Wirtschaftsfaktoren statt Fakten

Kolumnen

Wirtschaftsfaktoren statt Fakten

Wer keine Gedanken im Kopf hat, muss auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Das ist von mir. Wer Klartext redet, muss dafür noch lange keine Gedanken verschwenden. Das ist aus dem Alltag.

Letzterer sieht meistens so aus, dass politische Debatten am Kern einer Sache vorbeigehen und höchst selbstbewusst derart rechthaberisch geprägt sind, dass sich die bange Sorge um ernsthafte Wahrnehmungsstörungen breitmachen muss. Da kann endlos um den heißen Brei herumgeredet werden und eine Sprechblase nach der anderen übers unschuldige Volk entleert werden. Wenn dann aber doch einmal klare Worte gefunden werden, sind die Bürger ganz verblüfft. Und die Sorge wird sehr berechtigt, nur dass es in solchen Fällen um akute Selbstentlarvung geht.
Jüngstes Beispiel: Die Kulturdebatte im Dresdner Stadtrat. Geld ist keins da, also wird vor allem darüber geredet. Kultur hat man ebenfalls keine, also wird auch sie verbal mit Füßen getreten.

„Der Kreuzchor ist ein wirtschaftlicher Faktor und Werbung für die Stadt.“ So tönt es – nicht überraschend – aus den Krisenkreisen der CDU. Die Partei, die Partei, die hat immer recht. Die SPD hat erwartungsgemäß keine Antwort darauf, setzt auf „gutes Augenmaß“ und hofft gewohnt blass: „Das muss sich ändern.“ Grüner Widerstand hält dagegen: „Die Dresdner Kultur ist mehr als ein Sahnehäubchen.“ Aha! Und setzt fort: „Sie ist Wirtschaftsfaktor und immens wichtig für Dresden.“ Ach so?

Linke pochen auf eine „Gerechtigkeitsdebatte“ und geben sich ganz konstruktiv: „Wir brauchen eine Lösung (…)“, schon schwindet alle Hoffnung und bleibt nur ein Blick zu jener Partei, die in der Farbe des Neides trotz ihrer Vereinsgröße auf Mitsprache pocht. In Dresden spielt die ansonsten nichts schätzende, sich selbst aber gern überschätzende FDP nämlich nicht das Zünglein an der Waage, sondern am liebsten den Steuermann. Sie will das Ruder zurückdrehen und schlägt vor, „Operette und Theater der Jungen Generation (TJG) im Bestand zu sanieren“, was besonders die dort zum Haustarif beschäftigten Damen und Herren sehr freuen würde. Die liberale Moral? „ … dann ist auch Geld für die kleineren, aber genauso wichtigen Projekte da.“

Freie Bürger haben es besser, auf die hört sowieso niemand, also wohl auch nicht auf deren Sorgen. Das ist nun wieder aus dem Alltag. Aber sind die so unberechtigt wie andere Aussagen weltfern sind? Mitnichten, denn gerade das komatös wirkende Gerede von der Kultur als Wirtschaftsfaktor ist ein Indiz für unverantwortlicher Inkompetenz. Irgendwer müsste die Verwalter von öffentlichen Geldern mal daran erinnern, dass sie nicht selbstherrlich über Staatsknete verfügen, sondern die Abgabenlast der arbeitenden Bevölkerung nur treuhänderisch verwalten dürfen. Das ist allerhöchste Verantwortung gefragt! Und wenn man sich schon nach dem greifbaren Sinn von Kulturausgaben fragt, darf man getrost daran denken, dass eine Kulturstadt, wie sie Dresden doch gerne sein mag, wie ein Magnet für viele Tausende Menschen aus aller Welt wirkt. An dieser Stelle dürfen kaufmännisch veranlagte Parteipolitiker gern das Wort von der Umwegrentabilität bemühen. Alle anderen denken einen Schritt weiter und haben die Lebensqualität der in Dresden lebenden Menschen und insbesondere an die hier aufwachsenden Kinder vor Augen. Die werden dankbar sein, stolz sogar, in einer traditionsreichen und zukunftsweisenden Stadt zu Hause zu sein.

Wer freilich nur an die eigene Legislaturperiode und seine womögliche Wiederwahl denkt, wird sich aus solch spätem Dank nichts machen. Der wäre solchen Leuten nicht mal ein Sahnehäubchen wert, sondern schlicht und einfach entbehrlich.

Am Weltuntergangsabend grüßt matt –
Michael Ernst

21.12.2012Kolumnen