Winterreise

Kolumnen

Winterreise

„Immer Feste Tanzen“, so der Titel eines Buches des Tanzjournalisten und Chefredakteurs der Zeitschrift „tanz“, Arnd Wesemann. Für ihn gehören Tanz und Fest zusammen. Tanz bedeutet für Wesemann die Kraft, mit den Körpern die Zeit und die Angst aus den Angeln zu heben.
Am letzten Wochenende wurde in Sachsen feste getanzt. Premieren gab´s in Görlitz und Zwickau. In Dresden wurde die Reihe „Junge Choreografen“ in dritter Auflage fortgesetzt, Tänzerinnen und Tänzer vom Semperoper Ballett ließen ihre Kollegen am ungewöhnlichen Ort tanzen, in der Gläsernen Manufaktur von VW, am Straßburger Platz. Zeit also für eine Winterreise – zum Tanz!

Die Deutsche Bahn macht´s möglich, trotz Eis, Schnee und Kälte, ich kam überall pünktlich an und aufgewärmt von einem Ort zum anderen. Und wie war das nun mit dem Tanz und mit der Kraft, die Zeit und die Angst aus den Angeln zu heben? Gut war´s! In Görlitz auch ganz praktisch denn das neue Stück der nunmehr 14köpfigen Kompanie von Dan Pelleg und Marko E.Weigert, das sind die Chefs der Truppe, heißt „There´s Time“ und beschäftigt sich mit dem Thema Zeit. Da geht es natürlich auch um die Angst, immer zu wenig Zeit zu haben, den rechten Zeitpunkt zu verpassen, oder überhaupt zusehen zu müssen, wie die Zeit vorüberzieht und damit auch eine Chance nach der anderen, endlich mal das machen zu können, was man meint machen zu müssen. Ob man´s kann, ist eine andere Frage. Aber es geht in diesem Stück auch um das Glück die Zeit zu genießen, wenn man tanzt etwa. Und das kann dann ein Fest werden. Eben, „Immer Feste Tanzen“. Und der Humor, das ist ja im modernen Tanztheater selten, kommt nicht zu kurz in Görlitz.

Das gilt auch für Torsten Händler, Chef des Balletts in Plauen-Zwickau. Er präsentiert mit „Der Traum der Mücke“ einen unterhaltsamen und surrealen Abend über die Kraft getanzter Träume angesichts einer durchorganisierten, bürokratischen Zeit. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Semperoper Balletts probieren neue Wege am ungewöhnlichen Ort aus. Da werden manche noch etliche Zeit brauchen, um ihre Fähigkeiten so kräftig auszubauen, dass sie dann auch da ankommen, wo sie hin möchten. Aber auch diese Zeit, in der ein Weg schon das Ziel ist, habe ich ganz und gar nicht bereut. 

Aber der Reihe nach, so viel Zeit muss sein. Zunächst nach Görlitz: sieben Tänzerinnen und Tänzer, akkurat in grauen Anzügen, Aktenkoffer und Melone auf blanken Sohlen. Man mag an die grauen Männer, die Zeiträuber aus „Momo“ denken. Hier, in „There´s Time“, sind sie Räuber und Beraubte zugleich. Sie liegen auf der Lauer, sie springen und jagen durch den Raum, sie gehen aufeinander zu, sie suchen die Nähe und brechen jäh Kontakte ab. Jedem schlägt die Stunde. Ein aktionsreiches Tanzstück, dazu gehören auch heitere Filme mit den Tänzern, die in der Stadt Görlitz gedreht wurden, oder eine kleine Mahlzeit, die von den Tänzern mit dem Publikum gehalten wird. So hat alles hat seine Zeit in diesem Tanzstück einer starken Kompanie. Und vor allem alles in einer guten Zeit, eine Stunde und 15 Minuten, tolle Zeit, vor allem wenn so toll getanzt wird, da sagt doch keiner, „schade um die Zeit“, sondern eher, „Mensch, schon vorbei die Zeit?“ Ist ja überhaupt die beste Zeitfrage im Theater.

Zwickau, wie träumt eine Mücke? Das neue Tanzstück hier, „Der Traum der Mücke“ beginnt mit einer traumwandlerischen Szene, ein wunderbares Solo von Maki Taketa. Sie ist der Traum der Mücke und Mücke ist ein junger Mann, der sich nicht damit abfinden will, dass die Welt ein graues, bürokratisch geordnetes System sein soll. Er verweigert sich jeglichem Schubladendenken und gerät doch aus seinem Traum geradewegs genau in die Welt der Schubladen. Tolles Bühnenbild von Stefan Morgenstern, lauter Schubladen und darin Menschen, manche wollen gar nicht raus, ziemlich kräftig der Humor, wenn da nur noch Arme, Beine oder halbe Köpfe herausgucken. Aber nichts kann Mücke aufhalten, er träumt ganz tapfer an gegen den Rest der Welt, ob Machtmutter, Chefs, Anarchisten, Ordnungskräfte und Bürokraten oder ein gespenstisches, siamesisches Beamtinnenwesen mit zwei Köpfen und vier Beinen. Das Stück ist von surrealer Komik, das verbeamtete Schubladensystem erinnert an Franz Kafkas Angstfantasien. Ob der Träumer siegt, bleibt offen; ganz offensichtlich aber hat der Tänzer Sebastian Uske mit dieser Partie eine Paraderolle gefunden.

Und die jungen Choreografen in Dresden? Sieben Arbeiten, völlig verschieden, alle knapp in der Zeit, bei aller künstlerischen und inhaltlichen Unterschiedlichkeit jeweils aber der kräftige Wille, Möglichkeiten des Tanzes, der Bewegung, die Sprache der Körper immer wieder neu zu befragen vor allem in der Auseinandersetzung mit dem so anderen, wie stark wirkenden Raum. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, manchmal ein wenig zu vorsichtig oder auch schon in der Nähe des Gefälligen. Kräftiger, origineller und eigenwilliger wird es zum Schluss: da ist die Arbeit von Johannes Schmidt mit der Tänzerin Cindy Hammer, als Gast aus der Dresdner freien Szene. „Ich das Neue, Du das Dunkel“ zu dem Song „Angst“ von Marsimoto. Bei Claudio Cangialosis furiosem Finale für 25 Tänzerinnen und Tänzer darf man keine Flugangst haben, denn wir heben ab und werden kräftig durchgeschüttelt in einem wilden Mix aus Fantasy, Sience Fiction, Katastrophenfilm mit Flugzeugentführung, Terroristenalarm, und der Landung Außerirdischer, was beweist, Tanz ist ein kosmisches Geschehen. 

Hat sich gelohnt, die sächsische Tanzreise. Die Kraft der Träume ist im Tanz ungebrochen, hier hat die Fantasie längst nicht ausgespielt und das lockt in erstaunlichem Maß junges, interessiertes Publikum in die Theater oder dahin wo getanzt wird. Wer jetzt angefüttert ist, könnte zum Beispiel am Samstag zu den öffentlichen Präsentationen von Studierenden im Masterstudiengang Choreografie an der Palucca Hochschule (Grüner Saal, Basteiplatz 4) gehen. Zu sehen sind ab 15 Uhr vier Choreografien, die in Zusammenarbeit mit Studierenden des 3. Studienjahres im Bachelor Studiengang Tanzpädagogik entstanden (die Kolumnengrafik zeigt einen Ausschnitt aus "Alltagsleben", einer Choreografie von Seung-a Jung).

22.01.2013Kolumnen