O diese Milde…

Rezensionen

O diese Milde…

Im deutschen Bühnenrecht ist es offenbar nicht vorgesehen, Persönlichkeitsrechte von Sänger-Darstellern gegen entstellende Kostüme oder gar bewegungsfreie – also so unbewegende wie unbewegte – Regieeinfälle durchzusetzen. Sonst würde womöglich eine Klagewelle über die Sächsische Staatsoper hereinbrechen. Vielleicht begegnete man auch mit Milde. Die nämlich zeichnet die jüngste Musiktheaterpremiere an der Semperoper durchweg aus: „La clemenza di Tito“ ist ein in mehrfacher Hinsicht verbrämender Titel.

Steve Davislim als "Adlerkralle Tito" (Fotos: Matthias Creutziger)

Schon historisch gesehen ist er nicht ganz korrekt. Der römische Herrscher ist in der Geschichtsschreibung auch als blutrünstiger Schlächter vermerkt worden. Und selbst das Libretto, das Caterino Mazzolà nach einem vielfach umgenutzten Text von Pietro Metastasio schuf, kündet ja nicht so ganz ausnahmslos von der Milde des Titus. Was Wolfgang Amadeus Mozart in seiner letzten Schaffensphase 1791 daraus gemacht hat, ist – zumal nach dem kurz zuvor ebenfalls in Prag uraufgeführten „Don Giovanni“ – ein sanfter Schritt vom musikalisch schon beinahe hochdramatischen Gestus zurück zum seriellen Charakter eines überwunden geglaubten Musiktheaters. Dass „Titus“ dennoch kein langweilendes Resultat ist, zeichnet seinen gewitzten Schöpfer noch heute aus. Während Europa in seinen blaublütigen Grundfesten heftig wackelte, sonnte sich Kaiser Leopold II. als König von Böhmen noch unter glaubensvoller Zukunftshoffnung.

Hätten er und andere Despoten doch nur auf die Musik hören können …! Die nämlich ist disparat, kunstvoll mit hohem Anspruch – kein Adelsgespons käme je auf die Idee, ihrer Sinnhaftigkeit nachzulauschen. Was die Staatskapelle jetzt unter der musikalischen Leitung von Tomás Netopil daraus gemacht hat, ist für die einst so beliebte und dann in ungerechtfertigte Vergessenheit geratene Oper geradezu beispielhaft. Da werden Melodik und Dynamik mitsamt allen Arabesken sehr ernst genommen und auch absolut seriös umgesetzt. Dass der tschechische Dirigent als Chef des Prager Nationaltheaters eine erstklassige Besetzung am Pult der Kapelle ist, steht ganz außer Zweifel. Er motiviert das Orchester zu hörbarer Spielfreude mit Feinschliff. Auch die Solisten sind ganz bei der Sache: Steve Davislim aus Australien gibt dem Titelpart enormes Potential, das so gefühlig wie machtbewusst klingen kann. Amanda Majeski als Vitellia und Anke Vondung als Sesto sind sich emotional eng verbunden und reichen sich vokal die ungetrübtesten Wasser. Brillant, mit Strahlkraft und Ausdrucksvermögen, wobei vor allem die Einsätze im Pianissimo unglaublich betören, mehr noch als die ungebremst artikulierten Ausbrüche des in machtgeiler Hassliebe hörig verbundenen Paares. Stephanie Atanasov und Elena Gorshunova als Annio und Servillia sind zwar unterschiedlich, aber doch beide unanfechtbar präsent, und auch Tilmann Rönnebeck ist als Publio ein Garant großartiger Stimmkultur.

Oh diese Milde! Amanda Majeski (Vitellia), Hannes-Detlef Vogel (Vitellio, Vitellias Vater), Steve Davislim (Tito Vespasiano)

Regisseurin Bettina Bruinier und ihre Kostümbildnerin Mareile Krettek haben die Protagonisten jedoch überwiegend zu tierischen Rampensäuen degradiert. Das bekommt weder der musikalischen Qualität noch der theatralischen Vorlage. „La clemenza di Tito“ ist doch schon Verfremdung genug, muss da noch nachträglich alles Theater in die Fabel übersetzt werden, wie hier geschehen? Titus als zurechtgestutzter Raubvogel, Vitellia als Füchsin, ein dackliger Sesto und überall eine stumm kriechende Wanze. Niedlich wie eine dräuende Hirschkuh die Hosenrolle des Annio und irgendwie elfenhaft flirrend dessen begehrte Servilia. Einzig Hauptmann Publio entspricht als aalglatter Lurch lebensecht dem anpasserischen Dünkel militärischer Geistlosigkeit. Erst nach der Auflösung von Mordkomplott und Intrige wider Titus werden die tierischen Staffagen allmählich abgelegt. Was leider noch deutlicher macht, dass der Regieansatz schon beizeiten steckengeblieben sein dürfte. Denn bis auf frontales Ansingen über den Graben hinweg bleibt da nicht viel. Das aber hatte die Regisseurin schon bei Kurt Weills ebenfalls von Mareile Krettek kostümierter „Street Scene“ bewiesen. Auch da wirkte sie mit Bühnenbildner Volker Thiele zusammen, der hier einen morbiden Stilmix à la Rom, ewige Stadt, geschaffen hat, mit visualisierter Antike bis zum Hochhaus. Nun weiß das heutige Publikum einmal mehr, dass es in Machtzentren damals wie heute recht viehisch zugehen kann, aller aufgesetzten Milde zum Trotz.

Wenige Tage nach der Premiere „La clemenza di Tito“ folgt heute die Wiederaufnahme von „Street Scene“. Für ganze zwei Vorstellungen (30.5. und 3.6.)! Die Spielzeit währt immerhin noch bis Anfang Juli. Da ist noch Platz für viermal „Titus“. Spielplanpolitik ist aber eine andere Sache.

Nächste Aufführungen: 8., 15., 18., 25. Juni 2012

30.05.2012Rezensionen