Verschlagene Tenöre, schwarze Bässe

Kolumnen

Verschlagene Tenöre, schwarze Bässe

Hiestermann als "Mime"

Weiter geht's in unserem Wagnersänger-ABC. Beim „H“ fällt die Auswahl allerdings schwer. Zunächst ein Tenor der Sonderklasse, kein Wagnertenor im eigentlichen Sinne, auch kein Held, aber immer, also auch wenn er spezielle Wagnerpartien sang, ein starker Charakter. Ich meine Horst Hiestermann. Die Schärfe, der schneidende Ton, aber auch der Witz, die Verschlagenheit, und wenn es sein musste richtige Gemeinheiten, das waren seine Stärken. Hiestermann war prädestiniert für die Partie des Mime in „Das Rheingold“. In dieser Partie habe ich ihn auch zuerst erlebt in einer Aufführungen der Berliner Staatsoper, als ab 1962 wieder die Inszenierung von Erich Witte aus dem Jahre 1957 insgesamt 33 mal gespielt wurde. Jetzt Suitner oder Rennert am Pult, der Wotan war Theo Adam, im Wechsel mit Heinz Imdahl, Erich Witte selbst sang den Loge, später übernahm Peter Schreier diese Partie. Schreier sang später auch den David in „Die Meistersinger von Nürnberg“, in dieser Rolle taucht auch Horst Hiestermann in der Dresdner Nachkriegswagnergeschichte auf, in einer Inszenierung von Heinz Arnold, mit einem Bühnenbild Karl von Appens, als sie 1962 wieder ins Repertoire kam und insgesamt noch 38 Aufführungen bis bis 1974 erlebte. Das Dirigat teilten sich Otmar Suitner, Rudolf Neuhaus und Siegfried Kurz.

Als am 9. Oktober 1960 das neue Leipziger Opernhaus mit „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Inszenierung von Joachim Herz eröffnet wurde, war Hiestermann in der Partie des Eißlinger dabei. Ein Jahr später singt er in Weimar unter Gerhard Pflüger im gleichen Stück den David, und wiederum in den „Meistersingern“, 1968 an der Berliner Staatsoper, den Moser in der Premiere, später wieder dem Eißlinger und natürlich mehrfach den David. Die Premierenvorstellung, am 8. Mai 1968, endete tumultartig als die Sopranistin Wilma Lipp erschien, sie hatte die Eva gesungen, hatte hörbar den Zenit ihrer Karriere überschritten, das Ostberliner Publikum war sauer über den Gast aus dem Westen.

Hiestermann wird bald einer der großartigsten Sängerdarsteller im Charakterfach, als Herodes in „Salome“ haben wir ihn noch oftmals in der Semperoper erlebt, aber damals, nach einem kurzen Abstecher nach Karl-Marx-Stadt, wiederum als David, ging er erst mal – wie es damals hieß – in den Westen. Er ging dort nicht wie es bei etlichen seiner Kolleginnen und Kollegen geschah, man denke nur an Barbara Gubisch aus Dresden, unter, sein Stern ging auf und strahlte lang. Im vorerst letzten Dresdner „Parsifal“ von 1988 war Rolf Haunstein der Klingsor, er war DDR-weit als Holländer unterwegs, auch in Dresden, in Wolfgang Wagners Inszenierung von 1988 sang er diese Partie, allerdings nicht in der Premiere, die war dem kraftvollen Ekkehard Wlaschiha vorbehalten. Dafür war er ein Jahr zuvor in Wagners Meistersingerinszenierung unter der Hessischen Tanzlinde ein eindrucksvoller Beckmesser. Ärger gab es damals allerdings, weil Peter Zacher in der Tageszeitung „Die Union“ in der Anlage dieser Person seitens der Regieführung peinliche, antisemitische Tendenzen erkannte.

Haunstein, der über Bautzen, Cottbus und Freiberg 1971 nach Dresden an die Staatsoper gekommen war, gastierte regelmäßig bei der Berliner Konkurrenz und ging 1991 nach Zürich und machte dort eine beachtliche Karriere. Er war hier erfolgreich als Telramund in Robert Wilsons „Lohengrin“- Inszenierung, war der Alberich in Wilsons Ring, sang in Hans Hollmanns „Parsifal“ – Inszenierung die Partie des Klingsor und unter der Regie von Jens-Daniel Herzog den Biterolf in „Tannhäuser“.

Nicht gerade als Wagnersänger spezialisiert, aber doch immer wieder als verlässliche Ensemblekräfte für das Dresdner Repertoire des Jubilars müssen unbedingt Jürgen Hartfiel und Wolfgang Hellmich genannt werden. Werner Haseleu, letztes Jahr im Alter von 77 Jahren in Leipzig verstorben, gehörte zu den von Harry Kupfer bevorzugten Sängerdarstellern. Haseleu kam mit Kupfer 1972 aus Weimar nach Dresden, in Weimar hatte er in einer Meistersingerinszenierung von 1961 den Nachtwächter gesungen, den Heerrufer in „Lohengrin“ und sein Ausflug an die Berliner Staatsoper als Gunther in „Die Götterdämmerung“, 1962, war nicht annähernd von solchem Erfolg gekrönt wie er ihn etwa als Ochs in „Der Rosenkavalier“ oder stärker noch im damaligen zeitgenössischen Musiktheater sich erworben hatte.

Sie kam aus Bitterfeld, debütierte im damaligen Karl-Marx-Stadt, war dann von 1960 bis 1962 in Zwickau engagiert und bis 1969 in Dessau. Danach verliert sich jede Spur. Die Rede ist von Waltraud Hera, ich habe sie immer wieder mal an der Berliner Staatsoper erlebt, sie war eine zuverlässige Einspringerin als Brünnhilde in „Die Walküre“ und „Die Götterdämmerung“, wenn eine der Hausgöttinnen absagen musste. Diese Partien sang sie im Dessauer Ring, in Dresden war sie eine von insgesamt sieben Besetzungen der Ortrud in der „Lohengrin“ – Inszenierung von 1957 und eine der vier Sängerinnen, die als Brünnhilde in „Die Walküre“ zwischen 1969 und 1974 zu erleben waren.

Die Altistin Renate Härtel habe ich in Erinnerung als Ortrud an der Leipziger Oper, wo sie diese Partie (sang sie auch in Dresden) alternierend mit Siegrid Kehl und Eva Fleischer in einer Produktion von 1965 sang. Sie war die Erda („Rheingold“ und „Siegfried“) in der legendären Leipziger Ring-Inszenierung von Joachim Herz von 1973, Schwertleite dann in „Die Walküre“ und alternierend mit Gertrud Oertel die Waltraute im Götterdämmerungsfinale.

Noch zwei Vertreter der tiefen Männerstimmen sind zu nennen, die noch dazu ähnlich heißen, der Bariton Manfred Huebner und der Bass Fritz Hübner. Ersterer, 1979 in Dresden gestorben, wo er seit 1941 an der Volksoper auch Regie führte und später an der Staatsoper zum viel beschäftigten Heldenbariton wurde, seinen Abschied nahm er als Hans Sachs 1966 in Leipzig, ihn habe ich nicht erlebt, nur von ihm gehört. Hingegen habe ich den schwarzen, kräftigen Bass von Fritz Hüber mehrmals und gern gehört, etwa als
finstereren Hagen an der Berliner Staatsoper. In dieser Partie war er auch im Bayreuther Ensemble höchst erfolgreich in der sagenhaften Ring-Inszenierung von Patrice Chéreau, unter der Leitung von Pierre Boulez. Nachzuhören und nachzusehen in der bei Deutsche Grammophon erschienenen fünfteiligen DVD-Box.

Und noch eine Erinnerung an den Wagnersopran des ostdeutschen Nordens, Gisela Hudewenz, immer wieder auch im seinerzeit experimentierfreudigen Opernensemble von Schwerin in zeitgenössischen Partien bekannt geworden. Im Wagnerfach debütierte sie 1963 in Stralsund als Elsa, ist dann in Schwerin, wo sie bis 1990 singt, die Eva 1970 in den „Meistersingern“, hier singt sie ab 1975 die Senta, drei Jahre später die Venus unter der Leitung von Peter Gülke. In der Schweriner Ring-Produktion, die 1983 begann, war sie dann in kleineren Partien besetzt.

Soweit das „H“ in meinen Erinnerungen, es geht weiter mit dem „I“, da wird es knapper, deshalb werde ich im nächsten Erinnerungskapitel gleich „J“ dazu nehmen um dann beim „K“ wieder aus der Fülle der Erinnerungen zu schöpfen.

Herzlich, Boris Gruhl.

04.06.2013Kolumnen