Robuste Dramatik, zerbrechliche Zartheit

Kolumnen

Robuste Dramatik, zerbrechliche Zartheit

Es ist ein Phänomen: Slawische Stimmen, insbesondere Soprane, und das italienische Repertoire. Immer wieder vermögen diese Sängerinnen gerade in den emotionsgeladenen Frauenpartien von Verdi oder Puccini zu überzeugen. Man denke nur an die bulgarische Sopranistin Anna Tomova-Sintov, an die polnischen Sopranistinnen Teresa Zylis-Gara oder Stefania Woytowics, und natürlich an Sängerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, die mit ihrer kraftvollen Gestaltung starker Frauen die Opernbühnen eroberten. Tamara Milaschkina, oder im dramatischen Mezzo-Fach Irina Archipowa oder Jelena Obrazowa, und natürlich sicher die bekannteste Sopranistin Russlands im 20. Jahrhundert: Galina Wischnewskaja.

Es muss zu Beginn der Siebziger Jahre gewesen sein, vor ihrer Ausreise in den Westen, in der Berliner Staatsoper Unter den Linden, ein Gastspiel des Moskauer Bolschoi-Theaters. Galina Wischnewskaja als Tatjana in „Eugen Onegin“ – unvergesslich für mich. Die erste Begegnung mit diesem Werk – seitdem eine meiner bevorzugten Opern – in meiner Erinnerung die starke Gestaltung der Tatjana durch die Wischnewskaja mit ihrer üppigen Stimme, den satten Farben und dem regelrecht maßlosen Ausbruch in der berühmten Briefszene. Deutsche Übertitel gab´s noch nicht, die waren auch nicht nötig; man hatte den Eindruck, jedes Wort zu verstehen. Damals war die Wischnewskaja noch der Star des Bolschoi-Theaters. VEB Eterna in Ostberlin brachte in der Reihe „Ein Opernabend mit…“ eine Porträtplatte heraus, eine Übernahme der sowjetischen Firma Melodia, Galina Wischnewskaja mit Arien und Szenen aus russischen Opern.

Grandios z.B. ihre Lisa in „Pique Dame“ von Tschaikowski oder die Rolle der Lisa in Prokofjews „Krieg und Frieden“. Dabei hatte die 1926 geborene Sängerin zunächst als Operettensopran im damaligen Leningrad begonnen, als Beethovens Fidelio-Leonore gelang ihr dann aber der Durchbruch am Moskauer Bolschoi-Theater 1952, und der Weg ins dramatische Fach war vorgezeichnet. Sie wurde zu einer geschätzten Interpretin des russischen Repertoires und des italienischen Faches im eher lyrisch-dramatischen Bereich, etwa als Tosca, später auch als Aida, auch die Violetta in Verdis „La Traviata“ hat sie gesungen, sie unternahm auch Ausflüge ins Belcantofach.

Manchmal hörte man mehr von der politisch engagierten Persönlichkeit als von der Sängerin Wischnewskaja. Spätestens, als sie 1955 den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch heiratete und sich das Ehepaar gemeinsam mit Schostakowitsch, der der Sängerin den Sopranpart seiner 14. Sinfonie gewidmet hatte und zum engen Kreis der Freunde gehörte, für Alexander Solschenizyn einsetzte, kam es auch zu Problemen mit der sowjetischen Staatsmacht. Benjamin Britten schrieb den Sopranpart seines War-Requiems für die Sängerin, die Ausreise zur Uraufführung wurde ihr verweigert. 1974 verließ das Ehepaar die Sowjetunion. Es entstanden bedeutende Aufnahmen, so die erste Einspielung der Originalfassung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch unter der Leitung Mstislaw Rostropowitschs. Unter seiner Leitung wurde auch eine „Tosca“ mit Wischnewskaja eingespielt, aber da war der gesangliche Zenit überschritten.

Im Westen sang sie an den großen Opernhäusern, so zum Beispiel in Milano an der Scala, an der Pariser Oper, wo sie auch 1982 Abschied von der Bühne nahm. Schwer zu sagen, ob man der mutigen Frau zujubelte oder der Sängerin, denn ihr russisches Repertoire war im Westen kaum gefragt, im italienischen Fach bevorzugte man andere Stimmtypen. Immerhin wurde 1996 in Lyon eine Oper mit dem Titel „Galina“ uraufgeführt, deren Libretto sich an die Autobiografie der Sängerin hält. Sie hat sich auch als Filmschauspielerin bewährt.

Am 11. Dezember ist Galina Wischnewskaja im Alter von 86 Jahren gestorben. 1953 hatte sie mit der Moskauer Philharmonie und dem Staatlichen Akademischen Chor unter der Leitung von Igor Markewitch, auch ein Dirigent des legendären Jahrganges 1912, Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ aufgenommen. Einmal abgesehen von der Dynamik der Interpretation des Dirigenten, der Klangwucht des Chors und den Schreckensbeschwörungen in den Klangbildern des Orchesters: die Wischnewskaja vereint in ihrem Gesang so etwas wie robuste Dramatik und zerbrechliche Zartheit. Meine Empfehlung zur Besinnung: „Libera me“, das Finale der dem Leben zugewandten Totenmesse von Verdi, unter Markewitch mit Galina Wischnewskaja.

30.12.2012Kolumnen