Aus Rider wird Twix – sonst ändert sich nix

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Aus Rider wird Twix – sonst ändert sich nix

Ja, was wollen sie denn? (Foto: Franziska Pilz)

Da stehen sie nun in ihren Kapuzenshirts. Hase, Wolf und Ich sind das, so jedenfalls steht es hinten auf den Shirts. Später wechseln sie die Shirts, dann haben sie Namen, Cindy, Dennis und Wolle. Na gut, warum nicht. Ein Mädchenkid, zwei Männerkids. Cindy Hammer versucht sich auf der Quetschkommode. Dennis Dietrich, der hochgeschossene Schlaks, probiert es mit der Gitarre und Wolfgang Boos, der kürzere von beiden, dafür der drahtigere Typ, trägt viele Sportmedaillen, denen er mit Trommlerstöckchen auch was abgewinnen kann. Manchmal klemmt sich der bewegungsintensive Schauspieler auch hinter eine Kinderschlagzeugbatterie, dann wirkt er ganz schön groß. Aber Dennis, Tänzer und Model, bleibt doch immer länger und Cindy, die Tänzerin, ob absatzsmäßig erhöht oder auf ehrlicher Sohle, hat sowieso die Nase vorn in der weiblich dominierten freien Tanzszene Dresdens. 

Irgendwas wollen sie. Ist nicht alles zu verstehen. Aber eines immer wieder, sie wollen noch ein bisschen tanzen. Und wenn Cindy hysterisch wird, dann will sie ihre Tasche. Bekommt sie auch. Sie bekommt auch wieder das Akkordeon, da macht sie immer so ein hmtata, hmtata, hmtata…und dazu mit dem langen Dennis so ein paar Versuche, als wollten sie sich erinnern, dass sie mal in der Ausbildung an der Dresdner Palucca Schule auch klassische Grundlagen studiert haben, sieht manchmal dann aus Pas de deux, aber recht rudimentär. Könnte auch ironisch gemeint sein, manchmal nämlich meint man so etwas wahrzunehmen wie einen Kampf zwischen den Kids im Kinderzimmer, mal balzen die Jungs, dann konkurrieren die Tänzerin und der Tänzer, leichte Revolte, gegen die Enge im Zimmer, den von Gardinen versperrten Weitblick und gegen die Dressur des Tanzes? Später nennt man das Geschlechterkampf. Wie schon gesagt, im freien Tanz bedarf es eigentlich keiner Quotenregelung aber man nimmt sich des Problems gerne an.

Also: die Drei müssen eine schreckliche Kindheit gehabt haben. Erziehungsdressur, Tanzdressur, alles unter blauen Fahnen im roten Wind sozialistischen Erziehung samt frühkindlichem Psychoterror aus der Schatzkiste Grimmscher Rollenzuschreibungen: Der Wolf, schlimmer noch die Wölfe, aber immer noch männlich. Aber das Rotkäppchen, hier – wir sind ja im Tanztheater – Rotschühchen, in geschlechtsverleugnender Sächlichkeit. Und alles, nicht zu vergessen hinter geschlossenen Gardinen im Plattenbau. Völlig klar dass sie das alles nicht ohne weiteres unter den schwarz-rot-goldenen Teppich kehren können. Und in der neuen Welt aus Comic-Pop mit Einheitssound, wer soll da wissen wohin? Nach rechts, nach links, oder ich wollte doch nur dabei sein. Da versucht sich Wolle der Wolf herauszureden und redet sich hinein in eine Tirade witzig gemeinter Abwertungen seines Schicksalsgenossen Dennis Hase, dieweil Cindy immer noch nur ein bisschen tanzen will, noch ´n bisschen, und noch ´n bisschen. Und dann sind sie alle weg. Es wird dunkel im Theater. So das war´s.

War´s das, und vor allem, was war das? Das war die neue Produktion der shot AG von Nora Schott und Ariane Thalheim mit Kompositionen von Jacob Korn. Das war „Ein Stück Willkür in Tanz und Sprache“ und das war der Anfang einer geplanten Reihe mit weiteren Produktionen der Dresdner Tanzkompanie in Zusammenarbeit mit dem Societaetstheater. Und das sind doch schon mal mindestens zwei ganz gute Nachrichten.

Nächste Vorstellungen: 28., 29. März. Mehr Infos hier.

21.02.2013Rezensionen