„Wir sind drauf und dran, Dresdens Image als Kultur- und Kunststadt nachhaltig zu beschädigen“

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„Wir sind drauf und dran, Dresdens Image als Kultur- und Kunststadt nachhaltig zu beschädigen“

"Was bedeutet uns unsere Stadt, wenn wir unsere wichtigsten Künstler nicht schätzen?" (Abbildung: www.theforsythecompany.com)

Dresden, den 4.7.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Diskussion um die Vertragsverlängerung der Forsythe Company in Dresden läuft auf vielen Ebenen auf bedenkliche Weise an den Tatsachen vorbei.

Wir haben einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart in unserer Stadt in Residenz. Welcher andere regelmäßig in Dresden arbeitende Künstler spielt weltweit in der Akzeptanz als global stilbildender Künstler eine vergleichbare Rolle wie William Forsythe? Kurt Masur (wenn man da von regelmäßig reden darf), Christian Thielemann und …. Christian Thielemann – und wer noch? Sicher gibt es noch den einen oder anderen, der mir jetzt nicht einfällt, aber viele sind es nicht.

Und wie gehen wir damit um? Was bedeutet uns das? Und was bedeutet uns unsere Stadt, wenn wir ihre wichtigsten Künstler nicht schätzen? Wäre es vorstellbar, dass wir so, wie wir derzeit über das Engagement von Forsythe in Dresden in der Öffentlichkeit diskutieren, über Penck und Baselitz, über Canaletto oder Wagner oder die Künstler der Brücke reden würden? Haben wir in einer Stadt, die zuallererst aus und mit und von der Kultur und ihrem Verhältnis zur Kultur lebt und atmet, den Respekt vor der Kunst verloren?

William Forsythe ist der bedeutendste zeitgenössische Choreograf der Gegenwart, weltweit und unzweifelhaft. Ich bin mir sicher, jeder Tanzexperte, jeder zeitgenössische Kunstexperte wird dies bestätigen: vom Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen bis zu den Intendanten von Staatsschauspiel und Semperoper, vom Künstlerischen Direktor des Balletts der Semperoper bis zum Rektor der Palucca Hochschule für den Tanz, vom Direktor des Hygiene-Museums bis zum Intendanten der Musikfestspiele, von der Direktorin von Dresden Marketing (immerhin auch nicht ganz unwesentlich für die Stadt) bis zum Direktor des Max-Planck-Instituts…(Verzeihung Damen und Herren Kollegen, dass ich Sie hierfür vereinnahme). Ich könnte national und international Hunderte aufzählen, deren Expertise und Kompetenz niemand ernsthaft in Frage stellen kann: Jeder würde die ganz außerordentliche Bedeutung von Forsythe für den Tanz weltweit bestätigen. Hätte ich mehr Zeit, hätte ich geahnt, welche Diskussion in dieser Stadt möglich ist, hätte ich dies organisiert: Hunderte von Statements von den bedeutendsten Theaterleitern, Choreografen, Intendanten und Künstlern der Welt, die der Stadt Dresden erzählen würden, welchen bedeutenden Künstler wir hier haben. Und dass wir stolz darauf sein sollten.

Worum geht die Diskussion? Dass Forsythe zuviel Geld kostet und zu wenig Publikum hat? Für große Künstler muss man mehr investieren, das ist so – überall: in der Semperoper in Dresden, im MoMa in New York, im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, bei Jan Vogler in den Musikfestspielen, in HELLERAU und Hollywood. Und in Deutschland überlassen wir das Gott sei Dank anders als in Hollywood nicht allein dem Markt und normalerweise sind wir stolz darauf. Forsythe kann große und kleine Fomate – für 1300-Plätze-Theater (siehe Semperoper-Ballett mit Forsythe-Choreografien) oder immer neue Bühnenkonzepte in HELLERAU für ganz andere Formate. Die Avantgarde ist nicht immer und nicht unabsichtlich gleich für die Masse. Ihr Wert liegt in der stilbildenden Innovation, im Vordenken, im Vor-Aus-Probieren, im Horizonte-Erweitern und Neue-Wege-Suchen und Neue-Wege-Gehen. Das ist die Aufgabe aller großen Künstler in ihrer Zeit gewesen. Das ist die Funktion von Forsythe für den Tanz weltweit, das ist die Funktion HELLERAUs – vor 100 Jahren mit einer Gesamt-Vision („Laboratorium einer neuen Menschheit“ – Paul Claudel) gegründet, die dem Kabinett der Sächsischen Staatsregierung vor einigen Tagen der erste Platz in der sächsischen Bewerberliste für das Weltkulturerbe wert war und ist. Und heute ist das um keinen Deut anders – oder rechnen wir den Wert der Kunst tatsächlich nur in Publikumszahlen und Auslastungen? Spielen Bedeutung, Qualität, Kompetenz, Nachhaltigkeit und Wirkung keine Rolle? Wo wären van Gogh und Goya, Beethoven und Shakespeare, Schönberg und Stockhausen in ihren Anfängen vor solchen Zahlenspielen abgeblieben? Wo wären Pina Bausch und Merce Cunningham mit solcher Rechen-Kunst hingeraten?

Mag jemand sagen, Pina Bausch hat irgendwann große Theater gefüllt. Das kann Forsythe spielend auch – hat er als Chef des Frankfurter Balletts jahrelang und weltweit ununterbrochen getan – aber er hat sich künstlerisch für andere Prioritäten entschieden – und die sind ebenso weltweit erfolgreich und mindestens genauso wichtig. Oder sind die kleinformatigen Capriccios, die Goya am Ende seines Lebens malte, weniger wichtig als die opulenten Royal-Gemälde, die er vorher schuf?

Apropos Weltkulturerbe Hellerau: im Zentrum des Hellerauer Weltkulturerbe-Antrags steht die Bühne im Festspielhaus, der Prototyp der neuen offenen Theaterbühne der Moderne, das Überwinden der Trennung von Publikum und Bühne, der geniale gemeinsame Entwurf von Appia, Tessenow, Dalcroze und Salzmann, die Vorlage für das Theater des 20. Jahrhunderts. Wer nutzt diese Bühne besser, konsequenter, kreativer in immer neuer Weise, wer zeigt ihr Potential überzeugender auf als William Forsythe?! Und das sollen wir allen Ernstes weggeben? Und uns gleichzeitig um Weltkulturerbe bewerben…? Passt das zusammen?

Wie stolz sind wir in Dresden auf die Exzellenz-Verleihung für die TU Dresden und wie gehen wir mit der Exzellenz eines bedeutenden Künstlers in unsere Stadt um? Passt das zusammen?

Die 1,5 Mio Euro für Forsythe werden natürlich schnell und gern gegen unterfinanzierte Stadtteilzentren und freie Gruppen, gegen drohende Museumsschließungen und notleidende Theater verrechnet. Nur diese Diskussion ist inhaltlich fatal und schlicht irreal. In Sachsen existiert ein Hauptstadtkulturvertrag, der Dresden dazu verpflichtet, aktuell 10,5 Mio € jährlich an das Land zu zahlen, da der Freistaat Sachsen viele staatliche Kulturinstitutionen in Dresden unterhält, die der Stadt zugute kommen. Eine Sonderbestimmung in diesem Vertrag erlaubt es der Stadt davon 1,5 Mio direkt für die Forsythe Company aufzuwenden. Würde die Stadt einseitig diesen Vertrag kündigen, ginge das Geld an den Freistaat. Man verlöre die Forsythe Company und niemand, niemand würde irgendetwas dabei gewinnen. Aber die Stadt wäre nachhaltig beschädigt.

Dieter Jaenicke (Foto: M. Morgenstern)

Als ich vor einigen Jahren in Dresden zu arbeiten begonnen habe, wurde der Stadt gerade das Weltkulturerbe aberkannt. Weltweit habe ich Reaktionen zwischen Erstaunen und Entsetzen, zwischen Spott und Häme erlebt. Dresden scheint drauf und dran, das zu wiederholen. Wir werden uns international erneut zum Gespött machen, wenn wir einen der wichtigsten Künstler der Gegenwart verjagen – ohne Not und ohne irgendetwas dafür zu gewinnen – noch nicht mal eine Brücke!

Wir sind drauf und dran die Stadt, ihr Ansehen und Image als Kultur- und Kunststadt und auch das Festspielhaus Hellerau als Dresdner Zuhause der Forsythe Company nachhaltig zu beschädigen.

Wo soll ich denn als Künstlerischer Leiter dieses Hauses noch hingehen und für Unterstützung und Förderung dafür werben, wem soll ich noch von der Verpflichtung gegenüber der einzigartigen Geschichte von Tanz und Bewegung in diesem Haus erzählen, bei welchen Stiftungen, nationalen und internationalen Institutionen für das Tanzzentrum HELLERAU Gelder akquirieren? Ich sehe das Schulterzucken schon: „Tja, wenn Sie nicht mal verhindern können, dass man Forsythe wegschickt….!“
Eine Nichtverlängerung des Forsythe-Vertrages gibt alle Bemühungen, HELLERAU wieder zu einem weltweit angesehen Zentrum für den zeitgenössischen Tanz zu machen, der Lächerlichkeit preis und bedeutet eine irreparable Beschädigung Dresdens und Helleraus. Hortensia Völckers, die Leiterin der Bundeskulturstiftung, hat 2009 in einem Referat in Dresden der Stadt das Potential bescheinigt, mit Forsythe, Semperoper Ballett, Palucca-Schule und HELLERAU zu der wichtigsten Tanzstadt Deutschlands zu werden. Wir sind dabei auch das wegzuschmeißen.

2012 haben wir in HELLERAU die Tanzplattform Deutschland veranstaltet, 2013 wird im Hygiene-Museum eine der wahrscheinlich europaweit wichtigsten Tanzausstellungen eröffnet, 2014 richtet die Palucca Hochschule für Tanz die internationale Ausbildungsbiennale Tanz aus, HELLERAU selbst gilt inzwischen wieder als eines der bedeutendsten Tanzzentren Europas – all diese Initiativen haben sich dem Ziel verschrieben, die Stadt Dresden wieder zu der beutenden Tanzstadt Deutschland zu machen, die Hortensia Völkers beschrieben hat. Wir sind gerade dabei, das alles zu gefährden – wie gesagt, um nichts, um rein gar nichts zu gewinnen.

Ich glaube, mit ein bisschen Vernunft und Respekt lässt sich das verhindern. Wir reden derzeit um eine gerade mal dreijährige Vertragsverlängerung. In dieser Zeit kann man in Ruhe und Offenheit zwischen Stadt, Land, Forsythe Company, HELLERAU, Verwaltung und Politik Erfahrungen und Erwartungen gemeinsam ergebnisoffen diskutieren und entwickeln. Ich biete mich dafür gerne als Moderator an. Vielleicht lässt sich so eine nachhaltige Beschädigung und Blamage für Dresden und HELLERAU verhindern.

Dieter Jaenicke
Künstlerischer Leiter von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden

05.07.2012Features