Welche Schublade?

Rezensionen

Welche Schublade?

Das David-Orlowsky-Trio zu Gast in Dresden. Die Jazztage begannen noch nicht, die Jüdische Musik- und Theaterwoche war noch nicht vorbei. Als Kooperation von beiden verstand sich dieses gemütliche, kreative Konzert. Statt sich an einer ewigen Genrediskussion zu beteiligen, hat das David-Orlowsky-Trio einfach eine eigene Bezeichnung gefunden: „Kammerweltmusik“ nennen sie ihr Genre und verarbeiten Einflüsse von überall. Diese Musik ist inspiriert von Klezmer, sieht aus wie Kammermusik; kräftig gewürzt mit chromatisch-lässiger Fantasie, riecht sie nach Fernweh, schmeckt nach Behaglichkeit und tut in der Seele gut. Ein vielversprechender Ausblick auf die Jazztage, die am zweiten November beginnen.

Der Hingucker des Abends: David Orlowksy an der Klarinette. Doch die blieb zunächst noch ruhig. Der Gitarrist Jens-Uwe Popp begann das Konzert mit flotten, verzückt leisen, dann dem Crescendo unterworfenen Akkorden, darauf zupfte Florian Dohrmann am Kontrabass eine kleine Melodie, simpel, eingängig. Erst nach einiger Zeit komplettierte die Klarinette den Klang, mit sanften, klaren Tönen, aus der Luft gepflückt und ihr zurückgegeben, leicht und vergänglich wie Seifenblasen. Eine typische Klezmer-Melodie entschwebte in den gefüllten Raum. Mit Saitenrhythmen unterlegt und verschönert, entwickelte sich langsam, unterschwellig, aber bestimmt der Jazz. David Orlowsky spielte mit unsauberen, coolen Vibrati, dann wieder geheimnisvoll vernebelt und wirkt dabei vollkommen mühelos und entspannt. Er bewegte sich wie ein Schlangenbeschwörer, erzählte Tongeschichten, Abenteuer, Dramen und zeigte ganz nebenbei sein Können. Die Musik steigerte sich, wurde laut, leidenschaftlich, rau und endete abrupt. Eine neue Phrase begann, bevor sich das Publikum regen konnte, eine neue Melodie, die wieder nahtlos in die nächste einfloss. Der Übergang zwischen den Stücken wurde dem Zuhörer erst im Nachhinein bewusst.

Das David-Orlowsky-Trio erfüllte das Societaetstheater mit Klangkunst und Fernweh. Foto: L.M.

Einige dieser selbstgeschriebenen Stücke mit Namen wie „Juli“, „Insomnia“ oder „Santa Fe“ sind ähnlich gestrickt, liedhaft, mit Wiederholungen und Variationen. Doch wann was, und ob etwas wiederkam, wussten nur die Musiker und vermieden so Vorhersehbarkeit. Sie gestalteten jede Phrase mit klug eingesetzter Dynamik und hatten Spaß an den überraschten Reaktionen ihrer Zuhörer ob verführerischer Trugschlüsse.

Obwohl die Klarinette die Protagonistin des Abends war, glitt das eine oder andere Saitensolo behende mit ein, auch hier wurde geschickt mit Harmonien jongliert, die Stimme des anderen übernommen oder mühelos improvisiert. Seit 16 Jahren musiziert das David-Orlowsky-Trio in dieser Besetzung, ursprünglich ausschließlich in den Sphären des Klemzer. Durch mal mehr, mal weniger dominant eingeflochtene Chromatik, durch experimentierfreudige, aber sorgfältig ausgeklügelte Akkordfolgen, fand ganz selbstverständlich der Jazz Einzug und Gefallen im Publikum.

Einflüsse aus der Kammermusik, aus dem Balkan, aus dem Flamenco, aus aller Welt vermochten die drei Musiker wie selbstverständlich zu vereinen. Minutenlang schlossen sie die Augen, als spielten sie nur für sich. Manchmal mochte man denken, die Melodien entstehen aus dem momentanen Impuls heraus. Und dennoch gelang jeder Abschluss, jeder Auftakt präzise und schwungvoll. Kleine Tanzeinlagen des Klarinettisten, rhythmisches Stampfen, geschäftig treibende Basslinien und ausgelassene Triller gehörten genauso zum Programm, wie die kleinen heiteren Entstehungsgeschichten einiger Stücke.

Doch auch wer die leisen Töne liebt, kam in diesem Konzert auf seine Kosten. Mit gefährlich flirrenden Basssaiten im Pianissimo, zaghaft unterschwellig beginnenden Klarinetteneinsätzen und gekonnt intimen Gitarrenmelodien bestach das Trio. Die Zuhörer im Societaetstheater ließen sich gerne tief in die Klangkunst fallen und auf die Fantasieprodukte der Musiker ein. Wurden vom Geruch sommerlicher Seen und dem warmen Gefühl tiefer Zufriedenheit in fremde Welten entführt, fieberten bei jeder noch so wilden Improvisation dem nächsten Clou entgegen. Und applaudierten ausgelassen. Laut und ungehalten, mit Stampfen und Standing Ovations zeigte das bunt gemischte Publikum seine Zufriedenheit und wurde schließlich mit drei Zugaben beglückt.

27.10.2012Rezensionen