Estes, Enders, Elze, Eyles

Kolumnen

Estes, Enders, Elze, Eyles

Dreimal tief und einmal hoch. Simon Estes, der Bassbariton, Bernd Elze und Helmut Eyle, die Bässe und Werner Enders, der außergewöhnliche Charaktertenor. Als Wagnersänger ist Helmut Enders nicht bekannt geworden, er hat seine grandiose Karriere an der Berliner Komischen Oper gemacht: er war einer der Protagonisten in den Inszenierungen von Walter Felsenstein. Da gehörte er zu den berühmtesten Mitgliedern des Ensembles; ein skurriler Komödiant, etwa als Bobèche, in Ritter Blaubart, seine Paraderolle, aber unvergesslich auch seine Doppelrolle als Dackel und Schulmeister in „Das schlaue Füchslein“.

Wagner gab´s ja eigentlich nicht an der Komischen Oper, Ausnahme „Der Fliegende Holländer“, 1962, in der Inszenierung von Joachim Herz mit Vladimir Bauer in der Titelpartie und Robert Hanell am Pult. Bevor der 1924 in Beiersdorf, nahe Bautzen und Löbau, geborene Werner Enders nach Berlin kam, besuchte er die damalige Musikfachschule in Radebeul, studierte Violine in Zwickau und war 2. Geiger an der Staatsoper Dresden. Im Krieg erlitt er eine Handverletzung, er nahm Gesangsunterricht und war, bevor er 1955 nach Berlin ging, an den Theatern in Altenburg und Halle engagiert. Damals war es üblich, auch an kleineren Häusern Wagner zu spielen – in Altenburg sowieso. Schon 1947 sang er in Zwickau den Steuermann in „Der Fliegende Holländer“ und im Altenburger „Tannhäuser“ von 1949 den Heinrich. Hier war er auch in „Rienzi“ dabei, 1952 als einer der Edlen in „Tannhäuser“, ein anderer Edler war Martin Ritzmann, der später an der Staatsoper in Berlin ein gefeierter Tannhäuser war. Dazu natürlich später ausführlicher. 1953 ist Enders in Halle als Mime in „Siegfried“ als Gast zu erleben; ein Jahr später ist er hier wieder einer der brabantischen Edlen. Und dann wohl auch letztmals in einer Wagnerpartie, als Steuermann, in „Tristan und Isolde“, ebenfalls in Halle. 

Die beiden Bässe Bernd Elze, geboren 1947 in Dessau, und Helmut Eyle, geboren 1908 in Halberstadt, waren Stützen des Ensembles der Leipziger Oper. Eyle hatte nie eine Hochschule besucht. Er hatte sich das Singen selber beigebracht, wurde Chorsänger, und war dann von 1949 an für 30 Jahre Solist in Leipzig. Seine erste Wagnerpartie hier, der Reinmar im „Tannhäuser“ von 1954, noch im Interim, der Oper Dreilinden, heute Musikalische Komödie, die „MuKo“. Im „Lohengrin“ hier von 1958 übernimmt er dann schon von Hans Krämer die Partie des König Heinrich und 1960, in der Eröffnungsinszenierung von Joachim Herz für das neue Opernhaus am Karl-Marx-Platz, ist er der Schwarz in „Die Meistersinger von Nürnberg“. Es folgen kleinere Partien in den großen Opern des großen Sohnes der Stadt, letztmalig ist er als Nachtwächter in der Neuinszenierung der „Meistersinger“ von 1979, unter der musikalischen Leitung von André Rieu zu erleben. Rieu ist der Vater jenes Rieu, der heute gerne was geigt, und war etliche Jahre Chefdirigent der Leipziger Oper.

In den „Meistersingern“ von 1979 war Bernd Elze der Pogner. Angefangen hatte er als Wagnersänger in seiner Heimatstadt Dessau 1971 als Landgraf in „Tannhäuser“. Hier als Gast noch in Dessau, wo ihre erstaunliche Karriere begann, Helga Thiede, der wir später dann ja in Dresden etliche grandiose Abende verdanken werden, etwa als Küsterin in „Jenufa“. 1974 ist Elze als Landgraf in Altenburg zu erleben, bevor er dann ein Jahr später im berühmten Ring von Joachim Herz die Partie des Fafner sich mit Thomas M. Thomaschke teilt. Als Fasolt im „Rheingold“ gastiert er 1985 in seiner Heimatstadt Dessau, dem Bayreuth des Nordens. Beide Bässe waren zuverlässige Ensemblesänger und besonders beim Leipziger Publikum ausgesprochen beliebt.

Zum Weltstar im Wagnerfach wurde aber der 1938 in Centerville, Iowa, geborene Simon Estes. Zunächst studierte er Theologie, Medizin und Psychologie, bevor er zu Gesang kam, und eine gründliche Ausbildung von 1961 bis 1963 bei Charles Kellis abschloss und Aufnahme fand an der New Yorker Julliard School of Music. Erster Opernauftritt dann in Deutschland, an der Deutschen Oper in Berlin 1965 als Ramfis in „Aida“. Festes Engagement dann in Zürich. Dem Opernhaus bleibt er eigentlich treu bis 1979. Hier kommen schon für den jungen Sänger zwei entscheidende Partien, die seinen Weg bestimmen werden: Porgy in Gershwins „Porgy and Bess“ und die Titelpartie in Wagners „Der fliegende Holländer“ unter der Leitung von Ferdinand Leithner.

Mit dem Holländer steigt er auf in die internationale Wagnerriege, ein Heldenbariton von enormer Ausstrahlung. Harry Kupfer holt ihn 1978 für seine Inszenierung „Der Fliegende Holländer“ nach Bayreuth, ein überwältigender Erfolg für Estes, für Kupfer und für Lisbeth Balslev als Senta, die noch ein Jahr zuvor in Kupfers „Parsifal“ an der Berliner Staatsoper eines von Klingsors Zaubermädchen war, aber dann unaufhaltsam ihren Weg ging. In Dresden sang sie, ebenfalls in einer Kupfer-Inszenierung, 1978 die Elisabeth in „Tannhäuser“. Die Bayreuther Inszenierung vom „Fliegenden Holländer“ gibt es als DVD und als CD. Eine CD gibt es auch mit Simon Estes als Amfortas in „Parsifal“ – die Partie hat er auch in Bayreuth gesungen. Auch sein ganz großer Wunsch erfüllt sich: er singt den Wotan, den Wanderer, in Ring-Produktionen an der Met in New York, in Berlin, Chicago, Hamburg, beim Maggio Musicale Fiorentino in Florenz, in London, an der Scala in Milano oder in München. Es wird immer wieder betont, wie groß der Stimmumfang von Simon Estes war, nachzuhören etwa in Aufnahmen, denn er hat im italienischen Fach sowohl den König Philipp als auch den Macbeth gesungen. 

Noch eines kommt hinzu bei der außergewöhnlichen Karriere dieses Sängers, der aus recht bescheidenen Verhältnissen kam und dessen Großvater noch Sklave war: der Durchbruch für einen afroamerikanischen Sängers im Wagnerfach, weltweit. Jens Malte Fischer verweist in seinem Buch „Große Stimmen“ darauf, dass nicht zu vergessen sei, wie schwer es einst für eine Sängerin wie Marian Andersen war, sich in den USA durchzusetzen, (meine Buchempfehlung:„Der Klang der Zeit“ von Richard Powers), und mit welcher Skepsis man der „schwarzen Venus“ Grace Bumbry in Bayreuth begegnete. Simon Estes hat sich durchgesetzt. Dass er zu den besonders begnadeten Sängern gehört, belegen viele Aufnahmen mit Werken unterschiedlichster Art. Für mich insbesondere eine Einspielung des Requiems von Fauré mit Lucia Popp unter der Leitung von Sir Colin Davis und seine CD „Ol Man River, Broadway Greatest Hits“.

Soweit für heute. Es geht weiter mit dem Buchstaben „F“, die Auswahl wird nicht leicht, aber auf jeden Fall ist Eileen Farrell dabei, schon wegen ihrer Interpretation der Wesendonck-Lieder unter Leonard Bernstein… Bis nächsten Montag also!

18.03.2013Kolumnen