Vom „Kulti“ zum Kultur-Ballast?

Kolumnen

Vom „Kulti“ zum Kultur-Ballast?

Ich werde es nie vergessen, wie in der bizarren Debatte um Neubau eines Konzerthauses und/oder Umbau der Konzertsaals im Dresdner Kulturpalast davon geschwafelt wurde, was denn besser sei – der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach?

Ja wir haben die Taube doch in der Hand, hieß es nahezu zeitgleich mit seiner Vertragsverlängerung vom Noch-Intendanten der Philharmonie. Der steigt nun bald aus und überlässt Spatzen wie Tauben der Pfanne. (Vogelschützer und sonstige Ornithologen sollten jetzt bitte nicht zu hart mit mir ins Gericht gehen, sondern lieber mit den Fledermaus-Experten beidseits der Elbe sympathisieren.)

Nachdem die städtische Philharmonie nun aus ihrem angestammten „Festsaal“ vertrieben worden ist und ihre Mitglieder wie Straßenmusiker durch die Gegend ziehen müssen (unter akustisch fragwürdigen Bedingungen!), nachdem die letzten Devotionalien den Jägern und Sammlern der Ostalgie verhökert wurden, werden sich wahrscheinlich weder Tauben noch Spatzen oder sonstiges Gefieder aufs kupfergrüne „Kulti“-Dach setzen. Sie könnten, mitsamt ihren Absonderungen, schon bald zu einer unkalkulierbaren Konkursmasse gehören. Denn all die schönen Rechenspiele dieser angeblich schuldenfreien, nie aber schuldlosen Stadt scheinen von Rechenmeistern gezimmert worden zu sein, die den Namen Adam Ries nicht einmal nach Vorlage buchstabieren können.

Dem Ausverkauf des Inventars folgt offenbar zum Sommerschluss der Bankrott aller Finanzierungsideen. Denn was die Stadt Dresden in Höhe von immerhin 27 Millionen Euro so wohlfeil aus kommunalen Stiftungen zusammenkratzen wollte (der Kreuzchor und Sozialprojekte müssten im Zweifel dran glauben), sieht die hochamtliche Landesdirektion nun wohl als Kredit – und dies widerspräche der städtischen Selbstauflage, Neuverschuldungen nicht zuzulassen. Wer jetzt an die Hamburger Elbphilharmonie denkt, hat nicht Unrecht, verkennt wohl aber (noch) die Dimensionen. Immerhin wackelt damit etwa ein Drittel der gedachten Bausumme – und die wird erfahrungsgemäß nur noch wachsen.

Was tun? Eine neue Finanzierungslösung muss her. Oder überhaupt eine Lösung. Das wäre mal was. Das wäre was Neues. Ist aber leider undenkbar im Elbtal. Wer schwarzsehen will, sieht eine langjährige Brache inmitten der Stadt. Nichts währt so lange wie ein Provisorium. Das gilt nicht nur in Dresden.

Wer mag nun einen Konfizius aus dem Ärmel zaubern, der Weisheit und Weitsicht genug hat, aus dieser dresdnerisch selbstverschuldeten Sackgasse einen Weg nach vorn zu zaubern? In Wochenfrist wird das sicherlich nicht zu lösen sein.

Dennoch: Bis nächsten Freitag, ganz herzlich –
Michael Ernst

14.09.2012Kolumnen