„Die Geige kennt die Musik!“

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„Die Geige kennt die Musik!“

Die Capell-Virtuosin Lisa Batiashvili hat das Brahms-Violinkonzert eingespielt – auf einem Instrument, das dem Solisten der Uraufführung gehörte. Im Interview mit »Musik in Dresden« spricht sie über technische Perfektion und die Herausforderung, Solistenkarriere und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Quelle: Universal Music, Foto: Robert Kittel

Lisa Batiashvili, letzten Sommer hatten Sie Gelegenheit, sich mit Christian Thielemann erstmals zu beschnuppern – in der Lukaskirche nahmen Sie Ihre neue CD auf. Ein Dirigent auf dem Höhepunkt seiner Weltkarriere, der eigentlich am liebsten Live-Mitschnitte eines klug begrenzten Repertoires veröffentlicht. Und eine junge Solistin, die ihr Repertoire Schritt für Schritt erweitert und ihr Herz für spannende Uraufführungen nicht verleugnet. Wie passte das zusammen?

Das Gute war, dass ich mich musikalisch sehr frei gefühlt habe. Wir hatten vorher noch nie zusammen gespielt; es war aber eine Direktaufnahme geplant. Ich fragte Herrn Thielemann, ob wir eine Klavierprobe machen könnten. Da kam erst mal ein Nein: das mache er nie! Und dann hat doch eine stattgefunden – für mich war das sehr hilfreich. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass er generell keine Studioaufnahmen mag und erst wenig mit Solisten aufgenommen hat. Also war das für uns beide eine neue Erfahrung.

Von wem kam denn die Idee, zusammen aufzunehmen? So nahe lag die Kombination ja offenbar nicht.

Die Idee kam von der Plattenfirma. Bis dahin hatte ich nur mit Orchestern und Dirigenten aufgenommen, die ich sehr gut kannte: am Anfang finnische Musik mit einem finnischen Orchester, Beethoven mit der Deutschen Kammerphilharmonie, zuletzt Schostakowitsch mit dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks. Für mich war es nun das erste Mal, eine Erfahrung zu machen mit jemandem, den ich nicht kenne. Darauf habe ich mich psychologisch sehr lange vorbereitet.

Wie haben Sie am Ende musikalisch harmoniert?

Ich war gleich am Anfang sehr beeindruckt von seiner Person, seiner Intuition und von diesem instinktiven Musikmachen, das sehr flexibel ist und sehr lebendig ist. Er war ein fantastischer Begleiter, hat aber auch neue Dinge in mir geweckt. Christian Thielemann hat eine ganz ungewöhnliche Stärke: vom Gespür her ist er bei dem Solisten, man ist wirklich frei mit ihm. Und andererseits strahlt er als Person eine ungewöhnliche Energie aus. So etwas kann man gar nicht richtig mit Worten beschreiben.

Was ist denn die neue CD gefühlt eher: eine Live-Aufnahme – oder eine Studioeinspielung?

Ich merkte während der ersten Aufnahmesessions schon, dass Herr Thielemann sehr ungern wiederholt. Arbeit an Details gab es daher nur in Ausnahmefällen. Ich würde es eine "praktisch live"-Aufnahme nennen: wir haben das Konzert insgesamt dreimal durchgespielt und nur ganz wenige Stellen wiederholt. Im Nachhinein beim Hören merkte ich auch: es hat eine Konzertstimmung! Diesen Fluß und diese Unberechenbarkeit in der Aufnahme zu behalten, ist normalerweise sehr schwer. Durch Christian Thielemanns Einstellung und Technik kam das aber gut rüber. Er sagte: "Ich bin der Atmosphäremensch – zweimal hintereinander kann ich nicht!" Wir mussten also unterbrechen und alles noch mal spielen. Man muss ihm einfach vertrauen. Ich denke, dass wir am Ende gut miteinander zurechtgekommen sind.

Weil ich das Ergebnis noch nicht kenne, darf ich es Ihnen sagen: Die für mich beste Interpretation des Brahms-Konzerts seit langem hat letztes Jahr der Geiger Renaud Capuçon vorgelegt. Man hatte das Gefühl, er erfinde seine Stimme aus dem Moment heraus, und es sind auch eine ordentliche Anzahl kleine Unsauberkeiten und "Macken" festgehalten. Ist die Zeit der akustisch perfekten und ästhetisch eher stromlinienförmigen CD-Einspielungen vorbei?

Es gab, da haben Sie Recht, Zeiten, wo Perfektion sehr wichtig war. Je perfekter man war, desto mehr wurde man bewundert. In den letzten Jahren hat sich das sehr verändert: Perfektion wird Nebensache! Es ist dadurch eigentlich noch viel schwieriger geworden: die Perfektion sollte da sein, aber man braucht Persönlichkeit, eine eigene Sprache. Was den Ton betrifft, ist alles weniger dogmatisch geworden. Die Musikwelt wird durch mehr und mehr exzentrische Künstler bereichert.

Was ist eigentlich das beste Alter, um das Brahms-Konzert einzuspielen?

In den letzten vierzig Jahren hat sich die Interpretation des Violinkonzerts sehr verändert. Natürlich braucht man ein feines Ohr; aber die großen klassischen Stücke sollte man erst aufnehmen, wenn man sie genug gespielt hat, wenn die Musik aus dem Künstler selbst kommt. Wir nehmen es auf, wir geben es ab, und durch uns gibt es ein bestimmtes Leben. Das kann man nicht machen, wenn man die Erfahrung mit dem Werk nicht hat.

Das Violinkonzert hat Brahms für seinen Freund Joseph Joachim geschrieben – und wohl nicht zufällig haben Sie es nun auf einer Stradivari "ex-Joachim" eingespielt…

Das ist eine wirklich schöne Geschichte, denn Joseph Joachim war ja im Zentrum beider Werke der CD! Kurz vor der Aufnahme stand zufällig die Stradivari "ex Joachim" von 1715 zur Verfügung. Für mich bedeutet das Instrument eine neue Welt; ich bin sehr glücklich damit. Die Geige hat einen kleineren Ton als die "Engleman" Stradivari, die ich vorher spielte, aber einen enormen Klangreichtum. Als ich die Geige in Rom ausprobierte, hörte mein Vater zu und sagte: Unglaublich, die Geige kennt diese Musik! Ich habe auch das Gefühl, dass die Geige mir genau den richtigen Ton für das Konzert gegeben hat. Auch, wenn ich sie erst zähmen musste. Stradivaris wirken als Verstärker: wenn man technische Dinge nicht hundertprozentig beherrscht, wird das um so mehr rüberkommen.

Wie wichtig sind solche Zufälle? Fließt es in Ihre Interpretation ein, wenn Sie etwas Spannendes über die Entstehungsgeschichte eines Werks erfahren?

Biografische Sachen sollte man im Hinterkopf haben. Dass etwa Brahms ein leidenschaftlicher Mensch war, der ein eigenartiges Leben führte. Es ist interessant für mich, in den langsamen Sätzen eine Liebeserklärung an Clara Schumann zu sehen. Es ist sehr schön zu sehen, wie die Musik an Schumann erinnert und doch etwas sehr Weibliches hat.

Wie lange werden Sie dieses Instrument nun weiter spielen dürfen?

Wie lange? Das ist ungewiss, es wird jedes Jahr neu entschieden. So schwierig das ist: Wenn man verschiedene Instrumente ausprobiert, gibt jedes eine neue Idee; man kann davon lernen. Oft legt man sich klanglich zu sehr fest und vergisst, dass man noch andere Möglichkeiten haben könnte. Ich habe sehr viele Geigen ausprobiert, das war eine wichtige Erfahrung.

Noch einmal zurück zum Biografischen: die russischsprachige Wikipedia-Seite erwähnt ihre georgischen Wurzeln, die deutschsprachige behauptet, sie lebten in München; die französischsprachige, sie lebten in Frankreich. Offenbar sind Sie von allen Ländern sehr umworben…

Ha! Na, seit zweieinhalb Jahren wohne ich in Frankreich; aber ich werde nach München zurückziehen. Mein französischer Mann wollte ein bisschen näher an seiner großen Familie sein – er ist eines von sieben Geschwistern, und das fehlte ihm. Für mich war der Umzug eine schwere Entscheidung; er hat viel Nerven und Gesundheit gekostet, für Georgier ist Familie ja auch sehr wichtig. Und trotzdem ist München unser Zentrum; er ist Professor an der dortigen Musikhochschule, und für mich ist das meine Welt, in der ich aufgewachsen bin.

Auch Sie sind inzwischen zweifache Mutter. Ich stelle mir das nicht unkompliziert vor, das mit zwei Musikerkarrieren, mit Kontinenten-Hopping und Terminen und Reisen alles glücklich unter einen Hut zu bekommen. Was ist Ihr Rezept?

Seit ich selbst Familie habe, passe ich sehr auf, dass ich meine Projekte genau nach solchen Kriterien aussuche. Ich möchte meinen Kindern einen Alltag, ein normales Leben geben. Dadurch bin ich gezwungen, oft zuhause zu sein; ich versuche zum Beispiel zu vermeiden, länger als eine Woche weg von zu Hause zu sein, dadurch sind meine Möglichkeiten natürlich eingeschränkt. Glücklicherweise wurde mir sowieso immer viel mehr angeboten, als ich annehmen konnte. Und die Zukunft wird aufregend: ich mache mich an mein erstes wichtiges Bach-Projekt, werde Artist in Residence beim NDR sein, im gleichen Jahr habe ich eine Residenz bei den New Yorker Philharmonikern. Es ist auch ein neues Auftragswerk in Planung, und viel Kammermusik mit Freunden… Was ich an diesen Artistries in Residence schön finde: man kann eine intensive Beziehung zu einem Orchester aufbauen, Programmvorschläge machen, die Musiker sind offen für Neues. Und meist glückt es dann doch irgendwie, alles so zu planen, dass es auch mit ins Familienleben passt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lisa Batiashvili gibt heute Abend im Großen Saal der Musikhochschule ein Violinrezital. Weitere Informationen hier.

25.02.2013Interviews, Neue Aufnahmen