Zum letzten Mal im Saal

Kolumnen

Zum letzten Mal im Saal

Ich möchte es als "Abräumen von Geschichte" bezeichnen: städtebauliche Fehlentscheidungen kennzeichnen die Stadtentwicklung seit den frühen neunziger Jahren. Sieben Sünden wären aufzuzählen: man entschied sich erstens gegen die Entwicklung des Ostra-Geheges durch eine Internationale Gartenbauausstellung, zweitens gegen den Stella-Pavillon an der Herzogin Garten; drittens für die "Gläserne Manufaktur"; viertens für die Vernichtung der Reste des Frauentores aus dem 13. Jahrhundert für eine Tiefgarage am Neumarkt; fünftens für den Neubau des Stadions; sechstens für eine Tiefgaragen-Zufahrtrampe in der Wilsdruffer Straße, die eigentlich Fußgängerzone werden sollte; und siebtens für den Bau der Waldschlösschenbrücke.

Nun ist dieser "Sündenliste" eine weitere Sünde anzureihen: Der Verlust des Kulturpalastes in seiner Ganzheit als anerkanntes Kulturdenkmal der Nachkriegsmoderne. Denn die bevorstehend weitgehende Entkernung entwertet ihn als Gesamtkunstwerk. Herausgebrochen wird der multifunktionelle Festsaal, um einen neuen Saal in Weinbergkonfiguration einzuziehen, der dann überwiegend der Hochkultur dienen soll. Die Argumente dagegen und dafür sind getauscht genug. Pointiert sagt es Peter Schreier: „Der Kulturpalast lebt mit Klassik und mit Populärkultur; warum das ändern, wenn es funktioniert!“ 

Am Samstag nun dirigierte Michael Sanderling die Dresdner Philharmoniker zum vorerst letzten Mal im Kulturpalast. Seit 1969 gab es, beginnend mit einem Einzugskonzert unter Kurt Masur, spektakuläre Abende, ob in der Klassik oder im Unterhaltungsbereich. Auch dieses 9. Außerordentliche Konzert der Philharmonie, das in die Geschichte als Auszugkonzert aus dem Festsaal eingehen dürfte, war in zweifacher Sicht spektakulär. Einmal das musikalische Erlebnis: der vierstündige (!), einem einzigen Komponisten gewidmete Abend. In drei durch Pausen getrennten Blöcken erklangen Antonin Dvoráks Instrumentalkonzerte. Erfreulich die hervorragenden jungen Solisten; die Geigerin Veronika Eberle, am Klavier Martin Helmchen und als Dritter der Cellist Daniel Müller-Schott. Vorangestellt als Aufwärmer waren jeweils die erzmusikantischen Slawischen Tänze. Zum Abschluss des langen Abend zelebrierten die drei Solisten alleine auf der Bühne mit dem „Dumky“ e-moll Trio ein klangfarbenreiches kammermusikalisches Feuerwerk.

Die andere Seite des Spektakulären: Die Solisten blieben bis zum Ausklang des jubelnden Applauses – allein. Denn die Usance, wie ich sie kenne – dass nämlich der künstlerische Leiter des Abends seine Gäste per Applaus verabschiede – folgte nicht. Sanderling erschien nicht; war vielleicht gar nicht mehr im Haus.

So wundert es auch nicht, dass dem Ereignis in diesem Saal, der dreiundvierzig Jahre lang den Einwohnern der Stadt und vielen seiner Gäste Kulturheimat war, sich kein "Offizieller" auf der Bühne blicken ließ. Wenn schon nicht das Stadtoberhaupt, Oberbürgermeisterin Helma Orosz, so hätte wenigstens der Intendant des Hauses, Anselm Rose, Worte zum Abschied finden müssen – mindestens einen Blumenstrauß für die Saalbauer Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch!

Das Haus war ausverkauft. Viele Dresdner wollten zum letzten Mal in ihren "Kulti“ gehen. Die Erwartung des Publikums, das mit wenigen Ausnahmen die viereinhalb Stunden begeistert mitging, lag vibrierend in der Luft: ob es einen würdigen Abschied geben würde? Die Struktur des durch drei Pausen unterbrochenen Konzerts hätte Möglichkeiten zu kurzen Abschiedsreden genug geboten. Im dürren Programmheft stand das Wort „Ausklang“, wenn auch als einziger Hinweis aufs nahe Ende. Hände des Abschieds wurden geschüttelt, so viel wie nie zu beobachten. Garderobieren bekamen artikulierten Dank. Der Oberlogenschließer zu mir, bevor er die Türe schloss: „Wir haben gekämpft, aber es half nichts.“

04.07.2012Kolumnen