Ohne Konkurrenz

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Ohne Konkurrenz

Zu den großen Wagnersängerinnen gehört sie nicht. Man erinnert sich, sofern überhaupt, an Sonja Nemirowa weil ihre Tochter Vera als Regisseurin ziemlich bekannt geworden ist. In Dresden begann sie als vielversprechende Anfängerin mit einer Arbeit in der kleinen szene, später dann beglückte sie uns mit ihrer eigenwilligen Sicht auf Verdis „Otello“ in der Semperoper, da war sie fast zu einem Modeartikel geworden.

Die Mutter war immer dabei. Als Vera noch nicht mit ihren einstmals provozierenden Regiearbeiten einen Teil des Publikums verschreckte, den anderen jubeln ließ, sang Mutter Sonja in Rostock, wo sie engagiert war, die Senta in „Der Fliegende Holländer“ und die Venus in „Tannhäuser“, später gastierte sie auch in Meiningen als Senta. In dieser Partie habe ich sie 1983 in Rostock gehört, das war eine scharfe Leistung. 

Ich habe sie nicht mehr erlebt, die dramatische Sopranistin Katharina Nicolai oder auch Katharina Nicolai-Evers, aber in den Schwärmereien der Weimarer Fans waren die Erinnerungen lange lebendig. Sie muss hier, als zum Wagnerrepertoire am Deutschen Nationaltheater in den 50er Jahren nicht nur „Holländer“, „Lohengrin“ und Tannhäuser“ gehörten, sondern es auch ein Ring-Zyklus und es den „Parsifal“ gab, die Ikone des Wagnergesanges als Senta, Ortrud, Venus, Brünnhilde oder Kundry in der Thüringischen Edelprovinz gewesen sein. Man musste sich aber auf mündliche Überlieferungen verlassen, Aufnahmen gab es nicht und die Fans verfügten noch nicht über die technischen Möglichkeiten schwarze Mitschnitte zu machen. Selbst später, mit einem „Stern-Recorder“, war das immer noch ein abenteuerliches Risiko und das klingende Ergebnis nicht selten ein Fiasko. 

Zu Beginn der 60er Jahre, sie war wieder zurückgekehrt nach Dessau, wo ihre Karriere auch begonnen hatte, verliert sich die Spur der Nicolai. Die Fans von damals sind nicht mehr am Leben, einigen von ihnen, wie dem Schriftsteller Klaus Herrmann, einer von mehreren Ehemännern Luise Rinsers, verdanke ich viel im Hinblick auf meine kulturelle Sozialisation, den Büchern folgte gleich die Musik, der Oper kam die erste Position zu, die Karten waren erschwinglich, Schallplatten hören man gemeinsam, da konnten bis zu zehn Leute herum sitzen, es war mucksmäuschenstill. 

Irgendwann waren da auch Platten mit Birgit Nilsson, ich glaube es war der Ring unter Georg Solti. Die Einzelkassetten der Decca-Aufnahmen waren seit Ende der 60er Jahre bei Eterna erschienen und in der DDR lange Zeit ohne Konkurrenz. Ein paar der Sänger waren zur Zeit der Aufnahmen noch in festen Verträgen an den Staatsopern in Berlin und Dresden, Kurt Böhme etwa oder Gottlob Frick. Aber die Nilsson hat nach meinem Wissen nie hier gesungen. Im Mai dieses Jahres wäre sie 95 Jahre alt geworden, sie starb im Dezember 2005 Alter von 87 Jahren. Jürgen Kesting nennt sie in seinem Buch über die großen Sänger des 20. Jahrhunderts die „Assoluta des Wagner-Gesangs“. Verlässt man sich auf die Eindrücke von Zeitzeugen, die diese Ausnahmesängerin auf der Bühne erlebt haben, dann geben die Aufnahmen nur bedingt wieder, was die Ausnahmestellung von Birgit Nilsson begründete. 

Blieben und bleiben für mich die Erinnerungen der Aufnahmen, immerhin, und das „Naturereignis“ Nilsson, von dem Jens Malte Fischer spricht, ist auch so von so eindringlicher, wie nachhaltiger Wirkung, dass diese Dokumente Maßstäbe setzen, vor allem im Hinblick auf die so unwahrscheinlich mühelos und kraftvoll klingenden Höhen dieses Wagnersoprans, dem diese Ehrenbezeichnung wahrhaft gelten muss.  

Fischer überliefert in seinem Buch über die großen Stimmen auch eine schöne Anekdote: 1957, bei den Proben zum Ring soll Herbert von Karajan, der auch Regisseur war, der Nilsson zugerufen haben, „Frau Nilsson, das Herz liegt da, wo sie ihre Geldbörse haben.“, darauf die schlagfertige Sängerin, „Ach, Herr von Karajan, dann haben wir ja wenigstens etwas gemeinsam.“

In einem ganz anderen Zusammenhang wurde ich gerade wieder an Birgit Nilsson und ihre Brünnhilde im Ring unter Solti erinnert. Pünktlich zum Jubiläumsjahr für Richard Wagner brachte die Salzburger Marionettenbühne eine Fassung des Mammutwerkes in zwei Stunden heraus. Die kunstvoll geführten Marionetten spielen in dieser von zwei jungen Schauspielern moderierten Kurzfassung und die Stars von einst singen in Ausschnitten die schönsten Passagen aus 16 Stunden Musik. Diese Kuriosität ist als DVD bei BelAir erschienen und beim letzten von Nike Wagner kuratierten Kunstfest in Weimar kann man sie am 31. August live erleben. Das lasse ich mir nicht entgehen, Wagner in Weimar, kein ganz kleines Kapitel in meinem Erinnerungsalphabet.

Jetzt aber „aktive“ Erinnerungen. Zwei Tenöre. Harald Neukirch, man hatte den Eindruck dieser Sänger stand jeden Abend in der Berliner Staatsoper auf der Bühne.  

Dieser Spieltenor mit durchaus lyrischen Qualitäten hatte die Herzen der Opernfans der DDR gewonnen und gehörte zu den viel beschäftigten Sängern. Vor 85 Jahren wurde er in Döbeln, am 1. August, geboren, in Dresden, am Operettentheater, nach der Kriegsgefangenschaft, ging's los, 1949 als Statist, dann Chorsänger in Radebeul und ein Jahr später der erste Erfolg, Harald Neukirch war der junge Enoch Arden in Otmar Gersters Oper nach Alfred Tennysons Ballade. Drei Jahre später singt Neukirch im Chor der Staatsoper und ist ab 1955 hier als Solist engagiert.

1956 gehört er zum Chor der Bayreuther Festspiele, und von 1968 bis 1961 ist er in kleineren Partien in Bayreuth zu erleben. Im August 1961 kommt er pflichtbewusst zu einer Probe nach Dresden, da fällt für ihn der eiserne Vorhang, keine Rückkehr nach Bayreuth, sein wagnersches Meisterstück, den David in „Die Meistersinger von Nürnberg“ wird er hier nicht singen. Aber in Dresden, in Berlin, wo er seit 1961 zum Ensemble der Staatsoper gehört, in Dessau, Harald Neukirch ist für Jahre der David vom Dienst in der DDR. Und wer ihn erlebt hat, so jungenhaft, so quirlig, so berührend naiv und vor allem wahrhaft frisch und fröhlich im Gesang, der wird das nicht vergessen können. 

Zudem war er der Steuermann in „Der Fliegende Holländer“ oder der junge Steuermann in „Tristan und Isolde“. Und man glaubt es kaum, zugleich, ob in Dresden oder später in Berlin, er begeisterte als Tamino, als Pedrillo, als Ferrando im Fach eines Mozartsängers. 

Der außergewöhnliche Buffo-Tenor konnte sich als Oratoriensänger hören lassen, aber als David blieb er grandios, auch bei Gastspielen in Wien, in Moskau oder Lyon feierte er mit dieser Partie Triumphe. 1993 hat er seine Karriere beendet, im Januar 2011 starb Harald Neukirch in Tunesien.

Noch ein Tenor mit „N“, Günter Neumann, der Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg“, an der Komischen Oper in Berlin. Die erste Oper von Wagner an diesem Haus. Felsenstein fand da ja lange keinen Zugang, es heißt, er habe kurz vor seinem Tod doch noch den Plan gehabt, „Tristan und Isolde“ zu inszenieren, nun blieb es Harry Kupfer überlassen mit seiner so wunderbar poetischen Aufführung den ersten Wagner am Haus in der Behrensstraße zu präsentieren. Ein Riesenerfolg damals. Und Günter Neumann, den ich dann später auch in Dresden als Lohengrin in der Inszenierung von Christine Militz, noch im Großen Haus, erlebte, konnte sich wahrhaft hören lassen. In der Berliner Inszenierung von Theo Adam hat er die Partie auch gesungen, ich erinnere mich hier aber nur an die Aufführungen mit Eberhard Büchner und Jean Cox. Später dann habe ich Günter Neumann auch als Ritter von Stolzing in der Semperoper erlebt, gastweise, neben Klaus König, Reiner Goldberg oder den ganz und gar nicht zu vergessenden Dieter Schwartner, in der Produktion von 1985, in der Regie von Wolfgang Wagner. Günter Neumann hat von seinem Stammhaus, der Komischen Oper in Berlin, aus eine rege Gastspieltätigkeit absolviert, ins sozialistische und ins nichtsozialistische Ausland. Ob er noch immer aktiv ist konnte ich nicht ermitteln, in wenigen Tagen, am 22. August, feiert er seinen 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, mit herzlichen Erinnerungen!

Das Sprichwort sagt, „Einmal ist keinmal“, stimmt nicht. Einmal nur hatte ich das Glück, Jessye Norman zu erleben, das war am 30. August vor 32 Jahren im Dresdner Kulturpalast. Marek Janowski nahm mit der Staatskapelle Dresden in der Lukaskirche für Ariola Eurodisc „Der Ring des Nibelungen“ auf. Die Aufnahmen begannen 1980 und wurden 1983 abgeschlossen. Immer wenn ein Teil des Zyklus abgeschlossen war gab es eine konzertante Aufführung, nicht immer gänzlich in der originalen Besetzung, aber „Die Walküre“ im Kulturpalast war identisch mit der Besetzung der Einspielung. Ich hatte Glück, lange im Voraus hatte ich schriftlich eine Karte bestellt und bekam auch die Zusage. Was für eine Besetzung, was für ein Trio im ersten Aufzug, Siegfried Jerusalem als Siegmund, Kurt Moll als Hunding und eben das große „N“, Jessye Norman als Siglinde. 

Natürlich Theo Adam als Wotan, aber man traut ja noch heute seinen Ohren nicht, bzw. beim Lesen der Besetzung seinen Augen nicht, wenn da als Brünnhilde Janine Altmeyer und Yvonne Minton als Fricka präsent sind. Unter den Walküren so klingende Namen wie Cheryl Studer, die später, in der Intendanz von Christoph Albrecht in der Semperoper als Marschallin oder als Kaiserin in „Der Rosenkavalier“ und „Die Frau ohne Schatten“ zu erleben war. Die „Callas des Ostens“, wie sie von ihren Verehrern genannt wurde, Eva-Maria Bundschuh, war eine der Wotanstöchter, ebenso wie Ortrun Wenkel, Uta Priew oder auch Kathleen Kuhlmann, die ebenfalls zur Albrecht-Zeit mehrfach wieder hier zu erleben war. 

Aber das Erlebnis war für mich Jessye Norman, damals im Vollbesitz ihrer wunderbaren, dunklen Sopranstimme und so außergewöhnlich in der Ausstrahlung. Es blieb bei diesem einmaligen Erlebnis, und bis heute ist in diesem Falle das Sprichwort für mich widerlegt. Die Schallplatte konnte dann nicht mithalten, da bleibt für mich bislang Regine Crespin unerreicht, und was die szenischen Eindrücke angeht, da sind die Aufführungen der „Walküre“ mit Gisela Schröter als Siglinde, die ich mehrfach in Berlin und Dresden in dieser Rolle erlebt habe, nach wie vor die stärksten, dazu mehr wenn es so weit ist, unter „S“.

Jetzt folgt das „O“, Ingeborg Otto und Peter Olesch, sind da die einzigen in meinen Erinnerungen, daher werde ich die „Ps“ dazu nehmen, Brigitte Pfretschner, Käthe Pingel, Gisela Pohl, Gertraud Prenzlow, Uta Priew, Lucia Popp, Anna Prucnal oder Lajos Pasztor.

Bis dahin herzliche Grüße, 

Boris Gruhl

08.08.2013Kolumnen