Nächtens in der Sächsischen Schweiz…

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Nächtens in der Sächsischen Schweiz…

Die Herausgabe ließe sich gut nach Japan verorten: auf Edition Nummer 3 folgt gleich Nummer 5 (im Land der aufgehenden Sonne wird die mit Unheil belegte Zahl 4 ungern verwendet). Doch ist die jüngst erschienene Semperoper Edition Vol. 5 „Der Dresdner Freischütz – für das Weber-Jahr 1951“ die echt-jüngste Ausgabe in dieser Serie des Verlags Profil Medien – Edition Günter Hänssler. An Ausgabe 4, die im Jahr 2013 erscheinen soll, werde noch gearbeitet, sagt Hänssler, der sich mit engagierter Herausgabe in zwei Editionsreihen vorwiegend historischer Aufzeichnungen um die Dresdner Musikgeschichte von Staatskapelle und -Oper verdient macht. Die ‚Edition Staatskapelle Dresden‘ zählt schon 33 Titel (Volumes), die „Semperoperedition“, die nachfolgend beschriebene einschließend, bis jetzt vier.

Vorstellung vom 18. Dezember 1949 (Foto: Frost)

Seit seiner Erstaufführung 1822 am Hoftheater (dem "Morettischen Theater") hat Carl Maria von Webers „Freischütz“ auf dem Spielplan der Dresdner Oper einen ständigen Platz. Die 800. Aufführung konnte 1926 gezählt werden; die 900. im Jahr 1936. So schloss auch die Oper mit dem „Freischütz“ am 31. August 1944 ihren Spielbetrieb, bis dann in der Bombennacht des Februar 1945 der Semperbau in Schutt und Asche fiel. Mit Eröffnung des "Großen Hauses" am 22. September 1948 bekam die Stadt mit dem ehemaligen früheren Schauspielhaus wieder einen repräsentativen Theaterbau. Ein Mitschnitt der Live-Rundfunkübertragung der Eröffnungspremiere „Fidelio“ ist dokumentiert mit CD, DVD und Booklet der Kassette ‚Semperoperedition Vol. 2.‘

"Zum 1000. Male…"

Drei Sparten – Oper, Schauspiel, Tanz – mussten sich damals die eine Spielstätte teilen. Im wiederaufgebauten Großen Haus hatte der erste „Freischütz“ nach dem Krieg Premiere am 18. Dezember 1949 unter der Stabführung von Joseph Keilberth in Inszenierung von Ernst Legal. Im folgenden Repertoire näherte sich die Aufführung der Zahl Tausend was die Entscheidung nahelegte, dem Gedenken an Carl Maria von Weber in seinem 125. Todesjahr wie 175. Geburtsjahr eine Neuinszenierung zu widmen. Die Jubiläumspremiere am 21. Oktober 1951 wurde dann auch von der Dresdner Presse hymnisch gefeiert: "Die 1000ste … stellt ein künstlerisches Ereignis ersten Ranges nicht nur für die Weberstadt Dresden als Geburtsstätte dieser weltberühmten deutschen Volksoper dar, sondern im gleichen Maße eine kulturpolitische Tat von weittragender Bedeutung für Gesamtdeutschland. Denn an diesem Oktobertag werden die Augen der ganzen musikalischen Welt auf die Stadt Dresden gerichtet sein, deren 400jährige Musikentwicklung mit dieser Aufführung einen Kulminationspunkt erreicht."

Der Mitteldeutsche Rundfunk hatte sich, anders als bei der Fidelio-Premiere, für eine eigenständige Rundfunk-Produktion des „Freischütz“ zum Weber-Jubiläumsjahr 1951 entschieden. Die Aufnahmen erfolgten im Mai jenes Jahres unter dem Dirigat von Rudolf Kempe mit der Staatskapelle, dem Staatsopernchor und mit weitgehend übereinstimmender Besetzung in den Hauptpartien des laufenden Repertoire der Semperoper. Bernd Aldenhoff, Irma Beilke, Kurt Böhme, der junge Werner Faulhaber, sind deren große Namen. Elfriede Trötschel, die schon nach Berlin gegangen war, wurde eigens für die Funkaufzeichnung nach Dresden geholt. Die den Aufnahmen unterliegende aktuelle Inszenierung von Erich Riede bemühte alle Illusionskraft echter Romantik auf die Bühne zu holen. Dafür wurden sogar für den Wasserfall in der Wolfsschlucht Magnetophon-Aufnahmen in der sächsischen Schweiz gemacht, die auch in der Rundfunkproduktion eingespielt wurden.

Die Magnetophon-Tonbandaufnahmen erfolgten im ‚Großen Sendesaal‘ unter den räumlich und akustisch besseren Bedingungen als auf der Opernbühne des seit 1947/48 zum Rundfunkstudio umfunktionierten Steinsaal des Hygienemuseums. Auch bei der rasanten Entwicklung der Aufnahmetechniken nach dem Krieg waren die Produktionen in den frühen 50er Jahren noch monophon mit Aufzeichnung aller Tonquellen auf einer Spur: Stereophonie befand sich erst im Experimentierstadium. So hält es Gerhard Steinke, der Toningenieur der damals ersten Stunden, für gerechtfertigt, die Originalaufnahmen heute durch behutsame pseudo-stereophone Bearbeitung zu einem emotional gesteigerten Erlebnis zu entwickeln – ohne Verlust an Authentizität.

AGFA – Die Archivbänder (Foto: Marco Prosch)

Vom Originalband der Magnetophon-Tonbandaufnahmen überarbeitete und kompilierte das Mastering-Studio THS Holger Siedler das Tonmaterial für die heutige Pressung, die den Freischütz in drei Akten von 1951 auf 3 CD mit einer Gesamtspieldauer von 131 Minuten dokumentiert. Im Hören der schon in der Uraufzeichnung rauschfreien Aufnahmen wirken die Musikpartien in der Bearbeitung plastisch, verflachen nur im Forte. Die Sprechstellen hören sich brilliant klar an, sie scheinen im Raum zu wandern. Insgesamt bieten die CDs ein Hörerlebnis, das in einer romantischen Fassung des Weber‘schen Hauptwerks seiner Dresdener Zeit schwelgen lässt.

Im Bonus auf der dritten CD sind Arien der Margarethe Teschenmacher und Elfriede Trötschel noch als Ännchen auf der Bühne der Semperoper 1944 geprägt. Die Staatskapelle dirigiert Karl Elmendorff. Diese Auszüge der Produktion des Reichsrundfunks lassen die einmalige Akustik des Semperbaus vor seiner Zerstörung erspüren. Als weiterer Bonus ist der Mitschnitt eines Radiogesprächs mit Karl von Appen, dem Bühnenbildner des 1000. Jubiläums-Freischütz aufgenommen. Das Booklet ist in Manier des Verlags wieder reich ausgestattet mit historischem Bildmaterial, Biografien, Geschichten der 1000 Freischütz-Aufführungen und des Zustandekommens des vorliegenden Verlagsproduktes.

Der Dresdner Freischütz – für das „Weber-Jahr 1951“
Semperoper Edition, Label Profil Medien Edition Günter Hänssler 2012, Kassette mit 3 CD, Booklet 85 Seiten deutsch/englisch, vielzählige Abbildungen, Dokumente, Faksimile

26.11.2012Features, Neue Aufnahmen