Kein Abschied

Kolumnen

Kein Abschied

Es muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, ist jetzt also gut zwei Jahrzehnte schon her. Da sind wir uns zum ersten Mal begegnet, Ulrike Hessler und ich. Ihr Pressebüro in der Bayerischen Staatsoper München roch geradezu nach Arbeit, hier liefen erstaunlich viele Fäden zusammen. Mehr als diese Position gemeinhin verträgt.

Es war am 30. Juli diesen Jahres, da las ich beim Frühstückskaffee – zufälligerweise wieder in München – in der sehr rasch reagierenden Süddeutschen Zeitung vom Tod Ulrike Hesslers. Tags zuvor war sie ihrem Krebsleiden erlegen.

Es hat eine Weile gebraucht, diese Tatsache zu realisieren. 57 Jahre sind einfach zu wenig. Für jeden Menschen. Zumal für eine kreative Persönlichkeit, die – wie es immmer so wunderbar heißt – mitten im Leben und in ihrer Arbeit steckt.

Inzwischen fand sich ein wenig Abstand. Immerhin genug, um aus der Fülle der Begegnungen ein paar Handvoll zu reflektieren. Mit großem Respekt der Einblick in Ulrike Hesslers Münchner PR-Büro, wo, wie es schien, alles wie am Schnürchen lief. In der Tat, eine Panne oder gar eine Peinlichkeit kam mir aus dem Bereich Presse und Marketing an der Bayerischen Staatsoper nie zu Ohren. Aber das Schwärmen für barocke Opernfeste, die Begeisterung für Sonderkonzerte etwa mit Uri Cane, das vorsichtig distanzierte Abwarten, wie beispielsweise ein bühnenreifer Theaterkrach zwischen „Parsifal“-Regisseur Peter Konwitschny und seiner Kundry Waltraud Mayer ausgehen würde, sowieso das Management der Münchner Opernfestspiele – all das soll unvergessen bleiben.

Diesem Respekt folgte wiederholtes Erstaunen, als Ulrike Hessler erst in die Leitungsetage des Hauses am Max-Joseph-Platz aufrückte – wie mochte sie sich wohl in den bedeutsamen Fußstapfen eines Peter Jonas schlagen? – und dann tatsächlich als Kandidatin für die Nachfolge von Gerd Uecker in Frage kam. Als sie 2010 zur ersten Intendantin der Sächsischen Staatsoper ernannt wurde, war die Skepsis gewiss bei vielen Leuten nicht ohne. Was wurde aus manchen sich wichtig nehmenden Feuilletons gegen diese Frau gewettert! Selbst dort folgte im Laufe der Zeit eine Rücknahme der Vorschuss-Tomaten – die Nachrufe würdigten Ulrike Hessler ausnahmslos als eine für ihre Sache, für das lebendige Musiktheater brennende Frau.

Unsere in Dresden natürlich häufiger gewordenen Begegnungen und Gespräche (selbst, wenn diese mal ins Debattieren ausuferten) waren von ebendiesem Eindruck geprägt. Richtig konträr wurde es nur ein einziges Mal, als es um die Abschaffung der Reihe „Jazz in der Semperoper“ ging. Auch da ist Ulrike Hessler ruhig und besonnen geblieben, hat um Verständnis für ihre Sicht auf die Dinge geworben. Dass sie die Semperoper einem breiteren Publikum öffnen und vor allem die Jugend für diese Kunstgattung Oper begeistern wollte, hat man ihr unbedingt abgenommen. Diesen eingeschlagenen Weg ist sie nun nicht annähernd zu Ende gegangen. Wer mag dieses Erbe annehmen?

Und noch eine Frage, die allerdings unbeantwortet bleiben muss: Was mag Ulrike Hessler innerlich bewegt haben, als wir uns in Leipzig am Grab von Joachim Herz trafen? Zur Rede kamen da nur die Erinnerungen an dieses Urgestein der Opernregie. Ob da auch schon Gedanken an die Endlichkeit des eigenen Wirkens aufgekommen sind? Das werden wir nicht mehr erfahren. Mit diesem Blick zurück kommt mal wieder das Wort Demut in den Sinn.

08.09.2012Kolumnen