Wenn Andy Warhol in der Kirche tanzt und stirbt

Rezensionen

Wenn Andy Warhol in der Kirche tanzt und stirbt

Foto: Friedemann Stolte

Das Ambiente ist toll. Die Dresdner Kirchenruine mit dem gläsernen Dach, die Ruine mit Himmelsblick. Mitten im großen Schiff des Sakralbaus eine große Tanzfläche, ein Mosaik aus Werbeplakaten, das Publikum sitzt an allen vier Seiten, langsam geht das Licht eines milden Abends über in die Zwischenstimmung sommerlicher Dämmerung.
Und da ist er. Andy mit den gelben Hosen, dem schwarzen T-Shirt mit modischem Kragen, das Strubbelhaar im gelben Kunstblond.

Andy als Jüngling, dann als Widergänger mit leichtem Bartwuchs, dann weiblich und das Quartett der Andys ist vollkommen mit Andy Nr. vier: weiblich, mit einem abgeliebten Schaf in Rosa unterm Arm. In der Mitte der Tanzfläche vier Monitore mit Werbespots in Endlosschleifen, ein flimmerndes Zentrum das im wechselnden Tempo umtanzt wird. Die Richtungen der Tänzerinnen und Tänzer wechseln, das Miteinander wird zum Gegeneinander, mal ist jeder für sich, aufrecht, am Boden, immer wieder wechselt das Tempo zum Sound, dessen Stimmungen ebenso umschlagen. Es geht voran, es geht zurück, es gibt symmetrische Passagen, mal werden die Gefilde des Pop und der Show durchstreift, dann gibt es strengere, eckigere Bewegungen aus dem Repertoire des zeitgenössischen Tanzes, exzellent in Maß und Klarheit, bis alles Banane ist.
Die Protagonisten wechseln die Haltungen, sie wechseln die Perücken oder legen sie ganz ab, aus „Andys“ werden „Andynen“, dann haben wir ein metrosexuelles Quartett in hübschen rosa Kleidchen, und ein Andy legt alles ab, frisch und frei, Adam ohne Eva, alles paradiesisch.

Manchmal schwingt sich die Musik zu tollem, rockigem Donnersound auf, dann kann man mitmachen, einige Zuschauer hält es nicht auf den Sitzen, Andy für alle, alle für Andy. Eine Fülle choreografischer Ideen macht den Abend ganz wunderbar unterhaltsam, mitunter kann man herzhaft lachen über die Versuche der Männer, Frauen zu schleppen und nach ihrem Gusto zu ordnen; klappt nicht. Frau muss schießen, wenn Mann es will, Mann weiß sich zu helfen wenn Frau schreit, er verklebt sie so lange bis sie zum transportablen Kunstobjekt wird. Hot dogs gibt es auch und Kunst mit Ketchup, was schon mal richtig zum Kotzen sein kann. Mit großem Augenzwinkern wird wenig an Versatzstücken dessen ausgelassen und humorvoll präsentiert, was allzu oft mit der lähmenden Zaunlattenästhetik konzeptueller Versessenheit zelebriert wird. Das Ganze gipfelt in einer schrillen Moderevue mit schreienden Kreationen aus dem Abfall unzähliger Tragetaschen des Alltagsdesigns der Supermärkte und Modelables für alle. Wie wär´s mit einem schicken REWE-Rock? 

Zwischenzeitlich war Andy schon mal tot, so zum schönen Schein, jetzt hat er das Zeitliche gesegnet, und wir verlassen die Kirchenruine in allerschönster Stimmung. So viel Alltagskunst und so wenig Alltägliches im Hinblick auf Gerardis Tanz- und Performancekunst bei denen er sich scheinbar unbekümmert beim Alltäglichen bedient und seine wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer Riccardo Sbrighi, Luciano Ariel Lanza, Morgane de Toeuf und Lisa Gropp auf Michele Lorenzini zu den Kompositionen von Michio in Hochform bringt.

Na ja, da konsumiert man doch gerne, da macht es schon Spaß, ganz im Sinne der Kunst natürlich, ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen, zur weltweiten Gemeinde der „glücklichen Konsumautomaten“ zu gehören. Und da wird´s dann doch am Ende ganz schön subversiv, aber schelmisch bleibt´s auch, und Andy lebt, dank dieser so wunderbar heiter getanzten Sommerabendpredigt zwischen den Mauern einer Kirchenruine unterm milden Himmelslicht eines Sommerabends.

Noch zu bemerken: Massimo Gerardi, den wir vor vier Jahren zur »Tanzwoche Dresden« mit dem Kölner movingtheatre kennengelernt haben, der jetzt unter dem neuen Label substanz arbeitet, ist als Dozent für zeitgenössischen Tanz von der Kölner Hochschule für Musik und Tanz an die Palucca Hochschule für Tanz gewechselt. Mit dieser Kreation ist der Einstand gelungen.

09.06.2013Rezensionen