Burmagongs und gute Laune

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Burmagongs und gute Laune

Foto: D.B.

Der Dresdner Jazzrockpop-Professor Thomas Zoller schrieb der Spielvereinigung Sued sein „Expedition Orkest“ auf den Leib. Dabei kam wilder Big Band-Jazz mit krachenden Grooves und einigen Überraschungen heraus.

„Das ist nicht so richtige Big Band-Musik“ erklärte Zoller selbst. Was richtige Big Band-Musik nun genau sei, soll hier nicht diskutiert werden, aber „Zollers Expedition Orkest“ ist definitiv anders. Die Musik ist eine Mischung aus Jazz, Neuer Musik, asiatischen Anklängen, Drum 'N' Bass und vielen anderen Genres, die Zoller inspirierten. Zur Eröffnung des Konzerts brachen satte Bläsersätze über das Publikum herein, doch blieb die Musik nicht einfach bei solch gewaltigem Muskelspiel, sondern ging in eleganten und dissonanten Klangflächen auf, bis Zoller zum Mikro griff um eine Sirene zu imitieren – Achtung! Hier kommt neuer Jazz!

Die großartig besetzte Big Band, an diesem Abend durch den Gast Frank Möbus an der Gitarre erweitert, spielte enorm elastisch und vielseitig auf. Zoller lieferte nicht nur die Komposition, sondern sorgte zugleich für deren musikalische Umsetzung und die gute Laune, wie Simon Bodensieck (Saxophon und Querflöte) versicherte. Die durchschlagende Kraft einer so großen Band setzten die Musiker sehr weise – nämlich selten – ein. Es erklangen viele außergewöhnliche Rhythmen, sperrig und chaotische Teile, die für den Zuhörer die Grenzen von Durchkomposition und Improvisation verschwimmen ließen. Zwischendurch ein Stück, dass in mikrotonalen Bereichen einen tranceartigen Sog in der Musik erzeugte. Wie zu einem Gamelanorchester baute es sich bis zu einem rauschenden espressivo auf. Einige komplexe Passagen schmetterten die Musiker in messerscharfem unisono, während andere durch mitreißende Melodien hervortraten. Hier sei besonders der Sänger Matthias Knoche mit seiner klaren und agilen Stimmer hervorgehoben. Knoche sang die Texte Vera Kendricks gefühlvoll, geschmeidig, bis mächtig und kreischend. Seine Stimme verlieh der Band noch viele weitere spannende Nuancen und rundete mit seiner Bühnenpräsenz das Bild gelungen ab. 

Wie angenehm locker Zoller mit seiner Musik umging, machte den gewissen Charme dieser besonderen Zusammenkunft aus. Manchmal hockte sich der Komponist einfach vor die Spielvereinigung, stimmte wie ein alter Schamane eine meditative Weise auf seinen Schieferplatten an, oder nahm zwei Schlägel, überlegte noch kurz welchen der Gongs er jetzt einsetzen sollte, haute ein paar mal drauf und schwang sich wieder ans Dirigentenpult. Ob da alle Musiker jeden Einsatz perfekt zusammenspielten, jeder Kick haargenau saß oder Zoller eine Weile allein spielte, weil jemand seinen Einsatz verschwitzt hatte, spielte bei dieser Spielfreude und dem sonst sehr hohen Niveau der Band gar keine Rolle mehr.

Die Soli schmiegten sich an den Gestus der Stücke an und doch brachte jeder für sich etwas ganz persönliches zum Ausdruck. Dabei mussten sich die Bandmitglieder kaum hinter dem bereits renommierten Gitarristen Frank Möbus verstecken. Dessen Soli stachen in ihrer anarchisch virtuosen Spielweise zwar klar aus der Masse heraus, doch überzeugten alle anderen Solisten in ihren Parts ebenso durch Feeling, scharfe Reibungen mit der Band und großem Können – besonders der Drummer Philipp Scholz erntete für seine Soli reichlich Applaus. Zollers lockere und experimentierfreudige Art schien sich auf die Musiker übertragen zu haben. Einige Male klatschte niemand für die Solisten, dann aber nur, weil der nächste Part oder Solist schon so umwerfend begann, das man sich gar nicht traute, diesen durch Klatschen zu zerstören.

Als Finale erklang ein Kampflied, dass in einer ausufernden Kollektivimprovisation mündete. Die Aussage verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Auftakt der Record-release-Tournee in der Scheune ist gelungen. Schade nur, dass man mit solch vorwärts denkenden mutigen Projekten kaum größere Konzertsäle, noch nicht einmal den der Scheune füllen kann. Das hohe Niveau der Musiker und die mitreißenden Kompositionen Zollers, hätten mehr Beachtung verdient. Das anwesende Publikum würdigte dieses Engagement mit lautstarkem Applaus.

Spielvereinigung Sued spielt „Zollers Expedition Orkest“ gibt es auch als CD beim Label Mons Records. In den nächsten Tage sind weitere Konzerte in Weimar und Leipzig geplant.

David Buschmann

05.06.2013Rezensionen