Keine Chance für den großen Coup

Kolumnen

Keine Chance für den großen Coup

Im Wagner-Jahr wäre das ein echter Joker gewesen: Richards Urenkelin wird Intendantin der Semperoper. (Nirgendwo sonst hat der Altmeister so lang gelebt wie in Dresden.) Wird sie aber nicht. Nike Wagner, noch Intendantin des Kunstfestes „Pèlerinages“ in Weimar, soll das Beethovenfest Bonn übernehmen. Ganz gewiss auch eine lohnende Aufgabe für die enorm fähige und blitzgescheite Ur-Urenkelin von Franz Liszt.

Tröstlich für Chefdirigent Christian Thielemann, der hätte sonst ja nur noch mit waschechten Wagnerianerinnen zu tun gehabt – sommers in Bayreuth mit Eva und Katharina, den Rest des Jahres in Dresden mit Nike. Der wäre das ganze Jahr über durch Feuer und Wasser gegangen.

Es ist allerdings kein Geheimnis, dass die Nachfolgerin respektive der Nachfolger von Ulrike Hessler, die im Sommer 2012 mit nur 57 Jahren verstarb, mit Thielemann gut zusammenpassen muss. Darin liegt schließlich die Chance für das Haus. Auch wenn es so klingt wie „Einigkeit macht stark“: In einem künstlerischen Verbund von Staatskapelle und Staatsoper profitieren alle Beteiligten: Kapelle und Oper, Sinfonik und Musiktheater, Auge und Ohr, Kulinarik und Anspruch, Tradition und Moderne. Also tatsächlich auch das ganz breite Publikum, ob es nun aus Reisebussen oder aus Blasewitz, Pieschen und Radebeul stammt.

So ist es nur logisch, dass der Chefdirigent nebst dem Verwaltungsdirektor des inzwischen Sächsische Staatstheater geheißenen Verbunds von Oper und Schauspiel in der allerstrengst geheimen Findungskommission sitzt. Die Frau von Sabine muss darin natürlich auch einen Stuhl haben, das sei den Hierarchien von Freifrauen im Freistaat gegönnt. Und sowieso die Stiftung bei Sempers laut Satzung. Olle Wagner hätte womöglich seine Freude an so viel kleinstädtischem Traditionsgebaren. Er hätte aber auch postuliert: „Verachtet mir die Meister nicht!“ Aber wären seine Gedanken da wirklich nach Wien abgeschweift, um bei Dominique Meyer anzuklopfen, selbst wenn der momentan ziemlich achtbar die Wiener Staatsoper direktiert? Der Elsässer hat immerhin schon Jack Lang beraten, und gar nicht mal schlecht, das spricht also für ihn. Würden Wagners Intentionen ferner nach Baden-Baden schweifen, wo er ursprünglich seinen Grünen Hügel errichtet haben wollte, und wäre er da wohl auf Andreas Mölich-Zebhauser gestoßen, der seine Stimme nun mit ins Rund werfen darf? Immerhin ein Geschäfteführer von hohen Gnaden, der auch mal einen schon vor seiner Taufe auf Grund geratenen Tanker flott bekam und in sichere Fahrwasser zu steuern vermochte. Ohne ihn gäbe es die Bahnhofsnachfolge des Casino-Städtchens heute womöglich nicht mehr.

Die Finder des künftigen Semper-Chefs respektive der -Chefin halten sich bedeckt bis vornehm zurück. Sie wurden bislang auf keiner Premiere gesichtet. Für diesen Posten in Frage kommende Persönlichkeiten jedoch schon. Da geben sich immer mal wieder Intendanten von nah und fern die Klinken in die Hand. Da dies ganz und gar öffentlich geschieht, müssen gar keine weiteren Namen genannt werden, ob es sich nun um Intendanten aus Halle an der Saale oder aus Salzburg an der Salzach handelt, ob um geprellte Rheinländer oder um französische Frohnaturen. Die Anfrage am Main, na gut, die hätte man sich gut sparen können, Bernd Loebe sitzt schon so lange dort und ist in seinem Amt wieder und wieder verlängert worden – was bitteschön sollte ihn denn an die Elbe ziehen?

Da ist Serge Dorny von der Zwei-Flüsse-Stadt Lyon (Rhone und Saône) sicherlich aussichtsreicher, weil auch flexibler. Eine bildreiche „Zeitung“ hatte diese ohnehin diskutierte Personalie ja bereits ganz sensationell („heißester Kandidat“!) gehandelt. Der Belgier wird aber gewiss nicht so bald gen Sachsen ziehen. Muss er auch nicht, denn die Vorarbeit im Hause Semper scheint ganz gut gediehen.

Etwas anders sieht das ein paar hundert Innenstadt-Meter weiter aus. Die Dresdner Philharmonie steht ja auch bald ohne Intendanten da, Anselm Rose scheint des Slogans vom „Dresdner Klang unterwegs“ inzwischen überdrüssig zu sein. Eben erst forcierte er den Kulturpalast-Umbau noch und flügelte Worte, dies sei nicht der Spatz in der Hand, sondern die Taube, nun sucht er das Weite. Denn in Sachsen Kulturpalast bewegt sich erst einmal: Nichts. Und Kulturbürgermeister Ralf („Wir haben nichts vorzuweisen.“) Lunau (nicht nur parteilos) spielt mit der Zeit. Keine Frage, wer da gewinnt.

2014 ist übrigens Richard-Strauss-Jahr. Bis dahin werden Würfel gefallen sein müssen. Denn: „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding …“

In diesem Sinne: Bis nächsten Freitag ganz herzlich –
Michael Ernst

11.05.2013Kolumnen