Goldbergvariationen: krank, unpässlich, indisponiert.

Kolumnen

Goldbergvariationen: krank, unpässlich, indisponiert.

Reiner Goldberg als "Tannhäuser" (Bayreuther Inszenierung, Wolfgang Wagner)

Wann es genau war weiß ich nicht mehr. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, wir waren eine kleine, verschworene Gruppe, Opernfans in Berlin und reisten schon mal quer durch die Republik, so sagte man damals, um Sängerinnen oder Sänger, für die wir schwärmten, zu hören. Diesmal ging es nach Gera. Da war ein Wagner-Konzert angekündigt, mit Ingeborg Zobel, noch in Weimar engagiert aber schon sehr präsent in Dresden und zeitweilig in Berlin. Hajo Müller aus Dresden sollte Wotans Abschied aus „Die Walküre“ singen, und ein neuer Tenor, ein Wagner-Tenor, von den Landesbühnen Radebeul ins Ensemble der Staatsoper Dresden gewechselt, war angekündigt: Rainer Goldberg. Eine Warnung machte die Runde: sicher, ob er wirklich singt, ist man erst, wenn er die Bühne oder das Podium betritt! An diesem Abend betrat er es nicht. Das sollte immer wieder mal passieren: krank, unpässlich, indisponiert. Gut zehn Jahre später verhalf Goldbergs Absage an der Wiener Staatsoper Spas Wenkoff zum Triumph als Tannhäuser, der internationale Durchbruch war da.

Wenn Rainer Goldberg sang, dann gab es grandiose Abende, in Dresden, in Berlin wo er seit 1981 zum Ensemble der Staatsoper gehörte, und da, wo wir nicht hin konnten. Ich habe Goldberg mit seiner markanten Tenorstimme zum ersten Mal in einer Aufführung des »Holländers« in Berlin gehört, da sang er den Erik. Großen Erfolg hatte er ab 1977 als Parsifal in Harry Kupfers Inszenierung an der Staatsoper unter Otmar Suitner mit Theo Adam als Amfortas, Siegfried Vogel als Gurnemanz und Ludmila Dvorakova als Kundry. Später dann auch in ihrer unvergleichlichen, flirrenden Sinnlichkeit mit Gisela Schröter als Verführerin der heiligen Herren. Großer Triumph für Goldberg dann ein Jahr später in Dresden als Tannhäuser, wieder Kupfer als Regisseur, der so herrlich energische Siegfried Kurz am Pult, eine Sternstunde damals, am 10. Oktober, im Großen Haus. In der alten Dresdner Meistersingerinszenierung von 1985 in der Semperoper von Wolfgang Wagner mit der berühmten Tanzlinde auf der Festwiese hat Rainer Goldberg auch den Stolzing gesungen und in Wagners Holländerinszenierung, die drei Jahre später heraus kam, auch wieder den Erik.

In Bayreuth war er von 1986 bis 1994 regelmäßig besetzt. Nach seinem Debüt als Tannhäuser kam 1987 und 1988 der Stolzing, dann erneut Tannhäuser, sicher eine seiner großartigsten Partien, den Siegfried sang er 1989 im Ring und dann jedes Jahr den Erik. Es schloss sich eine internationale Karriere als Charktertenor an, Herodes oder Ägist in „Salome“ und „Elektra“ von Richard Strauss. Goldbergs Parsifal, Siegmund, Siegfried sind als CDs zu haben; namhafte Kollegen, namhafte Dirigenten, Armin Jordan, Bernard Haiting oder James Levine. Eines der wichtigsten Dokumente des Tenors Rainer Goldberg, dessen mitunter angestrengter, strapaziert wirkender Gesang nicht nur Zustimmung fand, ist für mich daher die Aufnahme von Schönbergs „Moses und Aron“ von 1976, aus Leipzig, unter der Leitung von Herbert Kegel.

Und noch ein Tenor. Ein Wagnertenor. Manche sagen, der Wagnertenor überhaupt, baritonale Grundierung, expressive Höhe, tolle Kondition. In diesem Jahr wäre er 95 Jahre alt geworden, aber er starb schon 1979, erst 60 Jahre alt, in Berlin. Hier habe ich ihn auch erlebt, an der Staatsoper, in der alten Lohengrininszenierung von 1958, die 1964 wieder aufgenommen wurde und lange noch gespielt wurde. Die Rede ist von Ernst Gruber, seine Anhänger stellen ihn in eine Reihe mit Jon Vickers oder Max Lorenz, nur mit dem Unterschied, dass Gruber vergessen ist. Ernst Gruber war oft in Leipzig zu erleben, im neuen Opernhaus und zuvor, als die Oper noch in der heutigen MUKO spielte.

In Dresden war der gebürtige Wiener, der bei Hilde Rössl-Majdan studierte und sein Debüt in Graz gab, den Hermann Abendroth nach Weimar verpflichtete, von 1953 bis 1970 immer wieder zu Gast verpflichtet. Als Stolzing in der Produktion von 1950, als Tannhäuser in der Inszenierung, die 1954 unter Franz Konwitschny heraus gekommen war. In der Premiere „Lohengrin“, am 7. Oktober 1957, im großen Haus sang Ernst Gruber die Titelpartie, in der „Walküre“, die zwei Jahre später heraus kam alternierte er als Siegmund mit Wilfried Krug und so war es auch im „Tannhäuser“ von 1963, zur Premiere Otmar Suitner am Pult, dann auch Siegfried Kurz und Hans Zanotelli. Das lag, bis auf eine Ausnahme in Berlin, alles vor meiner Zeit, daher bin ich auf CDs angewiesen. Und da ist für mich der Mitschnitt einer Aufführung von „Tristan und Isolde“, vom 25. Januar 1967, in Philadelphia, ein klingender Maßstab, was die Sänger angeht. Grubers Tristan ist wirklich grandios, kein Schwächeln, und volle Kraft im dritten Aufzug. Dazu tolle weitere Sänger, Hanne-Lore Kuhse als Isolde, Blanche Theebom als Brangäne, Ramon Vinay als Kurwenal. Ebenso aufschlussreich eine Box mit drei CDs, ein Porträt, Beethoven, Weber, Verdi, Wolf-Ferrari, Smetana, D´Albert und natürlich Wagner. Beide Aufnahmen bei PONTO.

Manche Dresdner erinnern sich gerne an Ruth Glowa-Burkhardt, zuletzt als Helmwige in „Die Walküre“, Premiere 1969, im Großen Haus, ich habe sie nicht erlebt, in späteren Aufführungen, Anfang der 70er Jahre, die ich hörte hatte Eleonore Elstermann die Partie übernommen. Gerne aber erinnere ich mich an die Sopranistin Wilfriede Günschel, etwa als Eva, seit 1967, in „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit Klaus Buron als Sachs in Altenburg, wo sie auch die Senta sang. Außerdem war sie die Helmwige in der berühmten Ring-Inszenierung von Joachim Herz in Leipzig. Es gibt mit ihr eine bemerkenswerte Rundfunkaufnahme der Oper „Halka“ von Stanislaw Moniuszko. Die Aufnahmen der Box mit 10 CDs „Great Singers sing Wagner“ hatte ich schon erwähnt. Die ältesten Aufnahmen, von 1907, 1908 und 1909, sind von der Sopranistin Johanna Gadski (1872 – 1932). Erstaunlich, sang man Wagners damals wirklich so leicht und elegant, als sänge man Mozart? Tatsächlich, in New York, London und Bayreuth triumphierte die aus Anklam stammende Sängerin im Wagnerfach, bei den Münchner Opernfestspielen und bei den Salzburger Mozart-Festen feierte man sie als Mozartsängerin. Und wenn ich ihren Liebestod von 1907 höre, dann kann ich nur sagen, „Mild und leise“, und verzückt lächeln. Das Hamburger Archiv für Gesangskunst hat etliche historische Aufnahmen mit Johanna Gadski heraus gebracht.

Zum Schluss eine Entschuldigung für die Pause, aber der Tanz hatte mich fest im Griff, Tanzwoche Dresden, erster Sächsischer Fachtag Tanz und die erste Tanzplattform des freien Tanzes in Sachsen sind jetzt vorbei. Nach kleiner Erholungspause geht es demnächst wieder regelmäßig weiter im persönlichen Wagner ABC, mit „H“ wie etwa Werner Haseleu, Gerda Hannemann, Horst Hiestermann, Waltraud Hera, Manfred Huebner und Fritz Hübner zum Beispiel. Bis dann, bis Montag! Herzlich, Boris Gruhl

06.05.2013Kolumnen