Dysbalancen

Rezensionen

Dysbalancen

Mit einem Sinfoniekonzert am 14. Mai im Konzertsaal der Musikhochschule beendete das Junge Sinfonieorchester Dresden die Saison 2011/2012. Mancher mitwirkende Abiturient hatte an diesem Tag früh Generalprobe, dann mündliche Prüfungen und dann Konzert mit anspruchsvollen Werken. Da gab es einige Überschneidungen…< /p>

Foto: Sächsisches Landesgymnasium für Musik

Nach der schwungvollen Tragischen Ouvertüre op. 81 von Johannes Brahms gaben zwei kleinere Concerti zwei Solisten die Möglichkeit, ihr Können auf sympathische Weise zu Gehör zu bringen: Theresia Schmalian im Ferrari-roten Kleid, Schülerin der 11. Klasse und von Robert-Christian Schuster ausgebildet, bewies Sicherheit und Kraft auf ihrem Soloinstrument in der Suite-Concertino für Fagott und kleines Orchester von Ermanno Wolf-Ferrari, das der deutsch-italienische Komponist 1933 komponiert hatte. Seine musikalische Mittel des späten 19. Jahrhunderts nutzende eingängige Tonsprache gibt der Solistin Raum für schwingende melodische Linien.

Das inzwischen weit verbreitete Concerto Nr. 1 für Marimbaphon und Orchester des zeitgenössischen dänischen Komponisten Anders Koppel (geb. 1947) ließ erkennen, dass der Komponist sowohl in einer Rockband musikalische Erfahrungen gesammelt hat als auch vielseitig in anderen Genres tätig ist, bisher acht Ballettmusiken, 150 Filmmusiken und Werke für klassischen Besetzungen geschrieben hat. Der Abiturient Richard Willmann (Klasse Ulrich Grafe) überzeugte in diesem 1995 entstandenen Werk durch Klangsinn und Virtuosität und wurde vom stets aufmerksamen Dirigenten mit dem Orchester durch alle rhythmischen Finessen sicher geleitet. Nach diesem erfrischenden modernen Stück, aus dem viel musikalischer Humor sprach, hätte das Konzert beendet sein können, und mancher Zuhörer sprach das auch in der Pause leise aus.

Aber es folgte noch ein großer Brocken, Brahms' 3. Sinfonie. Nicht, dass die Schülerinnen und Schüler die technischen Anforderungen nicht bewältigten – aber es wurde deutlich, dass die Kraft und die Masse fehlen. Den Streichern, vorzugsweise Streicherinnen, fehlt die physische Kraft, die erst nach Berufserfahrung einsetzt, um sich gegen die kräftigen Bläser durchzusetzen. Dadurch gerät die Klangbalance ins Wanken. Es brechen Übergänge weg, die das musikalische Kontinuum eigentlich erfordern und die jedes Orchester, das über die entsprechende Besetzung verfügt, problemlos leistet. Dabei war der 3. Satz, den alle kennen, die Brahms lieben, sehr ausdrucksvoll musiziert, wie überhaupt Wolfgang Behrend als Dirigent das komplizierte Geflecht Brahmsscher Orchesterpolyphonie überlegen und präzise steuerte. Zu Recht haben ihm die jungen Musiker am Schluss ihren eigenen Beifall gespendet. Aber es sollte doch überlegt werden, ob die Schüler zum Abschluss eines anstrengenden Schuljahres noch einmal musikalisch so gefordert werden müssen.

Der Leser des Programm freut sich gewiss, wenn er z. B. die vielen Orte liest, in denen das Junge Sinfonieorchester schon gastiert hat. Dass aber nicht ein Wörtlein über die Komponisten, ohne die die Musiker ja nichts zu spielen hätten, zu lesen war: das sollte sich ändern.

16.05.2012Rezensionen