Von mutigen Theatern und beglückenden Raritäten

Kolumnen

Von mutigen Theatern und beglückenden Raritäten

Wie mutig! An den Landesbühnen in Radebeul gibt es jetzt Richard Wagners Jugendwerk, keinesfalls eine Jugendsünde, „Das Liebesverbot“. Längst überfällig, sich auch in Dresden des vergessenen Werkes anzunehmen. Letztes Jahr wurde mit einer Inszenierung dieser großen komischen Oper nach Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ das sanierte Theater in Meiningen wiedereröffnet. 

Für mich ein Anlass, mal ins Regal zu sehen. Immerhin zwei Gesamtaufnahmen finden sich da. Beide Raritäten. Melodram bietet die Aufnahme eines Konzertmitschnittes aus Wien von 1962. Etwas behäbig, mal abgesehen von der Klangqualität, das Orchester des Österreichischen Rundfunks unter der Leitung von Robert Heger. Dafür namhafte Solisten. Der deutsche Ordnungsfanatiker Friedrich ist Heinz Imdahl, der seinerzeit berühmte Bariton, dem dann auch die bonus tracks gewidmet sind, Telramund, Holländer, Hans Sachs, Wanderer und Amfortas, wirklich gute alte Schule, hört man immer wieder gern.

Und seine Kollegen im „Liebesverbot“ sind keine Geringeren als die Tenöre Anton Dermota als Claudio und Kurt Equiluz als Luzio. Letzterer ist vielleicht bekannter geworden als Konzert- und Oratoriensänger, Dermota lagen die Wiener zu Füßen als führendem Mozarttenor vor Fritz Wunderlich. Isabella ist in dieser Aufnahme Hilde Zadek.

Am 23. Mai 1976 fand eine denkwürdige konzertante Aufführung des Werkes unter der Leitung von Sir Edward Downes in London statt. Ich kannte bislang keinen der Sänger, bin aber begeistert von der lustvollen Leichtigkeit, mit der etwa April Cantelo die nicht gerade einfache Partie der Isabella singt, nicht minder verblüffend Raimond Herincx als Friedrich oder die Tenöre Alexander Young und Ian Caley als Luzio und Claudio. Der deutsche Text ist durchgehend präsent, da hat man mitunter ärgere Probleme mit Sängern, die in ihrer deutschen Muttersprache singen. Dieses Hörvergnügen gibt es auf drei CDs bei Ponto, als Zugaben Ausschnitte aus „Lohengrin“, nun aber wirklich ungewöhnlich, in englischer Sprache. Ebenfalls bei Ponto, wieder live aus London mit Sir Edward Downes am Pult, Wagners noch frühere und erste Oper „Die Feen“, wenige Tage zuvor, wiederum mit April Cantelo aufgenommen, den Feenkönig singt Don Conrad.

Eine Besonderheit ist diese Box mit drei CDs auch wegen der Zugaben. Ausschnitte aus „Die Feen“, vom 13. Februar 1983, mir Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter Sixten Ehrling. Welche Besetzung! Gundula Janowitz, Margareta Hintermeier, Graciela von Gyldenfeldt, Josef Hopferwieser, Ilona Tokody oder Yachimi Rohangiz. Ostern 1985 gastierte die Wiener Staatsoper in der gerade eröffneten Semperoper mit „Ariadne auf Naxos“, Janowitz als Ariadne, Hopferwieser als Baccus, Hintermeier als Komponist. Fehlt eigentlich nur die Gruberova, sie sang damals zum ersten Mal wieder im Osten, sie war die Traum-Zerbinetta!  

Raritäten und Erinnerungen

Und noch mal, wie mutig! Freiberg hat einen eigens für die Dimensionen des Theaters bearbeiteten „Tannhäuser“ herausgebracht und kann allen Unkenrufen zum Trotz musikalisch punkten. Um nachzuhören, was man in der Freiberger 100 Minutenfassung alles nicht hören kann, der Griff ins Regal. Wieder eine Rarität. Ich gestehe, ich war Fan von Ludmilla Dvorakova, Isolde, Brünnhilde, Senta, Ortrud, aber auch Santuzza, Elisabetta in „Don Carlo“ Chrysothemis, Ariadne, erst vom Dirigenten Konwitschny entdeckt, Octavian, dann auch unter Suitner Marschallin an der Staatsoper unter den Linden in Berlin. Einige Gastspiele gab sie auch in Dresden. Abgesehen von einer Schallplatte bei Supraphon, auf der sie Szenen aus Wagneropern singt, einem Querschnitt „Lohengrin“ bei ETERNA gibt es nicht viele Dokumente der vorerst letzten wirklich hochdramatischen Sängerin. Im Rundfunkarchiv schlummert eine grandiose Aufnahme von Gersters „Der Günstling“ mit der Hochdramatischen und der damaligen Koloraturkönigin Sylvia Geszty. Umso erfreulicher, dass es bei Melodram den Mitschnitt einer Bayreuther Tannhäuseraufführung von 1966 gibt mit der Dvorakova als Venus, Leonie Rysanak als Elisabeth, Jess Thomas in der Titelpartie, Martti Talvela als Landgraf und Hermann Prey als Wolfram. Am Pult steht Carl Melles. Er war ein geschätzter Dirigent weltweit, zog sich aber aus gesundheitlichen Gründen Mitte der 90ger Jahre zurück und starb 2004 in Wien. So, da könnte es klingeln, wenn man den Namen einer Schauspielerin vernimmt: Sunnyi Melles ist die Tochter des Dirigenten.

So, erst mal wieder zu die Raritätenkiste, nächstens mehr, demnächst dirigiert Christian Thielmann „Lohengrin“ an der Semperoper, wie wär´s mit einer Erinnerung an Martin Ritzmann als Schwanenritter, Theo Adam und Karl-Heinz Stryczek unter Otmar Suitner, oder noch historischer, mit Peter Anders unter Richard Kraus aus Köln 1951?

Jetzt aber raus aus den Raritäten und rein in die Gegenwart, in die Semperoper, und das Genre gewechselt. Ganz neu besetzt und wieder aufgefrischt gibt’s Puccinis „Madma Butterfly“ in der Inszenierung von Annette Jahns vom Juli 2003. Ich werde berichten.

10.12.2012Kolumnen