„Musik – der erste Schritt in die Freiheit“

Kolumnen

„Musik – der erste Schritt in die Freiheit“

Es gibt eine Reihe von Orten in und um Dresden, die mit ganz konkreten Kompositionen verbunden sind. Da wäre das Wagner-Haus in Graupa, wo der einstige Hofkapellmeister seinen „Lohengrin“ vollendete. Weber und Schumann wären zu nennen, die in der Region gewirkt hatten. Mit einem Blick in die Sächsische Schweiz denkt man an Dmitri Schostakowitsch, der im Kurort Gohrisch sein 8. Streichquartett geschaffen hat. Und in der heute wieder eng verbundenen deutsch-polnischen Grenzstadt Görlitz / Zgorzelec wird rechtens an das „Quatour pour la Fin du Temps“ erinnert. Der französische Komponist Olivier Messiaen schrieb dieses einzigartig besetzte „Quartett auf das Ende der Zeit“ während seiner Kriegsgefangenschaft für Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier. Das waren genau die Instrumente, die im sogenannten Stammlager VIII A vorhanden beziehungsweise zu beschaffen waren. Vor allem aber sind die entsprechenden Instrumentalisten – Messiaen am Klavier, Henri Akoka an der Klarinette, Jean Le Boulaire an der Violine und Ètienne Pasquier am Violoncello – aus dem grausamen Zufall der Kriegsgeschichte heraus just zur selben Zeit am selben Ort gewesen. Am 15. Januar 1941 gelang ihnen in der Theaterbaracke vor etwa 400 Mithäftlingen (und den Bewachern) die Uraufführung des 50minütigen Werkes.

Sowohl den Interpreten als vor allem auch ihrer Hörerschaft dürften solche Klänge bislang eher sehr fremd gewesen sein. Messiaen hat diese glaubensvoll-apokalyptische Musik unter dem Eindruck der über Europa herziehenden Verrohung geschrieben. Sie trat, nachdem der Komponist im Sommer 1941 in seine Heimat zurückkehren konnte, einen klangvollen Siegeszug an – ohne freilich heute zum Allgemeingut zu zählen.

Bei einem Ausflug an eben diesen Ort der Entstehung setzt man sich einem Wechselbad der Gefühle aus. Da tönen die Amseln und andere Vögel unbeschwert in der Luft, wiegen sich Baumwipfel rauschend im Wind, sirren allerlei Insekten von einer Blüte zur nächsten. Da kann schon mal der Gedanke an heile Welt und Frieden aufkommen. Wären da nicht die eine und andere Tafel mitten im Wald, mit Stacheldraht umrankte Schilder, ein steinernes Memorial, stählerne Denkmäler mitten im Grün. Hier, hier befand sich das Lager, hier haben die gefangenen Soldaten und Offiziere jener von Deutschland überfallenen Nationen bei Wind und Wetter ausharren müssen, hier stand aber auch eine Theaterbaracke, wie sie die Genfer Konvention für Kriegsgefangene von 1929 an vorschrieb. Was für ein Aberwitz dieser vernunftbegabten Spezies, denkt man sich, ein Reglement zu schaffen für den Umgang der Uniform-Menschen im Krieg; einem widernatürlich unmenschlichen Zustand, der ohnehin alles vernünftige Regelwerk außer Kraft setzt.

Dieser Ort macht Dinge bewusst, wenn man sich darauf einlässt. Er mahnt nicht nur an das Schrecken, das so viele Angehörige einer vermeintlichen Kulturnation zu verantworten haben, er lässt auch an das Schicksal des einzelnen Individuums denken. Wie haben all diese namenlos gebliebenen Briten, Franzosen, Niederländer, wie haben diese aus ganz Europa zusammengepferchten Männer Tag um Tag aushalten und überleben können? Und wie hat dieser eine Franzose, dessen Namen wir kennen, die Kraft zu jener Musik gefunden? Er hat sich auf das besonnen, steht zu vermuten, was er in sich trug. Das hat er in Noten gesetzt und zum Klingen gebracht. Das ist, was ihn von Barbaren grundlegend unterscheidet. Das ist, wie es Albrecht Goetze, der unermüdliche Inspirator und Förderer des 2008 – zum 100. Geburtstag von Olivier Messiaen – ins Leben gerufenen Meeting Point Music Messiaen so trefflich formuliert: „Musik – der erste Schritt in die Freiheit“.

Ich würde mich freuen, wenn Sie diese unmittelbar nach einem Ausflug an den Entstehungsort des berühmten Messiaen-Quartetts verfassten Zeilen als Empfehlung nehmen wollten, sich einmal selbst auf den Weg nach Görlitz / Zgorzelec zu machen.
 

Bis nächsten Freitag –
 

Michael Ernst

29.06.2012Kolumnen