Singen UND singen lassen

Kolumnen

Singen UND singen lassen

Eine Nachrichtenagentur machte die Meldung publik, den angeblichen Fakt aber hat eine Umfrage ergeben: In Sachsen wird wenig gesungen. Im bundesweiten Vergleich belegt der Freistaat einen der hinteren Plätze. Ausgerechnet eine Gesellschaft, die sich der „Konsumforschung“ verschrieben hat, brachte diese Botschaft pünktlich zur Musikmesse in Frankfurt am Main an den Tag. Wie hat sie das angestellt? Sie hat gut 11.000 Menschen im 80-Millionen-Volk „repräsentativ“ befragt und kam zum erschütternden Resultat, dass nur in 15,1 Prozent aller sächsischen Haushalte gesungen werde.

Braucht es also einen neuen Jürgen Hart, der seine Landsleute zum volkstümelnden Singsang in Mundart bewegt? Oder sollte doch nochmal gründlich über die gestiegenen Gebühren bei Kruzianern und Thomanern nachgedacht werden?

Vielleicht trifft ein Vorschlag zur Güte irgendwo mittendrin den Kern dieser Sache: Studieren Sie gründlich den Veranstaltungskalender und Sie finden sangesfreudige Unternehmungen fast ohne Ende. Da feiert beispielsweise der Dresdner Motettenchor einen der diesjährigen Jubilare der Musikwelt – nein, nicht Verdi und Wagner – und führt anlässlich des 100. Geburtstags von Benjamin Britten Chorwerke des im November 1913 geborenen Briten auf (am Samstag in Dresden, am Sonntag in Meißen). Der Carl-Maria-von Weber-Chor wiederum verbindet genau eine Woche später Musik von Georg Friedrich Händel mit der Uraufführung von Edwin Mertes, der einen Volksliederzyklus verfasst hat.

Einen Liederabend „Auf den Flügeln des Gesanges“ gibt es ebenfalls am 20. April, wenn die Sopranistin Ute Selbig, der Bariton Andreas Scheibner und Jobst Schneiderat am Klavier im Schloss Reinhardtsgrimma mit Kompositionen von Lortzing, Mozart und Weber aufwarten. Tags drauf lädt der Knabenchor Dresden a capella zu einem Frühlingskonzert, gestaltet der Kammerchor Pesterwitz ein Konzert mit Werken von Schütz, Mauersberger und Wagner. Nein, wieder nicht der Jubilar Richard, dessen 200. Geburtstag im Mai bevorsteht, sondern der in Dresden lebende Komponist Georg Wieland Wagner, der an diversen Schlaginstrumenten auch selbst mitwirken wird. Und als weiteres Jubiläum in diesem gesangsreichen Monat gibt es am 21. April „Das Lied in Dresden“ zum 100. Mal! Dazu gestaltet die Sängerin Camilla Nylund gemeinsam mit dem Pianisten Jobst Schneiderat ein Festkonzert im Konzertsaal der Musikhochschule und interpretiert Werke von Sibelius, Strauss und – nun also doch! – Richard Wagner sowie von ihrem finnnischen Landsmann Edvard Armas Järnefelt. MDR Figaro wird dieses Konzert aufzeichnen.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Sie kennen das ja. Vielleicht drehen Sie das einfach mal um? Erheben sich und singen selbst? Singen und singen lassen einmal andersrum, schließlich ist Frühling.
 

Bis nächsten Freitag wieder ganz herzlich –

Michael Ernst

10.04.2013Kolumnen