Große Oper in Rom

Kolumnen

Große Oper in Rom

Ein Gruß aus Rom, musikalisch, wie sonst. In der Oper war ich nicht, noch sind die Erinnerungen an Besuche der letzten Jahre präsent, da sollte so schnell keine weitere teure Enttäuschung dazu kommen. In der Anglikanischen Kirche, nahe der Piazza del Populo, wird an jedem Sonnabend „La Traviata“ gegeben, konzertant aber mit kostümierten Protagonisten. Die Namen derselben verschweigen die Plakate: also auch nicht.

Und das Ballett? Wenn die Oper spielt, wird nicht getanzt, es sei denn im Teatro Nazionale, aber da gibt’s auch nichts. Also gebe ich mich meinen lebhaften und noch nach Jahren ergreifenden Erinnerungen anlässlich eines Besuches hier, am 1. Dezember 2004, hin. Beim Besuch des Ballettabends „Operazione Fauno“ erlebte ich nämlich, was ein treues Publikum vermag. In vier verschiedenen Choreografien wurde „Après-Midi d´un Faune“ mit der vom Band zugespielten Musik von Claude Debussy getanzt. Vier mal elf Minuten, zwei Pausen, voller Preis, alle Achtung! Immerhin waren die mir bis dahin unbekannte Fassung von Jerome Robbins dabei und das Solo von Maurice Béjart mit Octavio Stanley. Das Publikum aber geriet zunächst einer Hand wegen aus der Fassung. Zu Beginn gab es die Rekonstruktion des historischen Skandals der Uraufführung der legendären Ballets Russes von 1912 in Paris, jener Choreografie von Waslaw Nijinsky, in der er selbst als Faun, für damalige Verhältnisse höchst provokant, sein Verlangen nach den schönen aber nicht greifbaren sieben Nymphen mit einer angedeuteten Masturbation in den Schleier einer der Schönheiten zelebrierte.

Aber bei dieser, jetzt von Gheorghe Iancu getanzten Szene geriet das römische Publikum nicht in Rage. Gleich zu Beginn erhob es sich von den Plätzen und klatschte lautstark zu meiner Verwunderung, denn eigentlich war ja noch gar nichts geschehen. Eben doch. Aus einer der rekonstruierten Gassen auf der rechten Seite des historischen Bühnenbildes von Léon Bakst schob sich eine Hand in die Szene, und das Publikum wusste, diese Hand gehört Carla Fracci, der römischen Nymphe. Die Fracci wurde gefeiert bevor sie gänzlich erschien und bevor sie überhaupt tanzte. Verdankte das Publikum dieser 1936 in Milano geborenen, inzwischen fast 70jährigen, Legende des Tanzes große Abende und rauschende Erinnerungen, etwa an ihre 1968 auch als Film dokumentierte „Giselle“ mit keinem Geringeren als Erik Bruhn in der Partie des Albrecht.

In Dresden war die Fracci, am 18. Juli 1998, mit Rex Harrington in der Titelpartie als Tatjana in John Crancos Pas de deux aus „Onegin“ über die Bühne der Semperoper geschwebt. Unvergesslich, sie schwebte kraft der sanften und wunderbar leichten Hebungen ihres genialen Partners! Und unglaublich auch: Am gleichen Abend gab auch der gegenwärtige Ballettstar aus Italien, Roberto Bolle, sein Dresdner Debüt. Mit der Kanadierin Margaret Illmann tanzte er als Prinz Siegfried den Pas de deux zum Adagio aus dem zweiten Akt „Schwanensee“.

Zurück in die Gegenwart, vom Tanz zur Musik in Rom, diesmal auf Straßen, auf Plätzen, in Kirchen. Große Oper findet auf den Straßen statt, in den Cafés, im Bus, in der Straßenbahn. Junge Männer telefonieren. Sie sprechen laut, sie bekräftigen ihre melodischen Beteuerungen, jedenfalls wirkt ihr Gestus so, mit weit ausholenden Bewegungen des freien Armes und besonderes ausdrucksstarken Haltungen der Hand. Wenn ein Arm und eine Hand nicht reichen wird das Telefon elegant mit der hoch gezogenen Schulter ans Ohr gehalten und was jetzt geschieht gleicht dem, was man oft von Tenören an der Rampe aller Opernhäuser der Welt sehen kann, nur dass es dort immer so entsetzlich komisch wirkt. Wahrscheinlich weil das Telefon fehlt, oftmals wahrscheinlich auch das Anliegen hinter den Tönen und Gesten.

Mit der Straßenmusik ist es in Rom nicht weiter her als anderswo, sie ist dürftig geworden. Aber es gibt Ausnahmen. Etwa am Sonnabend, abends, auf der Piazza Navonna, am mittleren der drei herrlichen Brunnen Berninis, da steht ein sehr alter Mann im roten Jackett, mit einer kleinen schwarzen Fliege und singt. Die Stimme ist schon recht schütter, auch das Mikrophon kann da nicht viel helfen. Man muss schon stehen bleiben, nahe heran gehen, dann erlebt man berührende Momente, Folklore, Schlager, ganz bescheiden, die kleine Chance für leise Töne in einer lauten Stadt. Wenige Meter weiter mischen drei so zähe wie drahtige Breakdancer das Publikum auf, der Sound ist anders, keine Chance auch nur noch einen Hauch vom musikalischen Plätschern der sprudelnden Brunnen zu vernehmen, wie es mein nur noch antiquarisch zu bekommender Reiseführer des unvergleichlichen Italienkenners Eckart Peterich noch 1961, als die erste Auflage seiner drei Italien-Bände bei Prestel in München erschienen, beschreibt.

Das kleine musikalische Glück erlebe ich immer wieder im Café auf dem Platz vor Santa Maria in Trastevere. Am Abend spielt hier am Brunnen, über dem das herrliche Mosaik des Kirchenportals in der Abendsonne leuchtet, regelmäßig ein Trio. Bass, Gitarre und Akkordeon, ganz ohne Verstärkung, die Musik mischt sich mit den Geräuschen des Platzes, das hat was, ein bisschen Film, ein bisschen Sentimentalität, dazu noch einen und noch einen Spritz-Aperol, „o dolche far niente“…

Zuvor in der Kirche Abendgottesdienst am Pfingstfest. Welch Glück, dass meine katholischen Ursprünge dem folgenden überwiegend protestantischen Leben Stand gehalten haben. Vieles klingt vertraut in der Liturgie, der Schritt vom Lateinischen – meine katholische Zeit liegt Gott sei Dank vor dem II. Vatikanischen Konzil – zum Italienischen ist eh nicht so groß, und nach vorsichtigem Summen wage ich es auch zu singen, es geht, „Gloria a Dio nell´alto dei cieli e pace in terra, e pace in terra, agli uomini di buona volontà.“

Und gänzlich friedlich umfängt mich eine Situation, in die ich eigentlich zufällig gerate. Die kleine Kirche San Clemente, nicht weit vom mächtigen Colosseo, müsste laut Anzeige schon geschlossen sein. Die Tür ist offen. Erst kann ich sie gar nicht sehen, ich höre nur den gleichmäßigen Tonfall ihrer Litanei, sieben alte Frauen sitzen beieinander und wiederholen nach Angaben der Vorbeterin ihre verehrenden und bittenden, so gut wie gesungenen Texte, die der Heiligen Jungfrau gelten. Da mag mir manches dem Inhalt nach sehr fremd geworden sein, und dennoch, entziehen kann ich mich der Intensität solcher römischen Klänge nicht.

Herzlich, bis Montag,
Boris Gruhl

04.06.2012Kolumnen