„Die Grundlage ist die Liebe“

Interviews

„Die Grundlage ist die Liebe“

Fotos: Marco Borggreve

Patricia Kopatchinskaja, Sie heben sich – bewusst oder unbewusst – von ihren geigenden Altersgenossinnen ab. Brauchen Musiker heute eine wiedererkennbare „Marke“, um erfolgreich zu sein?

Marke? Davon habe ich wenig Ahnung. Was ich mache, ist Musik. Ihr widme ich mein Leben. Sicher: Musiker, die ihr Instrument mit absoluter Perfektion beherrschen, gibt es heutzutage mehr denn je. Es ist ein ungeheuer dichter Markt. Es ist die Aufgabe der zuhörenden Menschen zu verstehen, was sie am meisten berührt und interessiert, um unter denen eine Auswahl zu treffen. Wir Musiker sind so wie wir sind, wir können kaum etwas dafür tun, um uns zu etablieren. Wir sind mit einer Begabung geboren, und gehen unseren Weg, um unsere Bedeutung zu erfüllen. Man kann mit einer Begabung reich werden oder verrückt, Professor am Konservatorium sein oder auch daran zerbrechen.

Wieviel mangelnde Begabung kann man durch diszipliniertes Üben wettmachen?

Üben müssen auch begabte Menschen. Der Sinn der Existenz eines Musikers zeigt sich im Laufe seines Lebens. Das Publikum muss seinen Ohren trauen. Wenn man zuhört, weiß das Herz sofort, ob es etwas existenziell gewesen ist oder eine Reproduktion. Ob etwas dargestellt, hingestellt wurde. In Stein gemeißelt. Ohne jegliche Veränderung. Oder ob es von innen kommt.

„Man hört nur mit dem Herzen gut…“ Gilt das wirklich für das Publikum von heute? Ich behaupte: viel mehr Wert wird auf den Namen des Solisten, eben „die Marke“ gelegt. Das mag vor fünfzig Jahren noch anders gewesen sein.

Vielleicht. Man muss auf jeden Fall versuchen, den Zugang zu älteren Werken zu finden, auch zu anderen Musizierweisen. Ich bewundere beispielsweise die Kunst des „parlando rubato“, ein sprechender Musizierstil. Kreisler beherrschte ihn wunderbar, Heifetz nicht…

…Der spielte zu routiniert?

Von Heifetz kann man sehr viel lernen; aber er war eine eiskalte Maschine. Nein, was Enescu konnte, was Sándor Végh konnte, diese unfassbare Magie: da passierten Wunder auf der Bühne. Das ist eine alte Kultur, die inzwischen degradiert ist. Es braucht neue Leute, die diesen Zauber wieder auf die Bühne bringen und vielleicht wieder die Herzen berühren. Wenn man zu den Wurzeln eines Stückes zurückgeht und die Spieltradition der Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht beachtet, hat man mehr Chancen, das Stück wiederzubeleben; zu fühlen, was den Komponisten bewegt hat.

Dieser – sagen wir: intuitive Zugang zu einem Werk; funktioniert der auch bei zeitgenössischer Musik? Sie haben Ligeti, Eötvös, Fazil Say im Programm.

Zeitgenössische Musik zu spielen ist für mich so einfach wie Spazierengehen oder Zeitung lesen. Es ist, was um uns ist. Viel schwieriger ist es doch, alte Werke so zu spielen, dass sie einen Menschen von heute interessieren. Das Violinkonzert von Ligeti: ein Wunderwerk, ein Uhrwerk aus einem Ufo. Ich stelle mir beim Spielen diese riesige Maschine vor, mit vielen Details, ihrerseits aus kleinen Organismen zusammengesetzt. Meine sechsjährige Tochter war in einigen Ligeti-Konzerten. Sie hat sofort einen Zugang dazu gefunden. Naja, ich habe auch sehr leidenschaftlich gespielt! Intellektuell ist das nicht zu schultern. Nur über das verletzliche, lebendige, organische Gewebe können wir etwas hörbar werden lassen. Wissen Sie, je berühmter ein Künstler ist, desto größer seine Chancen, zeitgenössische Musik bekannter zu machen. Wir brauchen einen breiten Zuhörerkreis dafür! Man muss es gut verkaufen – da haben wir’s wieder.

Haben Sie eigentlich ein Facebook-Profil, bsp. um Zuhörer neugierig zu machen auf das, was Sie tun?

Es gibt eine Facebook-Seite von mir, aber die betreibt irgendjemand, den ich gar nicht kenne. Es ist mir ein bisschen unheimlich. Offenbar ein Fan – das ist ja auch nicht ganz ungefährlich. Privat nutze ich Facebook schon, es ist ja sehr praktisch. Vor allem, um mit der Familie Kontakt zu halten, Freunde posten die Bilder ihrer Kinder und so weiter.

Sie spielen dieses Jahr fast einhundert Konzerte, ein Wahnsinnsplan.

In Dresden spielte Patricia Kopatchinskaja mit ihren Eltern, hier: Vater Viktor Kopatchinsky

Ich bin sehr oft allein. Einsam. Meine Familie bleibt ja zuhause, wenn ich auf Konzertreise gehe. Ich habe damit sehr zu kämpfen, und besonders dieses Jahr. Ich wache schon mal auf und weiß nicht, in welcher Stadt ich bin. 

Wie schaffen Sie es da, sich immer wieder zu motivieren?

Die Grundlage ist die Liebe. Dann kommt die Struktur, die diese Liebe trägt. Wenn man diese Leidenschaft einmal gefunden hat, wird es immer so bleiben. Das Orchesterspiel birgt eine große Gefahr: dass das Herz abstirbt. Ich versuche mich zu erinnern, was ich als Kind beim Musizieren gespürt habe, wie viel Freude, Liebe, Wut ich in die Musik gelegt habe. Sonst werden wir zu blutlosen, blassen Gestalten, die in der Musikgeschichte umhergeistern und nicht mehr um den Kern der Sache kämpfen. Dann ist nur noch eine polierte, lackierte Oberfläche da. Aber nichts mehr darunter.

Die Liebe zur lebendigen Musik: gute Lehrer geben das ihren Schülern mit…

Ja. In Wien habe ich viel Zeit während meines Studiums auf einem Stehplatz im Musikverein verbracht. Alle zwei, drei Tage ins Konzert, in die Oper: das war ein Muss!

Ein Lebenselixier!

Ja. Musiker sind ja unbelehrbare Idealisten. Wir würden es immer weiter versuchen, auch wenn es kein Geld mehr gäbe für die Kultur, wenn sie verboten würde. Die echten Musiker werden in den Kellern weiterspielen, ihr Leben riskieren für die Musik.

01.06.2012Interviews