Keine Angst vor Uraufführungen!

Kolumnen

Keine Angst vor Uraufführungen!

Keine Frage, Görlitz ist eine Reise wert. Ganz bestimmt wegen der sanierten Altstadt, so viel Renaissance in Deutschland gibt es selten.
Aber schon Ende des 15. Jahrhunderts wird in Görlitz eine ziemlich genaue Nachbildung der christlichen Pilgerstätten des Heiligen Grabes in Jerusalem errichtet. Was dazu führte war eine Verführung. Ein reicher Görlitzer Kaufmannssohn verführte die Tochter des Nachbarn und will die Geschwängerte nicht heiraten. Um Absolution zu erlangen pilgert er nach Jerusalem, ihm widerfährt Vergebung, mehr noch, er wird zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen.

1480 wird mit dem „Nachbau“ der Anlagen des Heiligen Grabes in Görlitz begonnen. Allein das wäre ja schon ein Stoff wie ihn die Oper liebt. Aber es kommt noch besser. Die Bauunterlagen, die akkuraten Zeichnungen, nach denen in Görlitz gebaut wurde, brachte vermutlich eine Frau, die in der Kutte eines Mönches nach Jerusalem gepilgert war. Das war ja eigentlich nicht üblich. Aber Verführung, Vergebung, eine Frau in Männerkleidern, das ist ja noch mehr Futter für die Oper!

Die Anlage des Heiligen Grabes in Görlitz wir zum geradezu theatralen Zielort einer spätmittelalterlichen Inszenierung die die gesamte historische Innenstadt und deren Bewohner einbezieht. Die Krypta der hoch gelegenen Peterskirche am Ufer der Neiße ist der Palast des Hohepriesters. Görlitz hat wie Jerusalem einen Garten Gethsemane, einen Ölberg, ein Kidrontal, wo eigentlich die Görlitzer Lunitz fließt, heute unterirdisch. Der Görlitzer „Jesus-Bäcker“ erinnert an jenen Ort, wo einst die Szene geschah, in der Jesus unter dem Kreuz zusammenbricht, denn die Stadt Görlitz verwandelt sich aus diesem Anlass zum Ort einer der ältesten Kreuzwegperformances.
Das große, heilige Theater ist Görlitz nicht fremd.

Im 19. Jahrhundert will auch hier, in der aufstrebenden Stadt, das Bürgertum sein Theater. 1851 wird das heutige, in Innern und äußerlich mehrfach veränderte, Theater mit Schillers „Die Räuber“ eröffnet. Seit 1923 ist es ein richtiges Stadttheater mit eigenem Ensemble, Opern, Operetten, Schauspiele und Ballette werden gespielt. Das Haus übersteht den Krieg. Aber 1960 fallen Stuck, Ornamentmalereien und Goldverzierungen der sozialistischen, antibürgerlichen Sachlichkeit zum Opfer. 2002 wird das inzwischen verschlissene Haus von Grund auf saniert, der Geschmack hat sich gewandelt, Gold und Gips kommen wieder rein in den Zuschauerraum mit über 400 Plätzen.

2011 besann man sich auch wieder auf die Möglichkeit, Theater zu retten durch Fusionen. So war das Theater Görlitz zu Zeiten der DDR, wo man auch Theaterfusionen, Abwicklungen und Einsparungen kannte, schon mal 1963 mit dem Theater in Zittau zusammengelegt worden, und so wie heute hatten Musiktheater und Tanz ihr Stammhaus in Görlitz, das Schauspiel in Zittau, die Produktionen wurden ausgetauscht. 

Das Görlitzer Musiktheater mit der Neuen Lausitzer Philharmonie hat besonders in den letzten Jahren immer wieder durch ein besonders hohes Maß an Offenheit neuem und neuestem Musiktheater gegenüber auf sich aufmerksam machen können. Der Räuber Babinsky in Weinbergers Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“, jener böhmische Robin Hood, besiegte den Teufel erst an der Neiße und darauf erst in der Semperoper.

Mit wachem Gespür für die Spiegelung der Gegenwart im bitteren, ironischen und kritischen Humor eines Friedrich Dürrenmatt, hatte man Gottfried von Einems Oper „Der Besuch der alten Dame“ als erfolgreiche Ausgrabung auf die Bühne gebracht. Eine solche glückliche Neuentdeckung könnte die Aufführung der Oper „Kleider machen Leute“, nach Gottfried Kellers Novelle, des leider so gut wie vergessenen Alexander von Zemlinsky werden. (Premiere in Görlitz, 24.11.2012)

Als vor etwa zwei Jahren der in Berlin lebende Autor, Essayist, Dramaturg, Dramatiker, Lyriker und Journalist Fabian Scheidler einen Operntext vorlegte mit dem reißerischen Titel „Tod eines Bankers“, dessen Handlung in einem Griechenland spielt, das total pleite ist, mochte man seinen ahnungsvollen Text für ein interessantes Gedankenspiel halten. Scheidler wusste aber wovon er schrieb, der Mann kennt sich auf diesem Gebiet, etliche seiner Veröffentlichungen weisen ihn als Fachmann auf dem Gebiet globaler Finanzkriege aus.

In Görlitz hat man keine Angst vor Uraufführungen, es zählt der Mut zum Experiment, über möglichen Erfolg freut man sich natürlich auch.
Inzwischen hat Andreas Kersting, Dresdner Tonlagen-Fans sicher aus Hellerau bekannt, die Musik geschrieben. Kerstin hat in Dresden Komposition studiert, ein Aufbaustudium absolviert, sich international umgehört und umgesehen. Das Werkverzeichnis des 36jährigen Komponisten, Gitarristen und Soundkünstlers weist ihn als Kenner gänzlich unterschiedlicher Stile und Formen aus. Der Bogen spannt sich von Hardcore-Formaten über Musik für Theater und Film, Chorwerke, Musiktheater. Die Oper „Tod eines Bankers“ wird am 6. April 2013 in Görlitz uraufgeführt.

Zum Saisonschluss, Premiere am 25. Mai 2013, in Görlitz ein Opernklassiker, Mozarts „Le nozze die Figaro“. Dirigent ist Eckehard Stier, der sich mit dieser Produktion vom Theater und als Chef der Neuen Lausitzer Philharmonie verabschieden wird, kündigt einen interessanten Konzertplan für seine letzte Saison an. Neugierig macht das Konzert zum Wagnerjahr mit „Der gerettete Alberich“ einer Fantasie für Soloschlagzeug und Orchester von Christopher Rouse oder „Der Ring. Ein orchestrales Abenteuer“, Wagner, bearbeitet von Henk die Vlieger, Jahrgang 1953.

Die kleine Reise nach Görlitz lohnt!

06.09.2012Kolumnen