welche keine Verantwortung eingefordert wird, sowie das übliche Techtelmechtel zwischen Mann und Frau, bei dem wahre, unerfüllte Liebe auf die oberflächliche Befriedigung körperlicher Bedürfnisse trifft.

Kompositorische Botschaften

Im Musical "The Firebrand of Florence" erleben wir Motive, die auf künstlerischer Ebene grundsätzliche menschliche Probleme und Lebenseinstellungen beleuchten, die in jeder Gesellschaft und Epoche je auf ihre Art und Weise in Erscheinung treten. Allerdings beobachtet das aufmerksame Publikum auch den Bezug zu ganz anderen Themen, die der Komponist geschickt in die Geschehnisse in der Stadt Florenz, symbolisch in ein popularmusikalisches amerikanisches Lebensgefühl hineingewebt hat: Botschaften, die uns an das Deutschland erinnern, welches Kurt Weill ins Exil vertrieben hat. 

Mit dem Hitzkopf aus Florenz ist der Staatsoperette ein Stück gelungen, das kurzweilig und gleichzeitig brilliant inszeniert ist. Die Erstaufführung in Europa schrieb am Freitag in der Leubener Staatsoperette im gefüllten Saal Musicalgeschichte. Indes fragt man sich, ob Kurt Weill die Aufführung gefallen hätte? 

Die Stärken der Inszenierung liegen im Detail, und besonders in der Musik. Einerseits überzeugten die gut für die Rollen ausgewählten Darsteller, die nicht nur gesanglich, sondern auch schauspielerisch brillierten: Christian Grygas als Cellini vermochte es, die vielen Facetten der männlichen Hauptrolle überzeugend darzubieten. Der sich scheinbar in Sicherheit wiegendeb Bildhauer begeht dabei wieder und wieder dasselbe Verbrechen gegen das Machtregime, ohne dabei je konsequent zur Rechenschaft gezogen zu werden. Seine große Liebe, erstklassig von Jessica Glatte verkörpert, scheint seinem Charme nicht lange widerstehen zu können. Besonders in Erinnerung bleiben ihr charmanter Gesang, aber auch ihre kecke Art, zwischen ihrem Helden Cellini und dem eher trotteligen Herzog von Florenz (Marcus Günzel) eine Brücke zu schlagen. Besonders überzeugend war der hervorragend schauspielernde Ottaviano (Dietrich Seydlitz). Mit seinem Tick, die Machtinhaber geschickt durch unsichtbare Fäden lenken zu wollen, scheint er in jeder Situation weiterzukommen. Als verkappter Bösewicht im Piratenkostüm vermochte er, unbescholten von Szene zu Szene zu stolpern. Auch das Orchester unter der Leitung von Andreas Schüller trug dazu bei, das Publikum in ein amerikanisiertes, broadwaydefiniertes Florenz zu beamen.

Rote Henkerstrachten und Disco-Glitzer

Extravagante Kostüme (Ausstattung: Christoph Weyers)

Die Bühnenausstattung, interessant gestaltet durch die geschickte Verwendung von kraftvollen Farben und sich kontrastierenden Materialien wie aufblasbarem roten Thron und historisch anmutenden königlichen Pavillons, umrahmte das schauspielerische und gesangliche Treiben zwischen Chor, den Hauptdarstellern und Tänzern. Auch die Kostüme trugen dazu bei, die Charaktere mit verschiedenen Materialien und Oberflächen voneinander abzuheben. Die geschickten Kombinationen von intensiven Farben mit unterschiedlichen Materialien produzierte dabei clevere Effekte. So standen die eher ins Rotlichtmilieu passenden Henkerstrachten im starken Gegensatz zu den weißen, an Feenkostüme erinnernden Nymphenkleidern des Frauenschwarms um Cellini. Ebenso hell schwang sich der Hauptdarsteller von Szene zu Szene. Im Gegensatz zum schlicht-unschuldigen Outfit wetteiferten die mit extravaganten Fellmänteln aller Art kombinierten Glitzerkleidungen des "Disco-Herzogs" und seines Hofes um die Aufmerksamkeit des Publikums. 

 

Ein verhängnisvolles Zugeständnis

Über kurz oder lang sah man sich an diesem kurzweiligen Abend aber schwer zum Grübeln veranlasst – und das lag an der gewählten Aufführungssprache, und allen begleitenden Fragen, die die Entscheidung aufwirft, gerade und ausgerechnet den »Firebrand« auf deutsch zu spielen. Man bedenke: der Komponist war 1933 aus dem brodelnden Nazi-Deutschland geflohen und hatte sich in der Folgezeit dezidiert und ganz bewusst von seiner Heimat abgewendet, hatte nach neuen musikalischen Vorbildern gesucht! Dieses Zugeständnis an die Genusserwartung des Leubener Publikums stellt sich bald als verhängnisvoll heraus.

Olivia Delauré (Angela), Miljenko Turk (Cellini)

Nicht nur hatte sich Kurt Weill seit seiner Ankunft in den USA vehement gegen die Verwendung der deutschen Sprache gewehrt. Einige Briefe an seine Eltern sollen eine seltene Ausnahme gewesen sein – aber sämtliche Tagespost verfasste er auf englisch, was die Musikwissenschaftler der begleitenden Tagung vor einige Probleme stellte, da bis heute keine Übersetzung zu existieren scheint. Auch verschrieb sich Weill komplett der amerikanischen Popularmusik des Broadways, um seinem persönlichen Wunsch nach Lebenswandel auch kompositorisch Ausdruck zu verleihen. Und die relative Härte der deutschen Sprache in Verbindung mit einer auf Show getrimmten Ungezwungenheit der amerikanischen Unterhaltungslandschaft des Broadways stehen sich nicht nur kulturell, sondern auch vom Klang her gegenseitig im Weg. 

Broadway auf deutsch – geht das gut?

Ich finde es schade, dass die Staatsoperette sich nicht getraut hat, den konsequenten Schritt zur Wahrung der vom Komponisten erschaffenen Intention zu gehen und das Musical von sprachbegabten Sängern auf englisch singen zu lassen. Ich bin der Überzeugung, dass dies dem Dresdner und internationalen Publikum die ursprüngliche politische Botschaft und quirlig-amerikanische Unbeschwertheit, ganz im Namen einer gut inszenierten Broadway-Show, sowie nicht zuletzt die musikalischen Erkenntnisse des späten, des "amerikanischen" Kurt Weills noch näher gebracht hätte. 

Nichtsdestotrotz spürt man, wie sich die künstlerischen Leiter und Darsteller der Staatsoperette bis ins Detail Mühe gegeben haben, selbst die politischen Hintergründe und Gedanken Weills so gut wie möglich mit den Mitteln des deutschen Wortschatzes und mit sehr gut ausgefeiltem Schauspiel herauszukristallisieren.

Unverkennbar sind die Anspielungen auf die politischen Verhältnisse in Deutschland.

Der genial verschrobene, äußerst vergessliche Herzog von Florenz wird von Marcus Günzel als unfähiger, glitzerhosentragender Anführer fantastisch verkörpert, und war für mich die Schlüsselfigur, was eine gesellschaftskritischen Lesart des Stückes angeht. Aber auch sein Umfeld und die Reaktionswellen, die er aussendet, beleuchteten seine Rolle als politischer Vermittler zwischen den Epochen. Auffallen wollen auch die Medici, der unterwürfige Hofstaat, die zum Stillschweigen gezwungenen Spione, ein teils zufriedengestelltes Volk, sich interessant entwickelnde Beziehungen in der Außenpolitik: kurzum, die durch die amerikanische Perspektive beleuchtete Hofgesellschaft von Florenz weist unverkennbar Parallelen zur Nazi-Politik auf, die die Unterhaltung zu einer charmant-geistigen Belehrung aufwertet. Umso mehr und wiederholt: schade, dass das wichtigste Parameter in die vom Komponisten am wenigsten erwünschte Sprache übersetzt worden ist!

28.10.2013Rezensionen