Ein toller Tag im Hause Almaviva

Rezensionen

Ein toller Tag im Hause Almaviva

Wer gedacht hatte, dass die fünfte Vorstellung dieser Hochschulproduktion unter der Konkurrenz der gleichzeitig stattfindenden Musikfestspiele gelitten hätte, der war angenehm überrascht. Unvermindert hält das Interesse an dieser Produktion an. Allein das ist schon ein Lob für die Mühen, dieses höchst anspruchsvolle Werk gewissermaßen als Repertoire-Stück aufzuführen. Dank eines Kooperationsvertrages zwischen Schauspiel und Hochschule ist es möglich, neun Aufführungen zu planen: Manches zeitgenössische Stück schafft diese Aufführungszahl nicht. Die gute Zusammenarbeit der beiden Institutionen hat für die Hochschule auch den Vorteil, eine Bühne mit professionellen Bedingungen zu bespielen, was sich am Abend auch bestens auswirkte: nach einer technischen Panne bewegten Bühnenarbeiter das Bühnenbild in „Handarbeit“ und machten so die Vorstellung möglich!

Finale: Bevor fast alle Paare sich finden: v.l. Figaro mit neu entdeckter Mutter Marcellina, Graf letztmalig mit Susanna, dahinter Bartolo und Basilio, letztmalig Cherubino auf dem Schoß der Gräfin, letztmalig Barbarina mit Vater, bevor sie zu Cherubino wechselt… (Fotos: Hochschule für Musik)

Was die Studenten leisten, entspricht den Anforderungen. Das heißt, dreieinhalb Stunden Bestform zu zeigen, ohne schon über die später nötige Routine des Theateralltags zu verfügen. Aber deshalb werden ja solche Studio-Inszenierungen erarbeitet! Das Hochschulorchester, besonders seine Bläser, unter denen die Holzbläser in Mozarts Partituren eine besondere Rolle spielen, war bestens vorbereitet, auch wenn in den hohen Streichern hin und wieder kleine Schwankungen auftraten. Daniel Spogis am Cembalo und Sofia Chekalina, Violoncello, waren aufmerksame Begleiter der vielen Rezitative.

Mozart fordert in fast jeder Nummer Tempo, Präzision und Schwung in den vielfach auf die leichte Taktzählzeit betonten kurzen Phrasen. Unter der aufmerksamen Leitung des Rektors Prof. Ekkehard Klemm wurde dieses Tempo vom ersten Takt der Ouvertüre an gespielt. Dirigierstudenten, die das Stück mit vorbereitet haben, hatten Gelegenheit, selbst ans Pult zu treten: Karl-Friedrich Winter im dritten und Mirai Abe im vierten Akt, die ebenso umsichtig das große Werk vollendeten. Einzig die in der Operngeschichte einmalige Szene der Großen Verzeihung am Schluss, als die Gräfin auf das „perdono“ ihres untreuen Gatten eingeht und die Komödie plötzlich zu einer kurzen Utopie der Versöhnung erblüht, wurde musikalisch etwas kräftig angefasst. In den nächsten beiden Vorstellungen werden weitere Studenten Teile der Oper dirigieren, die beste Gelegenheit, in der Praxis zu lernen.

Figaro (Claudius Ehrler) macht im 4. Akt Jagd auf den Grafen und hat eben seine als Gräfin verkleidete Susanne (Isabel Jantschek) erkannt.

Im Hause Almaviva geht es drunter und drüber: der Graf, der sich nur um seine Amouren kümmert, kann sich weder mit feudalem Zwang noch mit Bestechung Autorität verschaffen. Gunyong Na ist ein Darsteller, der in bester stimmlicher Verfassung, mit deutlicher Aussprache (die Inszenierung bedient sich einer modernen deutschen Textfassung von Nicolas Brieger und Friedemann Layer) die Rolle des übervorteilten Liebhabers überzeugend darbot. In Isabel Jantschek als Susanna und Claudius Ehrler als Figaro hatte die Aufführung ein Paar, das alle Intrigen, auch gegenseitige Verunsicherungen glücklich übersteht und als Spielmacher die Szene prägt. Auch alle anderen Rollen sind durch die Studenten überzeugend besetzt: der Cherubino der Sarah Kaulbach als pubertierender Jüngling, der an jedem Rock hängen bleibt, Patricia Osei Kofi als Marcellina, Xiangnan Yao als Dr. Bartolo, Martin Schicketanz als Antonio und Marie Händel als seine Tochter Barbarina, nicht zu vergessen Martin Rieck, der eine herrliche Studie des Intriganten Basilio abgab. Nur mit der Gräfin gibt es ein Problem. Mozart, der alles über die Frauen wusste und das auch noch komponieren konnte, verlangt eine Darstellerin, die schon durch Höhen und Tiefen gegangen ist. Bei aller sängerischen Präzision konnte Sulki Chung dies nicht leisten.

Der Leiter der Opernklasse, Prof. Andreas Baumann, hat eine Spielfreude erzeugt, wie sie den Studenten wohl ansteht. Da wird auch mal die Gräfin kräftig angerempelt, wenn Mozarts Musik die Solisten einfach mitreißt. Dabei ist die Inszenierung voller Sorgfalt und – das versteht sich heutzutage nicht von selbst – unter genauer Kenntnis der Partitur angelegt: keine überflüssigen Gags, keine Selbstdarstellung des Regisseurs; hier dient er dem Werk und seiner Aufgabe als Hochschullehrer, hier lernen Studenten, was Musiktheater sein kann, wenn man der Musik vertraut.

Die großen Ensembleszenen, Mozarts Stärke und für jeden Regisseur eine Herausforderung, bieten eine Fülle für Auge und Ohr, und wenn man deren dreie hätte, bekäme man auch noch mit, was sich weiter hinten auf der Bühne abspielt und wie der oder jener reagiert. Wie im Ensemble des dritten Akts, der Figaros Herkunft klärt und den Grafen nach dem verlorenen Prozess wieder sehr dumm dastehen lässt. Figaro wird, nachdem er den Hauptmann Cherubino mit militanten Klängen verspottet hat, im Nachspiel doch sehr nachdenklich, was dem jungen Manne noch alles zustoßen könnte. Die Inszenierung ist voller solcher kleinen, feinen Gesten am Rande des großen Spiels.

Das übersichtliche Bühnenbild von Agathe Mac Queen bot gute Voraussetzungen für die muntere Komödie, und auch die Kostüme, das Rokoko leicht stilisierend, verzichteten auf  moderne Alltagskleidung. Der Abend ist ein Ausweis hoher Leistungsfähigkeit des gesamten beteiligten Hochschul-Ensembles.

Nächste Vorstellungen am 30. 5., 10. 6., 14. 6. und 26. 6.

29.05.2012Rezensionen