„Man will ja im Gespräch bleiben…“

Interviews ▪ Neue Aufnahmen

„Man will ja im Gespräch bleiben…“

Foto: Josep Molina

Andreas Staier, die 50 Variationen, die Diabelli Wiener Zeitgenossen abtrotzte – wäre das ein Projekt, was Sie noch einmal reizen würde, auf dem Hammerflügel zum Leben zu erwecken?

Diabelli hat ja damals alle gefragt, die nicht bei drei auf den Bäumen waren – bedeutende Komponisten sind darunter, aber sozusagen auch sein Zahnarzt oder sein Fitnessberater, wenn man das auf heute übertragen würde. Einige der Variationen sind richtig schlecht. Natürlich habe ich das Werk durchgespielt, aber es nur der Vollständigkeit halber komplett aufführen? Da habe ich lieber eine Auswahl getroffen für die neue CD. Das Projekt ist übrigens fortgesetzt worden – gerade hat man mir eine CD geschickt, auf der Variationen von vier lebenden Komponisten zu hören sind.

Wäre das nicht interessant – die Idee an sich ins heute zu übertragen und einmal berühmte zeitgenössische Komponisten um ihren Beitrag für eine Sammlung bitten?

Dafür bräuchte es eine echte Verlegerpersönlichkeit. Fragen Sie doch mal an, bei Breitkopf oder Universal Edition!

Momentan sind Sie auf einer Konzertreise durch Frankreich und Deutschland. Ist Ihr Instrument dabei?

Ja. Bevor ich da vor Ort auf unwägbares treffe… So ist es für mich bequemer, vorhersehbarer. Mit mir reist das Instrument, auf dem ich auch die Aufnahme gemacht habe.

Ein "Fortepiano nach Conrad Graf"…

Eine Kopie eines Hammerflügels von 1827, 1996 gebaut von Christopher Clarke in Donzy-le-National, Frankreich. Das sehr gut erhaltene Original steht heute im Vleeshuis Museum inAntwerpen! Conrad Graf war ein wichtiger Instrumentenbauer im Wien der 20er bis 40er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts; Schubert lebte zeitweilig im selben Haus wie er. Graf überließ das Instrument Beethoven leihweise, als der schon völlig taub war.

Es hat … vier Pedale?

Fünf. Ganz links eins für den Fagottzug, da senkt sich eine Pergamentrolle auf die Seiten und es gibt so einen schnarrenden Ton. Daneben die Verschiebung, die wir auch von heutigen Instrumenten kennen. Dann ein so genannter "Moderator", dieses Pedal bringt eine dünne Lage Stoff unter die Saiten, die der Hammer dann anschlägt. Ich benutze den Moderator in zwei Variationen, unter anderem für die mysteriöse 21. Variation. Dann das bekannte "rechte Pedal" und schließlich eins für den "Janitscharenzug", so ein Tschingderassabumm mit Schellen, Cymbel usw.

Mir wäre gar keine Komposition präsent, die diese Klänge ausnutzte…

Erstaunlicherweise hatten fast alle Wiener Flügel der Zeit diese Pedale, aber von Komponisten sind sie so gut wie nie vorgeschrieben. Eingesetzt wurde etwa das Janitscharenpedal vor allem für die Schilderung von Schlachtszenen und ähnlichem. Man braucht natürlich mehr Füße! Meine Vermutung ist, dass sie vor allem bei vierhändiger Literatur zum Einsatz kamen. Über den Einsatz des Fagottzugs habe ich nirgends gelesen, aber bei Schubert gibt es Lieder, die "mit Dämpfung" zu spielen sind, damit wäre der Moderator gemeint.

Jeder Geiger ist stolz auf das Instrument, das er spielt – Warum versagen sich heutige Pianisten den Klangreichtum, den Flügel verschiedener Bauarten und Hersteller bieten würden?

Wenn Sie uns Pianisten einen millionenschweren Sponsor nennen, der uns die Instrumente auf Tourneen vorausträgt…? Es ist einfach finanziell nicht machbar.

Aber warum sind beispielsweise Einspielungen im Studio fast ausnahmslos auf Steinway D?

Das stimmt. Nur, bei mir rennen Sie da offene Türen ein, das müssen Sie andere Leute fragen. Aber so wichtig die Instrumentenfrage ist, sie ist nicht alles. Ein Interpret muss sich nur der Tatsache bewusst sein, dass ältere Flügel dünnere Saiten hatten: wenn man die Pedalangaben sklavisch befolgt, gibt es auf heutigen Instrumenten, die länger nachklingen, ein großes Kuddelmuddel. Hier muss man "übersetzen".

Ihr Online-Kalender endet mit der Sommerpause – wie sehen Ihre Pläne für nächstes Jahr aus?

Es wird da zwei Cembaloprogramme geben, die mir am Herzen liegen, mit deutscher und französischer Musik des 17. und 18. Jh. Eins kontrastiert Bach mit den französischen Komponisten, die er gekannt hat: d'Anglebert, F. Couperin… Und ein anderes Programm, indem es um Melancholie geht. Froberger, Georg Muffat, Fischer, Clérambault und L. Couperin.

"Die Zeiten, in der man mit Tronträgern Geld verdiente, sind vorbei…"

Themenwechsel: Verdient ein Künstler heute eigentlich noch nennenswerte Beträge mit CDs?

Es gibt schon Tantiemen. Aber die Zeiten, in der man mit Tonträgern Geld verdiente, sind vorbei. Die Einnahmen kommen da eher indirekt zustande: Man will ja im Gespräch bleiben. Und in Japan beispielsweise gibt es immer noch viele treue CD-Käufer. Ich bin sehr gern dort, werde auch wieder dort touren, vielleicht auch in China. Nur nach Amerika fahre ich nicht mehr, weil ich mich nicht mehr auf amerikanischen Konsulaten erniedrigen lassen möchte…

Vielen Dank für das Gespräch.

Eine Textfassung des Interviews ist auf www.crescendo.de erschienen.

 

Andreas Staier, 1955 in Göttingen geboren, studierte Klavier und Cembalo in Hannover und Amsterdam und war drei Jahre lang Cembalist des Ensembles Musica Antiqua Köln. 1986 begann er seine Solistenkarriere als Cembalist und Pianofortespieler. Er profilierte sich als einer der einflussreichsten Interpreten seines Fachs, der Komponisten von Haydn bis Schumann intellektuell wie emotional neu beleuchtet, zugleich große Literatur jenseits des Repertoires erschließt (Hummel, Field) und mit kreativen Konzepten ("Delight in Disorder", "Hamburg 1734") überzeugt.

Als Kammermusiker arbeitet Staier zusammen mit Künstlern wie Anne Sofie von Otter, Pedro Memelsdorff, Alexej Lubimov, Christine Schornsheim; ein festes Klaviertrio etablierte er mit Daniel Sepec und Jean-Guihen Queyras. Mit dem Tenor Christoph Prégardien verbindet den Pianisten eine langjährige musikalische Partnerschaft, in der CDs mit Liedern von u.a. Schubert, Schumann, Mendelssohn, Beethoven und Brahms entstanden. In Brahms´ Liederzyklus "Die Schöne Magelone" arbeitete Staier zudem mit Senta Berger und Vanessa Redgrave als Sprecherinnen zusammen.

Als Solist gibt Andreas Staier regelmäßig Konzerte mit Concerto Köln, dem Freiburger Barockorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Orchestre des Champs-Elysées Paris u.a. Er gastiert bei den großen internationalen Musikfestivals (Festival de La Roque d'Anthéron, Festival de Saintes, Festival de Montreux, Styriarte Graz, Schubertiade Schwarzenberg, Schleswig-Holstein Musik Festival, Bach-Fest Leipzig, Bachtage Berlin, Bachwoche Ansbach, Kissinger Sommer u.a.) und auf den international renommierten Konzertpodien von Berlin bis Tokyo.

Andreas Staier hat rund 50 CD-Einspielungen vorgelegt, die größtenteils mit internationalen Schallplattenpreisen ausgezeichnet wurden. Bis 1995 stand Andreas Staier bei BMG/Harmonia Mundi Deutschland unter Vertrag. Mit der Teldec verband ihn bis 2002 ein Exklusivvertrag, seit 2003 arbeitet Staier mit harmonia mundi France zusammen. Zuletzt erschien hier "Frühwerke", Musik des jungen J.S.Bach, eingespielt auf einem Cembalo von H.A. Hass, dem größten, das im 18. Jahrhundert gebaut wurde. Für den Fortepianospieler Andreas Staier komponierte der Franzose Brice Pauset seine "Kontra-Sonate", die der Musiker 2001 zur Uraufführung brachte. 

Andreas Staier spielt die Diabelli-Variationen am 19. Juni in Bonn (Beethovenhaus) und am 21. Juni in London (Wigmore Hall). Weitere Infos hier.

11.06.2012Interviews, Neue Aufnahmen