„Eine kleinmütige und provinzielle Diskussion“

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„Eine kleinmütige und provinzielle Diskussion“

"Ich würde schreien wie ein Löwe, wenn dieser Dirigent und die Philharmonie auseinandergingen" (Foto: M. Morgenstern)

Kurz vor den Feiertagen ein eilig einberufenes Treffen zwischen zwei Spitzendirigenten, beide mit Dresden eng verbunden – aus beiderseitiger tiefer Besorgnis heraus. Die Dresdner Philharmonie geht derzeit durch ein tiefes Motivationstal; Chefdirigent Michael Sanderling sieht das Orchester gar "in seiner Existenz bedroht".  Das Thema ist – wer kann das eigentlich noch hören? – der Umbau des Kulturpalastes, der nun, zum Jahresende 2012, zum wiederholten Mal auf der Kippe steht. Denn Oberbürgermeisterin Helma Orosz hat bisher offenbar die erforderliche Stadtratsmehrheit für einen entsprechenden Haushaltsbeschluss nicht zusammen. Die entsprechende Abstimmung im Stadtrat wurde auf Januar 2013 vertagt.

"Wir erleben heute zum wiederholten Mal," so drückt es mit betont ruhigen Worten ein dennoch sichtlich entnervter Chefdirigent aus, "dass verabschiedete Stadtratsbeschlüsse als leere Versprechungen dastehen. Die Dresdner Philharmonie steht heimatlos in der eigenen Stadt – und unser derzeitiger Wahlspruch »Dresdens Klang – unterwegs« droht zu »Dresdens Klang – verloren!« zu werden." 

Mit Heinrich Heine wollte der Ehrendirigent des gebeutelten Klangkörpers es ausdrücken: "Denk' ich an Dresden in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht." Kurt Masur hängt an diesem Orchester ("Was mir die Philharmoniker an Liebe und Entgegenkommen geschenkt haben, werde ich nie vergessen"). Mit seiner erneuten Anwesenheit in Dresden nach den gefeierten Konzerten der letzten Wochen wollte er ein Zeichen setzen. Und fragt sichtlich bewegt: "Wie kann man einem Orchester denn das Beste abverlangen? Wie kann man die Musiker motivieren mitzuziehen?" Doch sicher nicht, indem man es wieder und wieder demotiviere; nach dem Abgang eines wegweisenden Dirigenten in den Neunzigern solle die Stadt um Gottes Willen nicht riskieren, dass auch Michael Sanderling das Handtuch werfe. Er könne sich nicht vorstellen, so Masur, dass es so viele Menschen gäbe, die sich in kleinmütigen und provinziellen Diskussionen verlören, anstatt zu fragen: Was ist notwendig?

Notwendig und eben "alternativlos", wolle man die künstlerische Qualität des Klangkörpers nicht aufs Spiel setzen – darauf drangen die beiden Pultstars noch einmal nachdrücklich – sei der Umbau des Kulturpalastes und der Einbau des neuen Konzertsaals – und zwar ohne weiteren Aufschub. Sanderling wies auf die Gefahr hin, dass das Orchester unwiderruflich geschädigt würde. "Ein Orchester ohne Heimstätte verliert seine guten Musiker, und das ist der Beginn des Abstiegs!"

Doch nicht nur das: Sanderling stellt auch ein weiteres Mal deutlich klar, dass die Stadt nicht mit seiner Vertragsverlängerung rechnen kann, sollte sich der Stadtrat im Januar nicht mehrheitlich für den sofortigen Umbau entscheiden. Das selbstauferlegte Schuldenverbot der Stadt betreffend, versuchte er einen vorsichtigen Vorstoß: selten seien die Zeiten für Schulden so gut wie jetzt. Im übrigen sei es "kurzsichtig und blauäugig, wegen ein paar 'Milliönchen' auf der einen Seite auf der anderen Seite ganz andere Löcher aufzureißen." Und auch Masur stellte klar: "Nachdem die Oberbürgermeisterin mit uns das Projekt durchgesprochen hat und sich so dafür einsetzt, hätte ich erwartet, dass man das Verschuldungsverbot für den Umbau aufweicht." Beide Dirigenten wünschen den Stadträten den Mut, im Januar die richtigen Entscheidungen zu treffen.

21.12.2012Interviews