Von Pilzen, der Stille und einem nie geführten Interview

Kolumnen

Von Pilzen, der Stille und einem nie geführten Interview

Apropos Cage: Wussten Sie, dass ich das letzte Interview mit John Cage geführt habe? Das wäre nicht der Rede wert und wird hier nicht aus Eitelkeit erwähnt, sondern nur aufgrund der Tatsache, dass dieses Gespräch etwa zweieinhalb Jahre nach seinem Tod stattgefunden haben muss. Das großdeutsche Tagblatt für Sehschwache mit unausgeprägtem Denkvermögen hat zu berichten gewusst, dass ich mich mit dem Meister – in wörtlicher Rede! – über seine „Europeras 3 & 4“ ausgetauscht habe, die 1995 als deutsche Erstaufführung an der Oper Leipzig herausgekommen sind.

Heute würde gewiss manch einer gern mit ihm reden, der sein Schaffen zu Lebzeiten heftig verlacht hat. Beim Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik, das in der Nachfolge der Tage der zeitgenössischen Musik (zu denen Cage im Herbst 1992 tatsächlich noch eingeladen war) nun TonLagen heißt, dreht sich jedenfalls ein ganzes Wochenende lang alles um den Neue-Musik-Meister aus Los Angeles. „Für die Vögel“ ist das Festival im Festival überschrieben. Genausogut könnte es auch „Für die Pilze“ oder „Für die Stille“ überschrieben sein, denn Cage war ein passionierter Pilzsammler und hat mit zahlreichen seiner mehr als 250 Kompositionen der Stille ein Denkmal gesetzt. Am exemplarischsten darf da wohl das berühmte Stück „4'33“ gelten, in dem vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang kein einziger Ton erklingt. Natürlich darf dieses Werk aus dem Jahr 1952 im Festspielhaus Hellerau nicht fehlen, es wird am Samstag aufgeführt werden, genau einhundert Jahre, einen Monat und einen Tag nach Cages Geburt. Den Zahlenmeister hätte dieser Termin sicher gefreut.

Eine kleine, eine viel zu kleine Gemeinde von Anhängern und Neugierigen hat in dieses Datum schon hineinfeiern können. Die verschiedenen Räume des vor einhundert Jahren für genau solche Zwecke geschaffenen Festspielhauses wurden simultan bespielt, da haben nochmal das Ensemble Contempo Beijing (Cage auf chinesischem Instrumentarium!), die Sängerinnen und Sänger von AuditivVokal, das Elole-Klaviertrio, Ensemble Garage und das Sonar Quartett sowie die Pianistin Julia Aldinger und der Sänger Olaf Bär als Sprecher mitgewirkt. All diese hingebungsvoll die musikalische Cage-Philosophie Ausführenden hätten ein wesentlich zahlreicheres Publikum verdient, sowieso die Veranstalter des Europäischen Zentrums der Künste.

In manchen Darbietungen, den „Variations III“ von 1963 etwa, ist die hörbare Mitwirkung des Publikums partiell grundsätzlich erwünscht, in anderen Stücken wie etwa „One“, „Two“ und „Seven“, entstanden zwischen 1987 und 1990, wäre zwischen dem Instrumentalklang tatsächlich absolute Ruhe angesagt gewesen. Doch das permanente Rauschen von Klima- und Lichttechnik im Festspielhaus stand der totalen Kontemplation hörbar im Weg. Vielleicht sollte Cage heute nur noch in technisch weniger belasteten Räumen wie eben dem Halberstädter Dom angehört werden, wo derzeit „ASLSP“ („As Slow(ly) and Soft(ly) as Possible“) erklingt? Aber dieses am 5. September 2001 angestimmte Werk soll 639 Jahre dauern, wer hat schon so viel Zeit? Der könnte im Herbst des Jahres 2640 glatt das nächste Interview mit John Cage führen. Aber dann gibt es wahrscheinlich längst keine Zeitungen mehr.

Wir wollen erst einmal auf die nächsten Tage schauen, das Cage-Wochenende beginnt mit einem Pilzspaziergang und dem Cellisten Jan Vogler, beinhaltet „Pasta mit Waldpilzragout“, Film und Musik mit reichlichem Anteil an Stille.

Bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

06.10.2012Kolumnen