Melancholie, Kraft, Härte

Kolumnen

Melancholie, Kraft, Härte

Hanne-Lore Kuhse

In Dresden Lockwitz ist eine Straße nach ihr benannt. In der Nachbarschaft ihrer ebenfalls mit Straßennamen geehrten Kollegen Heinz Bongartz, Herbert Collum und Rudolf Dittrich, befindet sich die Inger-Karén-Straße. Inger Karén war die dramatische Altistin der Dresdner Staatsoper, wo sie 1935 ihre Karriere begann, und wo sie blieb. Sie ist 1972 im Alter von 70 Jahren gestorben, ich habe sie auf der Bühne nicht mehr erlebt.

Ihre Aufnahmen allerdings, Herodias in „Salome“ mit Christel Goltz in der Titelpartie, oder noch früher als Amneris in „Aida“, 1938 unter der Leitung von Joseph Keilberth, lassen keinen Zweifel daran, dass sie eine grandiose Wagnersängerin gewesen sein muss, etwa als Venus im ersten Dresdner „Tannhäuser“ nach dem Krieg, ebenfalls unter Keilberth. Natürlich hat Inger Karén in Dresden auch Partie der Ortrud in „Lohengrin“ gesungen, ob sie da allerdings mithalten konnte mit einer der unwahrscheinlichsten Interpretinnen, nämlich Margarethe Klose (1902 – 1968), ließ sich nicht nachprüfen, ich habe keine Aufnahme in dieser Partie mit Inger Karén, wohl aber mit der Klose, eine Live-Aufnahme aus der Berliner Staatsoper von 1943, unter Robert Heger. Mag sein, dass die Dampfdramatik uns heute übertrieben erscheint, aber meine Güte, was war das für eine Stimme, eine satte, kräftige Altstimme, kein nach unten gedrückter Sopran, dann aber ausgestattet mit der Kraft eines dramatischen Soprans. Jens Malte Fischer spricht in seinem Buch „Große Stimmen“ von einer „Jahrhundertaufnahme“. Eindrücklich auch die Brangäne der Klose, ebenfalls in einer Live-Aufnahme der Berliner Staatsoper im Admiralspalast, von 1947, mit Ludwig Suthaus und Paula Buchner in den Titelpartien. Regie führte damals eine „ehemalige“ Isolde, Frieda Leider, dazu mehr im nächsten Kapitel.

Unter „K“, da muss die Rede von René Kollo sein, der Wagnertenor, der aus einer Berliner Operettendynastie kommt, dem die Grenzen zwischen E- und U-Musik immer schnurps waren, der in der Dresdner Aufnahme unter Carlos Kleiber einen Tristan singt, mit so junger und so heller Stimme, wie man es seitdem nicht mehr gehört hat, wohlgemerkt in einer Aufnahme. Ich hatte mal das Glück ihn zu erleben, Kollo sang die Titelpartie in Harry Kupfers Berliner Inszenierung „Parsifal“ von 1977. Das ganz große Glück war es nicht, so jedenfalls die Erinnerung.

In dieser Inszenierung sang auch manchmal Hans-Joachim Ketelsen die Partie des Amfortas. Bewusst habe ich Ketelsen am 27. März 1987 zum ersten Mal erlebt, ich sage bewusst erlebt, denn dieser Ausnahmekünstler mit dem markigen Ton war und ist eben ein Sängerdarsteller. Damals wurde in einer Neueinstudierung von Jürgen Muck Kupfers „Tannhäuser“ von 1978 aus dem Großen Haus auf die Bühne der Semperoper gebracht. In Wolfgang Wagners Dresdner „Meistersinger“- Inszenierung sang er den Kothner und dann in Adams „Parsifal“ wieder die Partie des Amfortas. Beste Erinnerungen habe ich an Ketelsen als Kurvenal im Berliner „Tristan“ von 1988, eigentlich war man ja wegen dem Debüt von Eva-Maria Bundschuh als Isolde angereist. Hans-Joachim Ketelsen hat von 1996 bis 2001 jedes Jahr in Bayreuth gesungen, 2010 kehrte er noch mal zurück, als Telramund in „Lohengrin“. Unwahrscheinlich, Hans-Joachim Ketelsen, mit nunmehr 68 Jahren, gab in Christian Thielemans Dresdner Operndebüt mit „Der Rosenkavalier“ in dieser Saison, als Einspringer, einen Herrn von Faninal, von dem man nur sagen kann: grandios!

Einer seiner Lehrer in Dresden war der Tenor Johannes Kemter, erst Buffo, dann Charakertenor, als Hirte Hirte im alten Dresdner „Tristan“ von 1957, bis 1973 in Repertoire habe ich ihn nicht erlebt, wohl aber als eindrücklichen alten König von China in den späten 60er und frühen 70er Jahren in der „Turandot“ in Großen Haus.

In dieser Zeit habe ich dort auch Wilfried Krug als Siegmund erlebt. Die Sehbehinderung des einstigen international – auch in Bayreuth – erfolgreichen Wagnertenors war schon vorangeschritten, eine gewisse Tragik schwang mit bei den vorsichtigen Bewegungen des Sängers, aber der lyrisch-dramatische Klang hat sich eingeprägt. Später dann war Klaus König der Dresdner Wagnerheld der Tenor vom Dienst, ab 1982 startete er von hier aus eine internationale Karriere, auf den Grünen Hügel ist er nicht gekommen, auch König hatte bei Kemter studiert, meine Erinnerungen an die vielen Dresdner Aufführungen mit ihm sind nicht so begeistert, immer etwas wehleidig, leicht betulich und etwas altväterlich der Klang, jugendlich, heldisch, kaum.

Nichts geht unter „K“ ohne Kehl und Kuhse. Sigrid Kehl seit 1957 in Leipzig war zunächst als Altistin auch im Oratoriengesang erfolgreich, mehrfach habe ich sie in den Kantatenaufführungen, sonnabends, in der Thomaskirche gehört, dann in der Oper, wo sie sich zum hochdramatischen Sopran emporschwang, als Kundry oder Ortrud auf die tiefe Grundierung ihrer charakteristischen Stimme setzen konnte, 1972 verblüffte sie als Isolde und untrennbar ist ihre Leistung als Brünnhilde mit der legendären Leipziger Ring-Inszenierung von Joachim Herz verbunden. Etliche Aufnahmen dokumentieren diese unverwechselbare Stimme.

Und zum Schluss für heute Hanne-Lore Kuhse. Es gibt wenige Sängerinnen, die mich dermaßen beeindruckt haben und dies noch immer tun, wenn ich Aufnahmen höre wie diese dramatische Sopranistin, die 1999, im Alter von 74 Jahren in Berlin verstorben ist. Anfang der 60er Jahre habe ich sie erstmals in Leipzig als Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“ gehört. Zu Beginn ihrer Karriere in Schwerin war sie eine der wenigen dramatischen Königinnen der Nacht. Hier sang sie bereits 1952 die Brünnhilde in „Siegfried“, dann auch in den anderen Teilen des ganzen Zyklus. Ich habe Hanne-Lore Kuhse später in Berlin als Isolde erlebt, eindringlich bis heute. Ich weiß nicht, ob ich je wieder einen so verhauchenden Schlusston des Liebestodes gehört habe. Ob sie in Wagnerpartien auch in Dresden gastierte konnte ich nicht ermitteln, wohl aber als Marschallin in „Der Rosenkavalier“, vielleicht, so mein Eindruck damals, doch nicht so ganz ihr Fach. Den Zyklus „Vier letzte Lieder“ hingegen singt sie unbeschreiblich schön, kein manieristisches Gesäusel, was sich so gerne als lyrische Interpretation verkaufen lässt. Nein, bei der Kuhse, in der Aufnahme mit dem Gewandhausorchester unter Václav Neumann von 1967, bekommt auch die Melancholie Kraft und wenn es sein muss unerbittliche Härte. Auf der gleichen bei Berlin Classics erschienen CD ihre Interpretation von Wagners Liedern zu den Gedichten von Mathilde Wesendonck. Dieses Tondokument setzt Maßstäbe.

Mit der Dresdner Philharmonie unter Kurt Masur hat Hanne-Lore Kuhse 1969 eine Porträtaufnahme eingespielt, Elisabeth, Senta, Elsa und Isolde aus dem Wagnerrepertoire, dazu Beethovens Fidelio-Leonore, eine wahrlich hochdramatische Donna Anna aus „Don Giovanni“ und vor allem eine grandiose Nachtwandelszene der Lady Macbeth von Verdi. Und ein teurer, gehüteter Schatz für mich, die Live-Aufnahme „Tristan und Isolde“ aus Philadelphia, vom 25. Januar 1967, keine Frage, diese Sängerin hat im Studio keine nicht einzuhaltenden Versprechen abgegeben.

Weiter geht´s demnächst mit den Erinnerungen im Alphabet mit „L“, Rosemarie Lang, Frieda Leider, Günther Leib und Robert Lauhöfer, Wilma Lipp, Hanna Lisowska, Max Lorenz, Siegfried Lorenz, Hans Joachim Lukat, Horst Lunow oder Rainer Lüdecke. Bis auf Leider und Lorenz, alle selbst erlebt, in Dresden, Berlin, Leipzig oder Weimar…

Bis Montag, herzlich,
Boris Gruhl

15.07.2013Kolumnen