Zehntklässler & Diva

Kolumnen

Zehntklässler & Diva

Heute wird es sehr persönlich. Beim Buchstaben „D“ fällt mir Luana DeVol ein, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Mit 40 hat sie erst angefangen, gleich im dramatischen Fach. Auf den Grünen Hügel hat sie es zweimal geschafft, immer als Einspringerin: 2001 als Brünnhilde für Gabriele Schnaut in der Ring-Inszenierung von Jürgen Flimm. Giuseppe Sinopoli hatte sie angerufen, er kannte sie aus Dresden, als Färberin in „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss. Zehn Jahre zuvor war sie schon mal aushilfsweise auf den Bayreuther Hügel geholt worden, auch als Brünnhilde, im „Siegfried“, weil Anne Evans erkrankt war.

In Dresden habe ich die beindruckende und sehr präsente Sängerin mit Wagner nur im Konzert erlebt. Es war das erste Dirigat von Christian Thielemann, zunächst „Die Walküre“, erster Akt, konzertant, dann ein Ring-Potpourri von Thielemann mit dem Schlussgesang „Starke Scheite schichtet mir dort“. Starke Erinnerungen, später noch übertroffen: Luana DeVol als Brünnhilde in der Stuttgarter Ring-Inszenierung von vier Regisseuren, Finale von Peter Konwitschny, unvergesslich seine Interpretation der „Götterdämmerung“. Ich sehe diesen Abschied der Brünnhilde mit DeVol noch vor mir, sie weckt die toten Helden auf, sie bittet das ganze Mannsvolk höflich von der Bühne, alles wird abgeräumt, eure Zeit ist zu Ende, jetzt bin ich dran. Und dann nimmt sie Abschied im feuerroten Kleid und schleudert den Ring des Nibelungen ins Publikum, er gehört jetzt allen und keinem. Und sie sang grandios!

Das klang nicht immer schön, das konnte schon mal scharf und auch etwas schrill werden – aber nie so, dass man nicht mehr hören wollte. Eine Sängerin, die immer alles gab. Total. Grandios. In einem Gespräch mit Kevin Clarke hat sie gesagt, dass ihr Ideal Frieda Leider sei. Die habe ich mir gleich angehört: zwei Aufnahmen von 1928, „Götterdämmerung“, Finale und „Parsifal“ Kundry, 1931. De Vol bewunderte die leise Dramatik der Leider; da ist man auch wahrlich verblüfft, das war aber ihre Sache nicht so ganz. Luana DeVol gab Vollgas.

Sehr persönliche Erinnerungen habe ich an Ludmila Dvoráková – sie wird in diesem Jahr 90. Mein erster Opernbesuch in Berlin, Staatsoper unter den Linden, 1962, zehnte Klasse, Klassenfahrt, ich hatte alle überzeugt, da müssen wir hin, „Tannhäuser“! Theo Adam als Landgraf, Ernst Gruber in der Titelpartie, später habe ich da Wolfgang Windgassen, Ernst Kotzub oder Hubert Lehmann gehört, letzterer ein verkanntes Genie aus Erfurt. Elisabeth Rose war 1962 die Elisabeth, später sangen auch Eva Zikmundova und Liane Synek die Partie. Den Wolfram sang Rudolf Jedlicka, Robert Lauhöfer, Wolfgang Anheisser und Günther Leib folgten ihm. In einer Nebenrolle, als Edelknabe, keine Geringere als Sylvia Geszty, Nelly Ailakova übernahm später die Partie als Anfängerin. Und die Dvoráková als Venus – so etwas hatte ich noch nicht gehört, im Kleist-Theater Frankfurt/Oder, das monatlich bei uns im Eberswalder Kino gastierte, sowieso nicht, und im Radio, RIAS gestört, SFB auf Mittelwelle, auch nicht. Im Opernkonzert des DDR-Rundfunks schon gar nicht – da erinnere ich mich nur immer an „Zar und Zimmermann“. Ich war hin und weg. Ich war der Oper verfallen, dank dieser Sängerin…

Die Macht der Stimme, die Erscheinung, eine richtig toll aussehende junge Frau, naja, ich habe den Tannhäuser nicht verstanden. Als ich 1968 anfing, in Berlin zu studieren, wurde ich Stammgast in der Staatsoper. 2,05 Mark der DDR, letzte Reihe, dritter Rang. Wir hatten gute Verhältnisse zum Einlasspersonal im Parkett – da waren immer Plätze frei. Ich gehörte zu den Wagner-Fans: Ludmila Dvoráková als Isolde, als Brünnhilde im Ring, Ortrud in „Lohengrin“, in „Der Fliegende Holländer“ übernahm sie nach der Premiere die Partie der Senta von Liane Synek. Aber die Dvoráková sang auch Strauss, sie war eine dramatische Ariadne, und Sylvia Geszty war eine Zerbinetta von solcher Virtuosität, dass in einer Vorstellung unter Suitner das Publikum dermaßen tobte und erst Ruhe gab, als sie die ganze Arie, „Großmächtige Prinzessin“, wiederholte. Und wie gesagt, diese großmächtige Prinzessin war die Dvoráková, die zur Königin wurde, zur Elisabetta in „Don Carlo“ oder zur einfachen betrogenen Frau, Santuzza, in „Cavalleria rusticana“. Dann wurde sie zur adeligen Feldmarschallin auf dem absteigenden Ast in „Der Rosenkavalier“, und sie war die berührende Färberin in Harry Kupfers Meisterinszenierung „Die Frau ohne Schatten“. Das war die Dvoráková aus Prag, die 1949 in Ostrava zum ersten Mal als Katja Kabanova auf der Opernbühne stand. Nach dem Debüt 1965 in Bayreuth, wo sie bis 1971 alle großen Partien außer der Isolde sang, schrieb ein Kritiker, ihre Stimme sei „von ungewöhnlicher violamäßiger Färbung“, sie sei „erstklassig“, hieß es. Es lässt sich nicht aufzählen, wo sie überall auftrat von Berlin aus, wo ihre künstlerische Heimat war; an der Metropolitan Opera in New York, an der Pariser Oper oder in Hamburg, München, Moskau. Sie war eine Sängerin der Bühne: Stimme und Erscheinung gehörten zusammen. In der Atmosphäre eines Studios konnte sie ihre Wirkung nicht voll entfalten, daher sind Tondokumente rar. Eine Gesamtaufnahme „Tannhäuser“ von 1966, aus Bayreuth, mit Martti Talvela, Jess Thomas, Leonie Rysanek und Hermann Prey, unter Carl Melles, steht bei mir unter „W“ im Regal, ein Live-Mittschnitt. Erschienen bei Golden-Melodram.

Einmal aber ist es gelungen. 1967, in den Prager Supraphon-Studios, mit dem Orchester des Prager Nationaltheaters unter der Leitung von Rudolf Vasata, da hat sie Szenen von Richard Wagner aufgenommen. Diese Platte in der grünen Hülle, meine erste Opernplatte, habe ich noch immer. Und wenn ich höre, wie diese Sängerin „Mild und leise, wie er lächelt“ aus „Tristan und Isolde“ singt, wie sie kraftvoll „Ewig war ich“ als Brünnhilde in „Siegfried“ singt oder eben jenes grandiose Finale der „Götterdämmerung“, „Starke Scheite schichtet mir dort…“, dann lächle ich auch, mild und leise, vor allem aber sehr dankbar. Ich hätte wahrscheinlich nicht diesen Schatz musikalischer Erinnerungen, hätte mich nicht der Funke dieser Kunst erwischt, im Spätherbst 1962, in Berlin, in der Staatsoper, als Schüler der zehnten Klasse, aus Finow bei Eberswalde, in Wagners „Tannhäuser“ mit Ludmila Dvoráková als Venus.

11.03.2013Kolumnen