Dahindämmernde Götter

Kolumnen

Dahindämmernde Götter

Nun treiben sie wieder. Taktstöcke von Dirigenten schlagen grün aus, auch wenn sie gar nicht in Rom gewesen sind. Autofahrer passieren unfallfrei die Hörselberge bei Eisenach, obwohl sie weder Richard noch Wagner freihändig buchstabieren können und auch nicht die Genealogie des Clans vom Grünen Hügel auswendig wissen.

Holländer fliegen auf uralte Spinnräder und stellen sie hinter gardinenlosen Fenstern zur Schau. Mag sein, dass sich die eine oder andere Senta ihre auf Wunder wartende Nase dran plattdrückt. Meister singen in Nürnberg wie sonstwo in Reimen und reine Toren werden verführt. Nicht nur von Müttern. Endlich steht ein Liebestrank auf diesem und jenem Tisch, die Feen nippen daran, Schwanenvolk irrt umher und stürzt aus heiteren Himmeln herab. Rheintöchter feiern güldenen Karneval, der nach Vorabenden rittlings walkürenhaft weder in Siegen noch in Frieden mündet, bei dahindämmernden Göttern schon gar nicht. Solche Zeichen weisen weit über jeden Aschermittwoch hinaus.

Die Jünger des Tristan-Akkords rüsten zum Pilgern. Eine Kartenfrage nur ist es – für die meisten von ihnen – zum Frankenland. Das ist, wo manche Menschen so ganz komisch sprechen. Auch Menschinnen kauderwelschen da irgendwie rum, haben aber ganz viel zu entscheiden, was Grün, Hügel und Wahnsinn betrifft. Irgendwo dort liegt Richard der Wagner begraben. Besser bekannt als der Spezi vom Ludi. Rechtzeitig vorm 130. Jahrestag von dessen venezianischem Ableben gab ein ebenfalls italophil altertümelnder Bayer, geboren als später Aprilscherz von 1927 in Marktl am Inn, das eigene Unvermögen bekannt. Endlich! Nicht länger wolle er als sogenannter Bischof von Rom im bizarre Kostüme gesteckt werden und seine Leute zum Narren halten. Lang genug wurde er in abenteuerlichen „Papa-Mobilen“ durch die Gegend gekarrt. Kein normaler Mensch hätte sich das freiwillig angetan. Und schon gar nicht die widerwärtigen Begegnungen mit krakeelenden Mäulern, entrückt verzerrten Visagen vor laufenden Kameras asozialer Netzwerke!

Stellvertreterkriege, das nächste Kapitel. Heller oder dunkler Rauch soll wehen im Gral. Kundry, auch du? Den tumben Toren … Das wäre doch Stoff für ganze Tetrapacks, logisch. Sowas gehört auf die Bühne!

Ein witziger Zwergenstaat in und um vatikanische Gärten, er macht von sich reden. Mit Leid-Motiv. Zeitungsseiten sind voll der Banalität, selbst ernstzunehmende Blätter heucheln Trauer, wo doch eigentlich wagnerianischer Frohsinn eines Götzendahindämmerns angesagt sein könnte. Bierselig messweinische Gazetten des Boulevards lullen ihre Leserschaft ein: „Wir waren Papst“ erklären sie ganz ohne Angst vor weiteren Fegefeuern. Aus Bildschirmen wird noch das hinterletzte Quäntchen Nebensächlichkeit widergekäut.

Da bleibt für die Berichterstattung händchenhaltender Gutminen aus Dresden nur wenig Platz. Immerhin aber wurde hier schon am Mittwoch, dem 13., ein Requiem gesungen, als hätte man sogar die Ereignisse vorausgesehen, die gar keine sind.

Darüber wollen wir nachdenken, bis nächsten Freitag und vielleicht auch darüber hinaus –
Michael Ernst

15.02.2013Kolumnen