Advent, Advent, der Buchmarkt brennt

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Advent, Advent, der Buchmarkt brennt

Wenn ich Noten kaufen will, einen Klavierauszug beispielsweise oder auch die Gesamtausgabe eines bestimmten Komponisten, dann gehe ich nicht ins Uhrengeschäft. Obwohl die genaue Zeit für den richtigen Takt von großer Wichtigkeit ist. Aber irgendwann hat der Handelsgeist Mercurius den Fachhandel genau zu dem Zweck erfunden, dass bestimmte Produkte ganz zielgerichtet eingekauft werden können. Wer würde etwa auf die Idee kommen, ein Ersatzrad beim Zahnarzt zu holen, nur weil der mit Zahnersatz handelt? Oder eine Prothese in Kirchen und anderen Kneipen abholen wollte, weil dort ja auch Surrogate gebraut werden?

Absurde Analogien, ja. Aber wieso kaufen Sie Ihre Bücher in der Parfümerie? Sagen Sie jetzt nicht, dass es in Dresden keine Alternativen mehr gäbe. Eine kleine Handvoll Unentwegter gibt es noch immer, die sich dem Trend der Krämer und Ketten waghalsig mit Inbrunst widersetzen. Das Imperium „Thalia Holding GmbH“, es hat sich an etablierten Orten festgekrallt und missbraucht den mythischen Namen der Zeus-Tochter und Muse. Es gehört allerdings zur schwächelnden Duftmarke „Douglas“ und versprüht momentan das faulige Odeur eines siechenden Kandidaten Charons.

Nun muss man bislang weder über den Styx noch über die Lethe pilgern, um einen solchen Kaufladen zu finden. Noch genügt ein Gang über den Straßenstrich. Schon spreizt sich der Billigheimer mit Sonderangeboten fast ohne Ende. Denn „Thalia“ hat zahlreiche unabhängige Buchhandlungen entweder aufgekauft oder in den raschen Ruin getrieben. Entsprechend verbreitet ist der eigene Marktauftritt. Noch.
Und kein Konkurrent ist in Sicht. Selbst „Weltbild“ war vor einiger Zeit unverkäuflich, obwohl Inhaber Kirche, katholische, das Imperium aus Geldgründen längst abstoßen wollte. Dabei hatte just diese so aufdringlich werbende Drückerkolonne eine so schöne Titelvielfalt hervorgebracht, von „Chronik Jagdgeschwader 27“ über „Übungsflugzeuge der Deutschen Luftwaffe 1937 – 1945“ bis hin zu Bibel-Ausgaben und Horror-DVDs.

Fachpersonal braucht es dort ja nicht mehr, wo immer mehr artfremde Produkte vertickt werden sollen. So nimmt es nicht Wunder, dass bestimmte Autorennamen vorzeitig gefaltete Verkäuferinnengesichter evozieren, dass zwar „Bach zum Bügeln“ und „Brahms zum Braten“ gelistet sind, nicht aber solche Ausnahmeerscheinungen wie beispielsweise Dmitri Schostakowitsch; von wirklichen Zeitgenossen zu schweigen.

Wo das noch hinführen soll? Wir wissen es nicht. Ahnen aber das Schlimmste. Und geben eine Wegempfehlung: Hin zum unabhängigen Buchhändler Ihres Vertrauens. Da lohnt sich der weiteste Umweg. Gerade in der – bei fast jedem Supermarkt schon seit Ende des Sommers beschworenen Vorweihnachtszeit – sollte man doch auf Sachverstand setzen und nicht auf bekehren wollende Billigheimer.

Wer nun aber fragt, was das mit dem Musen-Markt der Duftmarke zu tun haben soll, der hat keine Nachrichten gelesen. Denn Thalia-Eigner Douglas wird künftig vom Finanzinvestor Advent International bestimmt werden. Gut möglich, dass Thalia in Kürze auf der Straße landet.
Wer sich für Musik interessiert, bestellt nicht dort, wo tagtäglich Dutzende Tonnen Verpackungsmüll produziert werden, sondern wählt den Weg ins Fachgeschäft. Dort findet er kompetente Beratung anstelle von fragwürdigen Kaufempfehlungen.

Bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

19.10.2012Kolumnen