Mit der schnellen Feder

Interviews

Mit der schnellen Feder

Anlässlich des 200ten Todestages des Dresdner Hofkapellmeisters Joseph Schuster fand im Juni im Haus der Kathedrale ein Internationales Symposium statt, dass sich mit ihm befasste. Seit März ist seine Musik hier und da in Dresden zu hören. Ein Gespräch mit dem Initiator dieses Symposiums, dem Musikwissenschaftler PD Dr. Gerhard Poppe, über einen oft unterschätzten Komponisten.

Wie sind Sie auf Joseph Schuster gestoßen?

Er ist mit seiner Musik ein wichtiger Teil der Geschichte der Dresdner Hofkapelle im 18. und frühen 19. Jahrhundert und deshalb auch Teil meiner Arbeit als Musikhistoriker mit eben diesem Spezialgebiet. Wenn man das Ganze dieser Kapellgeschichte sinnvoll in den Blick nehmen will, ist dieses Jubiläumsjahr günstig, um sich auch einmal auf Schuster zu konzentrieren, der bisher noch im Schatten der vor ihm „wiederentdeckten“ Zeitgenossen Zelenka, Hasse und Naumann steht.

Steht er dort also zu Unrecht?

Schuster ist neben seinem bekannteren Generationsgenossen Naumann noch einmal eine andere Stimme im Gesamtgefüge der Dresdner Hofmusik dieser Zeit, die es aber verdient, wahrgenommen zu werden. Er war nicht schlechter als Naumann, er war anders. Und so wurde er auch von seinen Zeitgenossen gesehen. Naumann hatte im Vergleich zu Schuster die in vielen Augen interessantere Karriere, hat bald nach seinem Tod eine Biografie bekommen, außerdem ist Schusters Grab nicht erhalten. Das führte unter anderem dazu, dass zumindest Naumanns Name bis heute im Gedächtnis der Stadt einen Platz hat. Ich bin der Meinung, Naumann ist der Erinnerung wert, aber Schuster mindestens genauso sehr.

Inwiefern trug Schusters Karriere dazu bei?

Nun, seine Karriere verlief so gut, wie sie für einen jungen, ambitionierten Musiker seiner Generation verlaufen konnte. Ausgangspunkt war der Hof, der seine Ausbildung finanzierte und ihm anschließend eine feste Anstellung gab. Aber Schuster konnte neben den Möglichkeiten, die dieser Hof ihm bot, noch zwei weitere Italienreisen unternehmen und war dort vor allem mit seinen Opern überaus erfolgreich. Andererseits war er mit einer Festanstellung im Rücken in Italien nicht vollständig auf den freien Markt angewiesen.
Während seiner Reisen konnte sich Schuster weiterbilden, und hat das, vor allem bei Padre Martini in Bologna, auch getan. Er konnte Opernaufträge annehmen und etwas dazuverdienen. Er heiratete und erhielt dann eine zusätzliche Aufgabe, die ihn stärker als seine Kollegen an die Herrscherfamilie band. Schuster übernahm nämlich den Musikunterricht für die Mitglieder der kurfürstlichen Familie und unterrichtete sowohl die Kurprinzessin als auch die jeweils anderen Mitglieder der Familie im Instrumentalspiel, zum Teil in Komposition. Schuster war aber auch Musizierpartner des Kurfürsten.
Insofern verlief Schusters Karriere in ihrer ersten Hälfte so, wie die anspruchsvolle Karriere eines jungen Musikers dieser Generation verlaufen konnte. Später brauchte er sich auf den italienischen Markt und seine wechselnden Bedingungen nicht mehr einzulassen, weil sein Dresdner Gehalt deutlich gestiegen, seine Stellung gesichert war und er andererseits zu seinen bisherigen Pflichten noch eine weitere Aufgabe dazubekommen hatte.

Welche Ergebnisse nehmen Sie aus der vergangenen Schuster-Tagung mit?

Zunächst einmal waren sich alle Beteiligten bewusst, dass sie sich auf Neuland begeben, denn eine Schuster-Tagung gab es bisher noch nie und in der neueren Fachliteratur kommt Schuster fast nirgends vor. Im Programm der Tagung waren, denke ich, die Schwerpunkte von Schusters Gesamtschaffen gut vertreten, auch wenn Vollständigkeit nicht möglich war. Konkret hieß das, dass wir viele Details auf ganz unterschiedlichen Feldern diskutiert haben. Wie eine Bilanz dessen, was man heute zu Schuster wissen kann, genau aussieht, wird der Tagungsband zeigen. Darüber hinaus waren sich aber alle Referenten einig, dass sich eine verstärkte Wiederentdeckung von Schusters Musik durchaus lohnt. Davon haben sich die Kollegen auch während der Aufführungen, die im Rahmen der Tagung stattfanden, überzeugen können.

Haben Sie ein Lieblingswerk?

Das ist eine schwierige Frage, ich mag sehr viele seiner Werke, kenne aber andererseits auch längst nicht alle. Ich mag zum Beispiel sein Stabat mater sehr, das ist ein richtiger Ohrwurm, und mit dieser Vorliebe bin ich nicht allein. Ohrwürmer komponieren konnte Schuster mit seiner immensen melodiösen Begabung ohnehin sehr gut. Aber auch von der Aufführung des Oratoriums La passione de Gesù Cristo im März durch das Collegium 1704 aus Prag war ich begeistert. Nach diesem Konzert gab es übrigens viele überraschte und dabei sehr positive Reaktionen, denn die meisten Hörer hatten nicht erwartet, dass das Werk derart gut ist.

Es gibt kaum persönliche Erzählungen über Joseph Schuster…

Nicht viele, leider, aber es gibt eine interessante Anekdote zu Schusters Arbeitsweise, die erst Jahrzehnte nach seinem Tod schriftlich festgehalten wurde. Der sächsische Kurfürst gab 1796 – auf die Bitte seines Onkels Clemens Wenzeslaus, den die Franzosen aus Trier vertrieben hatten und der sich in Dresden aufhielt – Naumann den Auftrag zur Neukomposition des Oratoriums La Betulia liberata nach Metastasios Libretto für die jährliche Aufführung am Karsamstagnachmittag. Dieser wies nach wenigen Tagen darauf hin, dass Ostern in diesem Jahr sehr früh liege und dass er für eine gute Arbeit mehr Zeit bräuchte. Daraufhin soll der Kurfürst gesagt haben: „Dann geben Sie den Auftrag Schuster, der schreibt schneller.“ Eine solche Anekdote muss natürlich auf ihre Tragfähigkeit geprüft werden, aber die Vorstellung, dass Schuster eine schnellere Feder als Naumann hatte, kann man wohl für bare Münze nehmen.

Was begeistert Sie an seiner Musik?

Sie hat einen hohen Charmefaktor – dieser Begriff stammt nicht von mir, passt aber hier sehr gut. Im Vergleich zu Naumann ist Schuster zweifellos der elegantere Melodiker. Das Stabat Mater und die Messe A-Dur (sie war Pfingsten und am Fest Johannes des Täufers in der Kathedrale zu hören) sind darüber hinaus gute Beispiele für eine weitere Eigenschaft. Seine Musik kommt genau auf den Punkt und ist das exakte Gegenteil von weitschweifig. Schuster geht mit seinen Ideen sehr ökonomisch um und platziert die einzelnen Textteile innerhalb der Gesamtanlage eines Satzes sehr genau und sicher. Diese Musik ist charmant, aber alles andere als geschwätzig.

PD Dr. Gerhard Poppe bei der Eröffnung der Ausstellung "Schöne Töne. Der Dresdner Hofkapellmeister Joseph Schuster (1748-1812)" am 31. Mai 2012. Quelle: SLUB Deutsche Fotothek, André Rous Diese Ausstellung ist noch bis zum 13. September täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Welche Möglichkeiten gibt es heute, um Werke Schusters aufzuführen?

Von der Messe A-Dur werden im ortus Musikverlag Partitur und Aufführungsmaterial erscheinen. Das Material zum Stabat mater, das übrigens bis in das frühe 20te Jahrhundert hinein zum festen Repertoire der Hofkapelle gehörte und jährlich aufgeführt wurde, kann man dort bereits bekommen. Über andere Werke denken wir noch nach. Es gibt aber wirklich viel zu entdecken, und ich selbst werde nach dem Ende des Schuster-Jahres die Kontaktmöglichkeiten zu Musikern und Ensembleleitern nutzen, um Impulse für weitere Wiederaufführungen zu geben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Am 28. Juli um 16 Uhr werden im Seifersdorfer Tal auf der Festwiese Lieder und Arien Joseph Schusters zur Aufführung kommen.

Am 31. Dezember um 20 Uhr führen das Sächsische Vocalensemble und die Batzdorfer Hofkapelle unter Leitung von Matthias Jung in der Annenkirche Schusters Kantate »Lob der Musik« auf.

23.07.2012Interviews